Familiendrama

Vater gesteht Tat von Ilsede

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Foto: Zum Prozessauftakt gesteht der 37 Jahre alte Vater die Tat an seinen vier Kindern.

Hildesheim - Ein Familienvater tötet seine vier Kinder, während seine Ehefrau im Urlaub in Dänemark ist. Der Mehrfachmord im niedersächsischen Groß Ilsede schockierte ganz Deutschland. Am Mittwoch begann in Hildesheim der Prozess.

Wie kann es geschehen, dass ein Vater seine eigenen Kinder tötet? Diese Frage stellt sich bei einem Mordprozess, der am Mittwoch vor dem Landgericht Hildesheim begonnen hat.

Auf der Anklagebank sitzt ein schmächtiger Mann mit Stirnglatze, Dreitagebart und Brille. Andreas S. senkt den Blick und starrt ins Leere, als die Anklage verlesen wird. Danach hat der frühere Angestellte einer Autobahnmeisterei am Abend des 14. Juni in seinem Reihenhaus in Groß Ilsede bei Peine seine vier Kinder in ihren Betten erstochen, während seine Frau im Urlaub in Dänemark war: Lio (5), Lean (7), Noah (9) und Pia (12). Die Leichen der vier Kinder trug er anschließend ins Schlafzimmer ihrer Eltern und breitete sie auf dem Ehebett aus. Kurz darauf stach er auf sich selbst ein.

„Ich möchte nur sagen, ich habe es gemacht. Es tut mir sehr leid, was ich meinen Kindern und meiner Frau angetan habe“, sagt der 37-Jährige mit tränenerstickter Stimme. Mehr nicht. Da der Angeklagte ansonsten schweigt, verliest der Vorsitzende Richter Ulrich Pohl das Protokoll der richterlichen Vernehmung. Danach verlief der 14. Juni zunächst ganz normal. Die Kinder gehen zur Schule oder in den Kindergarten, ihr Vater macht ihnen Mittagessen, fährt sie zu Freunden zum Spielen, holt sie wieder ab, spielt mit ihnen. Gleichzeitig hält Andreas S. Verbindung zu seiner Frau in Dänemark, die schon zwei Monate zuvor angekündigt hat, dass sie sich von ihm trennen will. Anfangs geht es noch um Mitbringsel. Doch gegen 17.30 Uhr fragt Andreas S. seine Frau erneut, ob sie noch eine Chance sieht. Tanja S. verneint die Frage. Ihr Mann teilt daraufhin seiner Tochter Pia mit, dass er wegziehen werde und schenkt dem Mädchen ein Speckstein-Herz: „Mama will das Herz nicht mehr. Ich möchte, dass du es nimmst, damit du immer an mich denkst.“

Als die Kinder schlafen, geht Andreas S. in den Keller, trinkt einige Flaschen Bier und schreibt einen Abschiedsbrief und eine SMS an seine Frau. Was danach geschieht, hat der Angeklagte nur noch bruchstückhaft in Erinnerung, spricht von einem „Filmriss“. Doch es steht fest, dass er in die Zimmer seiner schlafenden Kinder ging und ihnen mit einem Teppichmesser die Kehlen durchtrennte. Pia wurde dabei wach. „Was ist denn los?“, soll sie ihren Vater gefragt haben, der ihr daraufhin mit der einen Hand den Mund zuhielt und mit der anderen auf ihren Hals einstach. „Wie im Traum“ sei das alles gewesen, sagt der Angeklagte.

Nach der Tat sendete er seiner Frau in Dänemark eine SMS: „Herzlichen Glückwunsch, du hast erreicht, was du wolltest. Fünf Herzen haben aufgehört zu schlagen.“ Doch der Plan, sich auch selbst zu töten, scheitert. Seine Frau alarmiert ihre in der Nähe lebende Schwägerin, als sie die SMS erhält. Als die mit ihrem Lebensgefährten kurz nach 23 Uhr zu dem Reihenhaus kommt, entdeckt sie Blut und ruft den Notdienst. Die Rettungssanitäter schließlich finden Andreas S., der mit schweren Schnittverletzungen auf der Bettkante neben seinen toten Kindern sitzt. „Lasst mich sterben“, ruft er den Sanitätern zu. „Ich will bei meinen Kindern bleiben.“ Doch der Schwerverletzte wird - gegen seinen Willen - gerettet. Für die Kinder kommt jede Hilfe zu spät. Den Rettungssanitätern, die jetzt vor Gericht aussagten, ist anzusehen, dass sie den Einsatz bis heute nicht verwunden haben.

Dass es zu dem Gewaltausbruch kommen konnte, ist für die Menschen aus dem Umkreis des Angeklagten unbegreiflich. Andreas S. galt als besonders liebevoller Vater, seine Ehe als vorbildlich. „Das war ein ganz tolles Paar“, sagt eine Nachbarin, die Wand an Wand mit der Familie lebte. „Ich habe es bewundert, dass sie sich die Liebe bewahrt hatten.“ Doch der Eindruck täuschte. Andreas S. - ausgebrannt, überfordert und von Geldsorgen gequält - litt unter Depressionen und begann zu trinken. Pro Tag bis zu 15 Flaschen Bier. Und im Suff rastete er aus, schlug seine Frau, warf sie aufs Bett, vergewaltigte sie. Anfangs zeigte Tanja S. offenbar noch Verständnis, begleitete ihren Mann zum Arzt, sorgte dafür, dass er ein halbes Jahr krank geschrieben wurde und zur Reha kam. Nach der Krise sei sogar schon eine „zweite Eheschließungszeremonie“ in Dänemark geplant gewesen, sagt der Angeklagte. Doch nach einem Rückfall war alles aus. „Da war für meine Frau klar, dass sie mich nicht mehr wollte.“ Nach einer dreiwöchigen Entzugskur im April 2012 zieht S. in die Kellerwohnung seiner Schwester - und droht für den Fall einer endgültigen Trennung mit Selbstmord. Auch Pia gegenüber. „Mach’s nicht“, schreibt die besorgte Tochter ihrem Vater in einer SMS. „Wird schon wieder.“

Von der häuslichen Gewalt haben die Kinder offenbar nichts mitbekommen. Das habe ihre Mutter so gewollt, sagt die Nachbarin. Erst nach der Trennung habe Tanja S. ihr anvertraut, dass sie Angst vor ihrem Mann habe, sagt die Zeugin. Beim Urlaub in Dänemark habe sie Kraft tanken wollen. Sie sei allein gefahren - nicht wie von ihrem Mann vermutet mit einem Freund. Die 34-Jährige ist zwar im Prozess als Nebenklägerin vertreten, will aber selbst im Gericht nicht erscheinen. Sie leide unter posttraumatischen Belastungsstörungen, sagt ihr Anwalt. Wie stark gestört der Angeklagte ist, soll jetzt ein Psychiater klären. In einem vorläufigen Gutachten ist Andreas S. bereits eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit attestiert worden.

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