Liberale Bestattungsregeln

Wie viel Freiheit verträgt die Totenruhe?

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Eine Alternative zur Friedhofsbestattung: Der Ruheforst bei Bredenbeck, ein Naturfriedhof im Wald.

Hannover - Die Meinungen im Landtag zu liberalen Beerdingungsregeln spalten sich. Während SPD, Grüne und FDP offenen für Neues sind, sieht die CDU Grenzen.

Im nächsten Jahr können Bremer und auch Bremerhavener die Asche ihrer verstorbenen Angehörigen auf privaten Grundstücken ausstreuen. Über das „Bremer Modell“ einer liberalisierten Bestattungsordnung wird auch in Niedersachsens Landtag diskutiert - allerdings nur in kleinen Runden und relativ diskret. Bei den Grünen, der SPD und der FDP gibt es Befürworter einer Lockerung des Bestattungswesens, Einspruch kommt etwa von der CDU.

Für den sozialpolitischen Sprecher der Grünen, Thomas Schremmer, entspräche eine freiheitlichere Bestattungsordnung dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen. „Der rot-grüne Koalitionsvertrag in Niedersachsen gibt zu diesem Thema nichts her, aber das heißt ja nicht, dass man nicht über Reformen reden kann.“ Zwar sei in Niedersachsen bereits die Seebestattung möglich, ebenso wie die Waldbestattung. Aber warum soll man nicht die Asche auch außerhalb von Friedhöfen, auf privaten aber öffentlich zugänglichen Plätzen verstreuen dürfen, wenn Verstorbene dies zuvor verfügt hätten, fragt Schremmer. „Ich bin allerdings dagegen, die Totenasche in der Dose auf dem Kamin zu behalten“, sagt der Grüne. Und: „Wir haben überlegt, das in der Fraktion zu diskutieren.“

Der SPD-Sozialexperte Uwe Schwarz sagt für diesen Fall eine lange Diskussion voraus. „Von der Vorstellung, dass eine Debatte um eine neue Bestattungsordnung eine schlanke, kurze Veranstaltung werden würde, kann ich nur warnen.“ Er habe in seiner parlamentarischen Laufbahn schon zweimal Diskussionen über dieses auch heikle Thema erlebt, sagt Schwarz. Er warnt vor übereilten Beschlüssen: „Die Totenruhe ist ein hohes Gut.“ Was etwa würde passieren, wenn ein Angehöriger die Asche eines Verstorbenen mit nach Hause nehme, dann irgendwann aber selbst das Zeitliche segne? Das sei nur eine von vielen kniffeligen Fragen, meint Schwarz, der von der viel zitierten Urne auf dem Kamin ebenfalls nichts hält. „Wenn wir die großen Themen wie Haushalt, Schule, Inklusion hinter uns haben, kann man gewiss darüber reden“, meint auch der Sozialdemokrat, der sich zeitgemäßere Formen des Abschieds und der Trauer grundsätzlich vorstellen kann. „Schon wegen der Religionsfreiheit.“

Die hält auch Jan-Christoph Oetjen von der FDP hoch. „Wir brauchen zeitgemäßere Formen, auch wenn ich nicht so weit gehen würde wie die Bremer: Urnenbeisetzungen auf privatem Grund schon, aber keine Urne auf dem Kamin.“ Oetjen erinnert sich wie Schwarz an die heftigen Auseinandersetzungen um die Bestattungsordnung, die es zu Anfang der schwarz-gelben Koalition vor mehr als zehn Jahren gegeben habe. „Auch in unserer FDP gibt es dazu mehrere Meinungen.“ Einige meinten, eine Reform könne man nur im Konsens mit den Kirchen erreichen, die sich nicht nur in Bremen scharf gegen eine Aufhebung der grundsätzlichen Friedhofspflicht ausgesprochen haben.

Keinen Anlass zu Gesetzesänderungen sieht CDU-Landtagsfraktionschef Björn Thümler: „Der Friedhof sollte der zentrale Ort der Trauer bleiben, nicht das heimische Blumenbeet.“ Es gebe schon genug Alternativen zur herkömmlichen Friedhofsbestattung, auch Bestattungsriten nicht christlicher Religionen seien bereits möglich. „Man muss doch ernsthaft daran zweifeln, dass durch gelockerte Regeln nach Bremer Vorbild die Würde der Toten noch gewahrt bleibt.“ Nur bei Windstille dürfen die Bremer künftig die Asche im Garten verstreuen - „bizarr“, findet Thümler.

Was erlaubt ist - und was nicht

Entscheidend ist das Bestattungsgesetz: Grundsätzlich gilt, dass Leichen und die Asche von Verstorbenen so zu behandeln sind, dass die gebotene Ehrfurcht vor dem Tod gewahrt wird. Auch darf das „sittliche, religiöse und weltanschauliche Empfinden der Allgemeinheit nicht gestört werden“.

Das Bestattungsrecht stellt dabei klar: Es gilt eine Friedhofs-, Sarg- und Urnenpflicht. Das bedeutet, dass Leichen nur in Särgen auf den Friedhöfen beigesetzt werden dürfen. Die Asche von Verstorbenen darf nicht im Garten verstreut oder in einer Urne im Garten vergraben werden – auf dem Kaminsims hat die Urne auch nichts zu suchen. Es gibt aber Ausnahmen: Urnen dürfen auf Waldfriedhöfen oder auf hoher See bestattet werden. Aus religiösen oder traditionellen Gründen kann auch von der Sargpflicht abgewichen werden. Muslime etwa dürfen mit einer Genehmigung ihre Toten in einem Tuch bestatten. doe

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