Bad Harzburg macht Lust aufs Lesen

Wer viel liest, wird König

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In fünf Minuten zur „ Lese-Kaiserin:“ Alle Fragen kann Anthea beim Interview in der Stadtbücherei prompt beantworten. Die Neunjährige hat in drei Wochen zehn Bücher gelesen.

Bad Harzburg - Königliches Lesevergnüpgen: Die Stadtbücherei Bad Harzburg macht Kindern Lust aufs Lesen und ist deswegen als landesbeste Bibliothek ausgezeichnet worden.

Manche warten ein Leben darauf König zu werden, andere werden schon nach drei Wochen Kaiserin. Anthea Pesic ist erst neun Jahre alt und schon zum dritten Mal in der Stadtbücherei Bad Harzburg zur „Lese-Kaiserin“ gekrönt worden. Zehn Bücher hat die Drittklässlerin seit Anfang Dezember gelesen und dazu jeweils in einem Interview Fragen zum Inhalt beantwortet. Dieses Mal geht es um das Buch „Lesemuffel“. Der ehrenamtliche Lesepage Heinrich Nettelmann fragt, und Antheas Antworten kommen prompt. Keine fünf Minuten später kann ihre Mutter der Neunjährigen eine Kette mit einer kleinen Krone um den Hals legen - der Lohn für eine kleine Leseratte.

Die Lust an Büchern liegt in der Familie. „Wir lesen alle sehr viel“, sagt Katrin Pesic. Vor drei Jahren sind die Pesics von München nach Bad Harzburg gezogen. Antheas drei Jahre ältere Schwester Helene hatte in Bayern am webbasierten Leseförderprogramm Antolin teilgenommen. Etwas Ähnliches wünschte sich die Mutter auch für ihre Töchter nach dem Umzug - und sie fand dies in der Stadtbücherei: Für Antolin werden die Kinder von ihren Grundschullehrern angemeldet, beim „Lese-Prinz-Programm“ der Stadtbücherei Bad Harzburg können die Kinder allein mitmachen. Dieses Jahr - beim siebten Durchgang - sind es rund 100 Sechs- bis Zehnjährige. „Von November bis März ist diese Stadt im Lesefieber“, sagt Bücherei-Leiter Detlev Lisson sichtlich stolz. Wer sich anmeldet, bekommt ein Stempelheft, in dem jedes gelesene Buch vermerkt wird. Nach einem Buch ist man „Lese-Prinz“, nach fünf Büchern wird man zum König gekürt, nach zehn sogar zum Kaiser. Es gibt Bleistifte mit Kronen, Pins, Lesezeichen, Ketten und im März - am Ende des Wettbewerbs - immer eine große Party mit Zauberer, Hofnarr und Jubelrufen. „Wir feiern die Kinder“, sagt Lisson, „und das macht sie stolz, ihre Eltern natürlich auch.“

Ohne die Eltern und ihren Fahrdienst geht es nicht. Denn nicht jeder wohnt gleich nebenan wie Anthea, viele Kinder kommen aus den umliegenden Ortsteilen wie Bettingerode oder Eckertal. Ins noch weiter entferntere Harlingerode fährt der „Lese-Prinz“ in Gestalt von Heinrich Nettelmann sogar einmal in der Woche an die Grundschule. „Wir fangen auch die Kinder ein, die überhaupt keine Lust aufs Lesen haben“, sagt der 75-Jährige augenzwinkernd. Vor gut 20 Jahren hat der Hannoveraner sein Radio- und Fernsehgeschäft an der Vahrenwalder Straße verkauft und ist mit seiner Frau in den Nordharz gezogen. Wenn er nicht durch die Welt wandert, dann hilft er in der Bücherei. Gemeinsam suchen Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter die Bücher für den Wettbewerb aus. Sie sind in drei Schwierigkeitsgrade unterteilt, damit keiner überfordert wird - in Bücher mit großer Schrift und vielen Bildern für Anfänger und dickere Werke mit wenig Bildern für Profis wie Anthea. Oder Derya (10). „Man muss das ganze Buch gründlich lesen, wenn man hinterher Fragen dazu beantworten soll“, sagt sie. „Ein paar Seiten überblättern - das geht nicht.“ Auch ihre kleine Schwester Mera (7) hat sie mit ihrem Lesefieber schon angesteckt. Mutter Anette Hamut gefällt’s. „Die Kinder lernen, dass das Internet eben nicht alles ist.“ Karl (10) war erst skeptisch. Lesen klang für ihn nach Langeweile, Crossroller fahren fand er viel spannender. Mittlerweile macht ihm beides Spaß. Ronja hat eigentlich noch gar nicht alle Buchstaben gelernt. „Lesen kann ich trotzdem schon“, sagt die Siebenjährige, „das habe ich mir bei meiner Schwester abgeguckt.“ Julia, neun Jahre alt und Viertklässlerin, lächelt milde.

Im nächsten Jahr soll es in den Sommerferien auch einen Lesewettbewerb für Fünft- bis Zehntklässer geben, Lisson hat auch die Ältere im Visier. Anthea hat sich gerade ein neues Buch ausgeliehen. Sie will bis zum Frühjahr noch mal „Lese-Kaiserin“ werden. „Bis morgen“, ruft sie, „dann habe ich es bestimmt durch.“

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