Schicksalsschlag

Vier Kinder werden plötzlich Waisen

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Foto: „Wir sind überrascht von der großen Anteilnahme“: Die Kinder Ché (19, v. l.), Chantal (15), Claif (13) und Camen (16) und ihre Cousine Melanie Worm.

Esenshamm - Innerhalb von zweieinhalb Monaten haben vier 13 bis 19 Jahre alte Kinderaus Esenshamm im Landkreis Wesermarsch Vater und Mutter verloren. Im 800-Seelen-Ort sorgt der Schicksalsschlag für große Anteilnahme. Eine 23-jährige Cousine hat jetzt die Vormundschaft beantragt.

Der Tod eines Elternteils ist für Kinder die wohl schrecklichste Erfahrung, die sie machen können. Doch zumeist können Vater oder Mutter versuchen, über den Tod des anderen Elternteils hinwegzutrösten. Vier Kinder aus Esenshamm im Landkreis Wesermarsch hat das Schicksal nun aber doppelt schwer getroffen. Innerhalb von zweieinhalb Monaten starben die Eltern, zunächst ihr Vater, am Silvestertag 2014 dann auch ihre Mutter. Die Vormundschaft für Claif, Chantal, Camen und Ché hat nun ihre Cousine beantragt – und übernimmt mit gerade einmal 23 Jahren eine riesige Verantwortung.

Das Leid der 13 bis 19 Jahre alten Kinder begann Mitte Oktober vergangenen Jahres. Der Vater starb, von Krankheiten gezeichnet, im Alter von 58 Jahren. Danach habe die Mutter ihren Lebensmut verloren, sagt Siegfried Adamietz. Der Vorsitzende des örtlichen Fußballvereins greift der Familie unter die Arme, organisiert Hilfe. Die 50-jährige Frau sei Ende des Jahres – bereits sehr geschwächt – ins Krankenhaus eingeliefert worden. „Dort starb die Mutter am 31. Dezember“, sagt Adamietz. „Es war der 19. Geburtstag ihres ältesten Sohnes.“

"Hier kennt jeder jeden"

Einen Tag später, am 1. Januar, ging Siegfried Adamietz mit seinem Hund spazieren und erfuhr vom Schicksal der Kinder. Er kannte die beiden Jungs vom Kicken auf dem Fußballplatz. „Außerdem leben hier in Esenshamm nur 800 Menschen – hier kennt jeder jeden“, sagt er. Am 2. Januar ging er zur Familie und bot seine Hilfe an. Vor allem das Haus müsse dringend saniert werden, sagt Adamietz. „Es ist 113 Jahre alt und in marodem Zustand.“ Vor einigen Tagen sei auch noch die Heizung ausgefallen. „Wir haben einen Handwerker benachrichtigt, der sich darum kümmern will.“

Um den Kindern und deren Cousine Melanie Worm schnell zu helfen, hat Adamietz für Donnerstagabend eine Zusammenkunft von Handwerkern und Kaufleuten organisiert. Zudem spendeten Menschen, die vom Schicksal der Kinder gehört haben, Geld. Die Familie, die von Hartz IV lebt, muss noch die Beerdigung der Eltern bezahlen. „Wir sind überrascht von der großen Anteilnahme“, sagt die 17-jährige Camen, die die elfte Klasse des Gymnasiums besucht. Aber die Familie benötigt darüber hinaus finanzielle Hilfe und tatkräftige Unterstützung.

Melanie Worm zieht nun zu den Kindern ins Haus. Die Sanitätssoldatin der Bundeswehr arbeitet in Leer. Zurzeit ist sie von ihrem Arbeitgeber freigestellt. In Zukunft wird sie die rund 90 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz fahren müssen. Worm, die gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war, kümmert sich nun um alle behördlichen Angelegenheiten – und um die Seelen der Kinder.

Spendenkonto

Die nahe Zukunft wird nun entscheiden, ob der 23-Jährigen die Vormundschaft übertragen wird. Das zuständige Jugendamt wollte sich zu dem Fall nicht äußern. Adamietz’ Anstrengungen gelten jetzt erst einmal dem Haus. „Wir hoffen, dass wir es bis März in einen vernünftigen Zustand bringen können.“

Er hält es für wichtig, dass die Kinder im Haus wohnen bleiben können. „Zum einen, weil sie dort aufgewachsen sind“, sagt Adamietz. „Zum anderen steht ganz in der Nähe der Friedhof. Ihre Eltern liegen nur 150 Meter entfernt begraben.“

Wer der Familie helfen will, kann Spenden auf dem „Spendenkonto Krüger“ , IBAN: DE 92280 2005 0990 6692 000 , BIC:OLB ODEH 2XXX (Oldenburgische Landesbank; Filiale Nordenham) einzahlen. (Hinweis: In der gedruckten Ausgabe der HAZ und in diesem HAZ.de-Artikel stand in einer früheren Version eine falsche Kontoverbindung. Wir haben das korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.)

Gericht entscheidet über Vormundschaft

Wer nach dem Tod der Eltern das Sorgerecht für die Kinder übernimmt, entscheidet das Vormundschaftsgericht. Zuvor verschafft sich das Jugendamt einen Eindruck von den Kindern und deren Situation. Denn das Amtsgericht befrage vor seiner Entscheidung, wer Vormund wird, das Jugendamt, sagt der Sprecher des Landkreises Wesermarsch, Matthias Sturm. Zum konkreten Fall in der Ortschaft Esenshamm, die im Landkreis Wesermarsch liegt, will sich Sturm allerdings nicht äußern. Ihre Entscheidung fällen die Richter dann aber unabhängig vom Urteil des Amts, betont Sturm. Vormund könne ein Verwandter werden, aber auch eine Person außerhalb der Familie, etwa ein den Kindern nahestehender Nachbar. Ein Pate habe nicht dieselbe juristische Stellung wie ein Vormund. Findet sich niemand, übernimmt das Jugendamt die Vormundschaft. Wie dann die Betreuung der Kinder aussieht, hänge vom Einzelfall ab. Das „monatliche Einkommen“ der Kinder setze sich aus dem Kindergeld und der Waisenrente zusammen, so Sturm. Dazu können „ergänzende Sozialmittel“ kommen

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