Vorermittlungen

Vier KZ-Aufseher im Visier

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Sie waren keine NS-Größen, aber doch Schergen des Regimes - Aufseher und Wachmänner im KZ Auschwitz.

Hannover - Sie waren keine NS-Größen, aber doch Schergen des Regimes - Aufseher und Wachmänner im KZ Auschwitz. Jetzt sind sie sehr alte Männer. Gegen vier alte Männer aus Niedersachsen werden jetzt Vorermittlungen eingeleitet. Möglicherweise kommen sie vor Gericht.

Fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs müssen sich vier ehemalige KZ-Aufseher aus Niedersachsen möglicherweise doch noch vor Gericht verantworten. Wie das Justizministerium am Mittwoch bestätigte, laufen zurzeit Vorermittlungen der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg gegen die Männer, die in Auschwitz eingesetzt waren. Die Landesregierung will die Ermittlungen nach eigenen Angaben „unbeirrt unterstützen“. Man werde „auch in Zukunft alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um nationalsozialistische Gewaltverbrechen zu ahnden“, heißt es in einer Erklärung des Justizministeriums.

Die Männer dürften alle um die 90 Jahre alt sein. Unstrittig ist, dass sie alle keine führenden Repräsentanten des NS-Systems waren. Dass sie so spät dennoch in das Visier der Justiz geraten, hat mit dem Urteil gegen John Demjanjuk zu tun. Das Landgericht München hatte den früheren Wachmann im Vernichtungslager Sobibor 2011 zu fünf Jahren Haft verurteilt, obwohl ihm keine Tat individuell nachgewiesen werden konnte. Als „Teil der Vernichtungsmaschinerie“ sei er aber dennoch mitverantwortlich für die Ermordung Tausender Menschen gewesen, erklärten die Richter. Die Ludwigsburger Ermittler sehen darin eine neue Rechtsauffassung - und fühlen sich ermutigt, gegen weitere ehemalige Wachmänner vorzugehen. Insgesamt führe seine Behörde derzeit Vorermittlungen gegen 50 Aufseher des KZ Auschwitz, bestätigte der Leiter der Zentralstelle, Kurt Schrimm, zu Beginn dieser Woche gegenüber der HAZ.

Derzeit werde geprüft, ob die Adressen der Männer noch stimmten und ob sie wegen ihrer Taten schon mal vor ­Gericht standen - was ein erneutes Verfahren wegen des Verbots der Doppelbestrafung verhindern würde. Schrimm plant offenbar, die Ermittlungen noch auszuweiten: „Es wird nicht bei den 50 bleiben“, kündigte er an. Dass es der Justiz ernst ist, konnte man am Montag sehen: Da wurde der 93-jährige frühere Auschwitz-Aufseher Hans L. aus Aalen in Baden-Württemberg festgenommen.

In Niedersachsen laufen derzeit noch zwei weitere Ermittlungen wegen Gewaltverbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Beide stehen im Zusammenhang mit einem Massaker, das die Wehrmachtsdivision „Hermann Göring“ 1944 an italienischen Zivilisten verübt hat. Die Gerichte in Italien haben die Verfahren dazu jetzt abgeschlossen. Dabei wurde ein Mann aus Osnabrück freigesprochen, ein 88-Jähriger aus dem Landkreis Stade wurde in Abwesenheit wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Unklar ist derzeit, ob das Urteil in Deutschland vollstreckt werden kann. Hier führt die Staatsanwaltschaft Dortmund ein Sammelverfahren gegen die Mitglieder der Division.

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