Ärztestudie

Nur ein Viertel der Frühchen ist gesund

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Sind so kleine Hände: Die untersuchten Frühchen wogen erst unter 1000 Gramm.dpa

Hannover - Babys, die viel zu früh und mit weniger als 1000 Gramm zur Welt kommen, sind fünf Jahre nach der Geburt meistens nicht gesund. Das ist das Ergebnis einer Langzeitsstudie der Landesärztekammer.

Nur ein Viertel der extrem frühgeborenen Kinder in Niedersachsen ist nach fünf Lebensjahren gesund. Das ist das Ergebnis einer bisher in Deutschland einmaligen Langzeituntersuchung an Frühchen, die nach weniger als 28 Schwangerschaftswochen geboren wurden. Die untersuchten niedersächsischen Babys hatten überwiegend ein Gewicht zwischen 500 und 1000 Gramm. Sie wurden im Rahmen des Projekts nach sechs Monaten, zwei Jahren und nach fünf Jahren immer wieder untersucht - sofern die Eltern dies wollten.

Interessant sind die Ergebnisse nach mehreren Jahren: Von den 902 lebendgeborenen Frühchen, die zwischen Oktober 2004 und September 2009 zur Welt kamen, wurden 226 Kinder nach fünf Jahren begutachtet. „75 Prozent dieser Gruppe werden in der Gesamtbeurteilung als beeinträchtigt eingestuft“, fasst Gabriele Damm vom Zentrum für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (ZQ) bei der Landesärztekammer Niedersachsen das Ergebnis zusammen.

27 Prozent dieser Kinder sind behindert, dass heißt, sie leiden unter Bewegungsstörungen, deren Ursache in einer frühkindlichen Hirnschädigung liegt, und/oder sie haben einen Intelligenzquotient (IQ) unter 70 und/oder sind blind. Weitere 16 Prozent der extrem unreifen Frühgeborenen sind Kinder mit einer unterdurchschnittlichen kognitiven Leistungsstärke (IQ von 70-84). Die restlichen 57 Prozent der Kinder haben zwar einen IQ über 85, mehr als die Hälfte von ihnen zeigt jedoch motorische, oft auch sprachliche Auffälligkeiten.

Nur 25 Prozent aus der untersuchten Gruppe sind nach fünf Jahren „unauffällig“. Die Ergebnisse dokumentieren außerdem, dass die Auffälligkeiten mit den Jahren zunehmen. Das lässt sich leicht erklären: Je älter die Kinder werden, desto besser können die motorischen, kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten getestet werden und beurteilt werden.

Die Untersuchung soll vor allem den Bedarf an Nachsorge aufdecken. „Die Frage ist doch, was brauchen diese Kinder, um gut durch die Schule zu kommen“, sagt Damm. 95 Prozent der Kinder erhielten in den ersten fünf Jahren ihres Lebens eine Therapie, heißt es in dem Bericht des ZQ. Im Alter von fünf Jahren waren es immerhin noch 43 Prozent. Aber bei zusätzlich 29 Prozent der Testpersonen zeigte erst die Nachuntersuchung, dass sie eine Therapie brauchten. „Auch das Elternhaus, also wie die Kinder dort gefördert werden, spielt eine große Rolle“, sagt Gabriele Damm mit Blick auf die Untersuchung. Während bei Eltern mit hohem Bildungsniveau nur bei 27 Prozent der Kinder ein zusätzlicher Therapiebedarf dokumentiert war, wurde bei Eltern mit einem niedrigeren Bildungsniveau bei 33 Prozent der Kinder ein zusätzlicher Förderbedarf festgestellt.

Auf Grundlage der Ergebnisse soll in Niedersachsen im Herbst ein Pilotprojekt starten, bei dem sich Ärzte der größeren Kinderkliniken treffen und ihr Wissen im Bereich Frühgeborenenversorgung austauschen nach dem Motto: „Lernen von den Besten“.

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