Korruptions-Prozess um Richter

Mit Vollgas ins Verderben

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Jörg L. muss sich wegen Korruption, Geheimnisverrat und Nötigung verantworten.

Hannover - Der ehemalige Referatsleiter im Landesjustizprüfungsamt soll Nachwuchsjuristen die Lösungen für das Examen angeboten haben. Es folgte eine wilde Flucht nach Italien: Ab heute steht Jörg L. wegen Bestechlichkeit vor Gericht.

Der Richter war gerade im Justizministerium vom Staatssekretär in die Zange genommen worden, da beschloss Jörg L., dass es doch besser wäre zu fliehen. So zumindest schildert ein Vertrauter des 48 Jahre alten Referatsleiters im Justizprüfungsamt den Vormittag des 27. März. Der Skandal um verkaufte Lösungen für das Zweite Juristische Staatsexamen in Niedersachsen, den L. ausgelöst hatte, nahm damit eine weitere spektakuläre Wendung. Ab heute steht L. in Lüneburg vor Gericht.

Doch vorher kam die Flucht. Hopp oder top: Das Haus im Wendland und sein Büro im Prüfungsamt in Celle waren am Tag zuvor vom Landeskriminalamt durchsucht worden. Staatssekretär Wolfgang Scheibel hatte ihm die Schlüssel abgenommen und seine Enthebung aus dem Dienst am Richtergericht beantragt. Außerdem muss der Vorgesetzte L. schwer unter Druck gesetzt haben, ein Geständnis abzulegen. Der Amtsrichter aus Dannenberg mit dem hervorragenden Leumund, bei Frauen wie bei Rechtsreferendaren gleichermaßen beliebt, war endgültig erledigt. Sein Geschäft mit den Lösungen für das Zweite Juristische Staatsexamen war vorbei. Er stieg in seinen vor dem Ministerium in Hannover geparkten BMW und fuhr davon. Mit Vollgas Richtung Italien, mit Vollgas ins Verderben. Jörg L. wollte wohl nie mehr zurückkehren.

Daraus wurde nichts. Vor dem Landgericht in Lüneburg drohen bis zu zehn Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft Verden wirft dem früheren Juristenkollegen besonders schwere Bestechlichkeit vor, außerdem Geheimnisverrat, weil er jahrelang die Lösungen für das Zweite Examen weitergegeben haben soll. Vier Tage nach seiner Flucht wurde L. in einem Mailänder Hotel festgenommen. Eine Schusswaffe hatte der Familienvater bei sich, 30.000 Euro in bar und eine junge Frau aus Rumänien.

Die hatte er auf dem Weg in Richtung Süden angeblich in Augsburg aufgegabelt. Zuvor hatte er sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit seinen Bewachern vom Landeskriminalamt geliefert. Hatte Kurven geschnitten und rote Ampeln überfahren. An einer Raststätte soll er seinen Verfolgern sogar zugewinkt haben. Später soll der Richter in ein Taxi gesprungen sein, danach war er weg. Mit dem Nachtzug ging es nach Mailand.

Mit dem Nachtzug ging es nach Mailand

Warum ein gestandener Amtsrichter, der gerade erst den Karrieresprung in das Justizprüfungsamt gemacht hatte, so etwas Verrücktes tut, ist eines der Rätsel dieses Falls. Bei Gelegenheit soll er Geld für die Lösungen verlangt haben, aber Schulden gab es offenbar nicht. Zum Teil tat er es wohl auch aus Mitleid oder Sympathie für verzweifelte Referendare, deren Juristenkarrieren zu scheitern drohten. Laut seinem Vertrauten liebte er die Arbeit mit den Nachwuchsjuristen. Darum soll Jörg L. auch am Rande des Burn-outs gestanden haben: Bevor er nach Celle wechselte war er neben dem Richteramt acht Jahre lang Repetitor gewesen, ein privater Nachhilfelehrer für Juristen.

Oder tat es des 48-Jährige einfach nur, weil er die Gelegenheit hatte und es so einfach war? Die Situation im Prüfungsamt muss chaotisch gewesen sein, als Jörg L. im September 2011 nach Celle kam. Die Klausuren waren dort für fast jedermann im Amt zugänglich. Tat er es aus Frust? Der Behördenapparat soll ein Kulturschock für den Workaholic und Lebemann gewesen sein. Angeblich war er gelangweilt. Vielleicht tat er es auch, weil er sich zum Entscheider darüber aufschwingen konnte, wer das für Juristen so wichtige Zweite Examen schafft und wer nicht? In einigen Fällen spielte wohl auch Sex eine Rolle, obwohl davon in der 52 Seiten langen Anklage der Staatsanwaltschaft Verden nichts steht. Fest steht nur, dass es einfach war, weil das Prüfungsamt nicht besonders gut gesichert war. „Warum er es getan hat, wird nicht plausibel“, sagt sein Hamburger Strafverteidiger Oliver Sahan. Darüber hinaus will sich der Anwalt nicht äußern. Er verweist auf die heutige Verhandlung in Lüneburg.

Jenseits der spektakulären Flucht hat Jörg L. die niedersächsische Justiz tief erschüttert. Das Undenkbare war geschehen: Das Zweite Juristische Staatsexamen wurde jahrelang aus dem Prüfungsamt heraus verscherbelt. Das war wohl so undenkbar, dass möglicherweise eine frühe Chance vertan wurde, L. zu schnappen. Bereits im Juli 2013 hatte das Landeskriminalamt angeregt, das Justizprüfungsamt zu durchleuchten. Es hatte gerade erfolglos gegen einen Juristen ermittelt, der seit Anfang 2013 in Verdacht stand, Lösungen gekauft zu haben. Doch der ermittelnde Oberstaatsanwalt lehnte ab – das Justizministerium hatte keine Einwände.

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