Amerikanische Kriegsveteranen

Das wahre Leben des Sergeant Shockley

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„Es hätte schlimmer kommen können“: Im Rehabilitationszentrum des Walter-Reed-Militärhospitals bereitet sich Minenopfer Sam Shockley auf eine Übungsstunde mit seinen Beinprothesen vor.

Washington - In diesem Sommer beginnt das zweite Leben von Sam Shockley. In seinem ersten Leben war er Soldat. In diesem Sommer will er aufs College gehen, studieren und – hoffentlich – bald heiraten.

Sam träumt von einem normalen Leben. So normal es eben geht, wenn man keine Beine mehr hat und auch der Rest des Körpers von Bombensplittern schwer gezeichnet ist. Nach 40 Operationen innerhalb von zwölf Monaten steht Sam Shockley kurz vor der Entlassung aus dem Militärkrankenhaus Walter Reed in Washington. Sam ist gerade mal 26 Jahre alt. Ein Kriegsveteran. Ein Held an den Feiertagen seines Landes. Eine Last im Alltag.

An diesem Abend unternehmen Shockley und zwei seiner Kameraden einen Ausflug nach Chevy Chase, einem Washingtoner Shoppingcenter in der Nähe des Krankenhauses. „Andere gehen bummeln, wir rollen und watscheln“, spottet Shockley, der sich an diesem Tag mithilfe eines Rollstuhls fortbewegt. Seine ebenfalls beinamputierten Freunde tragen neue Prothesen.

Noch vor gut einem Jahr waren die drei Jungs kraftstrotzende Kerle. Nach mehreren Einsätzen in Afghanistan und im Irak haben sie sich zum Rückgrat der US-Armee gezählt. Jung, kampferprobt und mit bester Aussicht, in naher Zukunft die Karriereleiter emporzusteigen. Doch am 17. März 2013 schlug das Schicksal mit Wucht zu. Hauptfeldwebel Shockley führte an diesem Wochenende im Osten Afghanistans einen Minensuchtrupp durch unsicheres Gelände, um einen größeren Konvoi abzusichern. Die Erinnerungen an das Unglück sind nur bruchstückhaft. In der Krankenakte steht lapidar: „Tretmine“. Die Detonation schleudert ihn in die Luft, reißt ihm beide Unterschenkel und drei Finger ab, richtet unzählige Verletzungen im Inneren an.

„Es hätte schlimmer kommen können“

Als Shockley wieder zur Besinnung kommt, liegt er in einem US-Militärkrankenhaus in Deutschland. Wie so viele Verwundete aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak landet auch der Unteroffizier im Regional Medical Center in Landstuhl, dem größten Lazarett der US-Armee außerhalb der Vereinigten Staaten. Erst Wochen später geht es zur weiteren Behandlung in das Walter-Reed-Militärkrankenhaus am Stadtrand von Washington. Der junge Mann hat eine ganz eigene Sicht auf die zurückliegenden Monate: „Es hätte schlimmer kommen können.“ Es habe unzählige gefährliche Situationen während seiner Auslandseinsätze gegeben: „Ich bin glücklich, dass ich in dieser Hölle nicht umgekommen bin.“ Nach kurzem Zögern nennt er noch einen weiteren glücklichen Umstand: „Die Armeeärzte haben sich um mich richtig bemüht. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.“

Doch der junge Mann weiß, dass diese Erfahrung keine Selbstverständlichkeit ist. Ganz im Gegenteil: Es brodelt unter Amerikas Kriegsheimkehrern. Angesichts von 2,6 Millionen Frauen und Männern, die seit 2001 nach Afghanistan und in den Irak geschickt wurden, kommt das Veteranenministerium mit der Bearbeitung der Hilfsanträge kaum nach. Wie es heißt, hat sich ein Bearbeitungsstau von mehr als 300 000 Fällen gebildet. Die Betroffenen warten seit Monaten und zum Teil seit Jahren auf eine Antwort von der Washingtoner Mammutbehörde - ob sie sich eine zügige ärztliche Behandlung in einem Militärkrankenhaus wünschen, einen Antrag auf eine Versehrtenrente stellen oder Folgeerkrankungen aufgrund einer Kriegsverwundung melden, es dauert.

Die Missstände sind nicht neu

Die Kritik der Veteranenverbände ist ebenso hart wie lautstark: Amerika ehre seine Gefallenen mit viel Pomp und zeige sich bei den Überlebenden eher kleinlich. Sie verweisen auf Barack Obamas ersten Wahlkampf, in dem er 2008 versicherte, „einen respektvollen Umgang mit unseren Helden zu gewährleisten“. Frauen und Männer, die ihre Gesundheit für ihre Heimat geopfert hätten, dürften nicht durch lange Behördengänge schikaniert werden.

Die Realität sieht anders aus. Im Weißen Haus herrscht Alarmstufe Rot. US-Medien berichten von mehr als 40 Veteranen im Bundesstaat Arizona, die vergeblich um Behandlung in einem Militärkrankenhaus gebeten hätten und angeblich mangels ärztlicher Betreuung starben. Es steht sogar der Verdacht im Raum, die Veteranenhospitäler hätten Behandlungstermine hinausgezögert und darauf spekuliert, dass mancher Patient vorher aus dem Leben scheidet. John McCain, republikanischer Senator aus Arizona und hochdekorierter Vietnam-Kämpfer, ist empört: „Sollten diese Vorwürfe der Wahrheit entsprechen, muss jemand ins Gefängnis gehen. Dann geht es nicht um Rücktritte.“

Der angestaute Ärger über das Ministerium für „Veterans Affairs“ kommt nicht von ungefähr: Jüngsten Studien zufolge schaffen es viele ehemalige Soldaten nicht, sich wieder ins zivile Leben zu integrieren. Etwa 15 Prozent der Heimkehrer sind dauerhaft obdachlos. Nach Auskunft der Veteranenorganisation American Legion warten Versehrte oft Jahre auf die Bewilligung ihrer Rentenanträge. Völlig unzureichend sei zudem die Betreuung von Soldaten, die unter einem anhaltenden Kriegstrauma leiden.

In einem Land, das den Militärdienst trotz aller Kriege und Krisen mit viel Pathos zelebriert, rütteln Klagen über schlecht versorgte Veteranen am politischen Fundament. Das macht auch der Regierung zu schaffen. Der zuständige Minister Eric Shinseki, früherer General und Vietnam-Kämpfer, wird mit unzähligen Rücktrittsforderungen konfrontiert. Dabei kann er sich über einen Mangel an staatlichen Mitteln eigentlich nicht beklagen: Shinsekis Jahresetat beläuft sich auf eine Rekordsumme von 150 Milliarden Dollar. Landesweit unterstehen ihm 300 000 Angestellte. Doch die riesige Bürokratie scheint anderen Regeln zu folgen. Obamas Sprecher Jay Carney betont, die Arbeit des „VA“ werde nun genauestens überprüft, aber der Präsident habe weiterhin Vertrauen in Shinsekis Arbeit. Als Blankoscheck ist dieses Statement sicherlich nicht zu verstehen.

Die schrillen Schlagzeilen um das Veteranenministerium erscheinen dem jungen Staff Sergeant Shockley unendlich weit weg. Seit mehr als einem Jahr ist er in der medizinischen Obhut des Militärs, er will sich nicht beklagen. Aufgrund der schweren Behinderung genießt sein Fall ohnehin Priorität. Aller Wahrscheinlichkeit nach kann er mit einer Rente von mehr als 3000 Dollar monatlich rechnen. Über die Summe, die er letztendlich vom Pentagon erhält, denkt er im Moment allerdings gar nicht so viel nach. Den jungen Mann treibt ein anderes Ziel um: „Ich will möglichst viel von meinem früheren Leben zurückgewinnen.“

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