Gipsabbau im Südharz

Walkenrieder kämpfen für ihren Berg

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„Rohstoff von hoher Qualität“: Elmar Zimmer, Werksleiter des Gipsunternehmens Saint-Gobain Formula, im Steinbruch Röseberg-Mitte.

Walkenried - Anwohner und Naturschützer wehren sich gegen die Ausweitung des Gipsabbaus im Südharz. Er zerstöre wertvolle Karstlandschaft.

Der Blick vom Klosterparkplatz zum Röseberg bringt den Ärger wieder nach oben. Michael Reinboth hat eine Karte mit Plänen der Steinbrüche mitgebracht. Er zeigt auf einen weiß eingezeichneten Fleck, dann hinüber auf die andere Seite der Kreisstraße. „Hier unmittelbar gegenüber wird der Gipsabbau beginnen“, sagt er. Reinboth ist Sprecher des Bürgervereins „Wir Walkenrieder“. Er kämpft für den von Karsthöhlen und Felsformationen geprägten Röseberg - und will die im Südharz verankerte Gipsindustrie in die Schranken weisen.

Elf Steinbrüche betreibt die Firma Saint-Gobain Formula zurzeit in der Region, einzelne Abschnitte reihen sich wie Perlen aneinander. Röseberg-Ost heißt der Teil, den sich die von einem französischen Konzern geführte ortsansässige Fabrik als nächstes vornehmen will und der nah an die Mauern des Zisterzienserklosters und noch näher an eine Wohnsiedlung reicht. Die Landesforsten haben schon Buchenwald gefällt, um Platz für die Bagger zu schaffen. Ein Baumstreifen bleibt als Sichtschutz erhalten. Dahinter werde die Abbruchkante schon von Weitem zu sehen sein, sagt Reinboth. „Von unserem schönen Röseberg bleiben nur Bruchstücke.“ Im angrenzenden Abschnitt Röseberg-Mitte ist der Abbau schon lange im Gang. Die Kuhle, die die Baggerschaufeln in den klebrigen Boden geschlagen haben, durchschneidet hier auf 200 Meter Breite das Grüne Band, den eigentlich für die Natur vorgesehenen Grenzstreifen zu Thüringen.

Naturschützer haben das nicht verhindern können, weil der Kreistag in Osterode schon in den siebziger Jahren ursprünglich dem Naturschutz gewidmete Karstflächen zur wirtschaftlichen Nutzung freigegeben hat. Aus Sicht der BUND-Landesverbände Niedersachsen und Thüringen sollte die Bauindustrie allerdings auf die Ausbeutung der Gipsvorkommen, die bis zu 50 Meter tief in den Boden hinein reichen, so weit wie möglich verzichten. „Bis heute wird durch Gipsabbau jeden Tag unwiederbringlich seltener Lebensraums zerstört“, sagt der Thüringer Vorsitzende Ron Hoffmann. Die Verbände fordern ihre Landesregierungen auf, über das genehmigte Maß hinaus keinen weiteren Abbau mehr zu zulassen.

„Die Gipskarstlandschaft hat einen herausragenden Wert“, sagt auch eine Sprecherin von Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) in Hannover. Der Karst sei regelmäßig Thema beim länderübergreifenden Arbeitskreis mit Thüringen und Sachsen-Anhalt, ein bedeutender Teil stehe unter Naturschutz. Angesichts der „Vorranggebiete für die Rohstoffgewinnung“ spricht Rainer Scholz vom Kreis Osterode von „erlaubten Wunden“, die in die Natur geschlagen würden. „Den Abbau gibt es hier schon sehr, sehr lange“, sagt er. „Es musste immer ein Kompromiss gefunden werden.“

Karstlandschaft ist einzigartig

Als Karst versteht man Formen von durchlässigen, wasserlöslichen Gesteinen wie Kalkstein oder Gips, die durch Oberflächen- und Grundwasser ausgelaugt werden. Die Geologie der Gipskarstlandschaft Südharz mit ihrer biologischen Vielfalt ist einzigartig in Europa. Sie wurde von einem Flachmeer zurückgelassen, das vor rund 250 Millionen Jahren weiße Gips- und hellbraune Dolomitsteine in der Region ablagerte. Daraus bildeten sich Höhlen, die den Boden unterirdisch entwässern, es entstanden Erdfälle, Steilwände, unterirdische Flussläufe, Karstquellen und Teiche. 233 Kilometer lang ist der mit Informationstafeln versehene Karstwanderweg Südharz, der sich über Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erstreckt und durch ausgedehnte Buchenwälder und Streuobstwiesen führt (www.karstwanderweg.de).

Auch Elmar Zimmer, Werksleiter von Saint-Gobain Formula, beruft sich auf eine mehr als 100-jährige Firmengeschichte. Der besonders reine und vielgestaltige Gips aus Walkenried werde in der Zahnmedizin, der Porzellanherstellung und für Verbandsstoffe verwendet. Er könne nicht, wie von Naturschützern gefordert, durch sogenannten REA-Gips ersetzt werden - dieser fällt bei der Rauchgasentschwefelung in Kohlekraftwerken als Abfallprodukt an.

Naturschützer und Anwohner tröstet nur wenig, dass die Steinbrüche nach der Ausbeutung renaturiert werden. Zwar wird aufgeforstet, auch seltene Tiere und Pflanzen können sich ansiedeln. Die besondere Karstlandschaft aber geht auf Dauer verloren. Der Verein „Wir Walkenrieder“, der sich um die Verschönerung des Harzortes kümmert, sorgt sich auch um den Tourismus. „Wir haben hier mit dem Zisterzienserkloster ein Unesco-Weltkulturerbe“, sagt Reinboth. „Aber in Dresden hat man gesehen, dass man so einen Status schnell verlieren kann.“

Besonders der stundenlange Lärm des Hydraulikhammers im Steinbruch könne Klosterbesucher verstören - für die Anwohner sei er ein Graus. Wenigstens einen breiteren Schutzstreifen zum Steinbruch als geplant würden die Walkenrieder gern durchsetzen. Saint- Gobain ist ihnen durchaus manches Mal schon entgegengekommen. Seit einigen Wochen etwa schweigen die Hämmer am Röseberg. „Wir warten, bis wieder Laub auf den Bäumen ist“, sagt Werksleiter Zimmer. „Wenn man den Lärm nicht sieht, ist er nicht so schlimm.“

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