Fasching in Niedersachsen

Warum ausgerechnet Braunschweig Karnevalshauptstadt ist

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Der Braunschweiger Karnevalsumzug ist der viertgrößte der Republik.

Braunschweig - Braunschweig ist Karnevalshauptstadt. Wie konnte das nur passieren? HAZ-Redakteur Thorsten Fuchs hat jemanden besucht, der es wissen muss.

Ausgerechnet die Ostzonen-Bonbons. An denen wäre alles beinahe noch gescheitert. Es hat nicht viel gefehlt, dann wäre der erste Karnevalsumzug in Braunschweig 1979 auch schon gleich der letzte gewesen, und das lag an den Kamellen aus der DDR. Sie hatten ja nicht viel Geld, und die VEB-Bonbons waren das Billigste, was zu kriegen war. Sie waren nur leider auch hart. Sehr hart. Und klebrig.

„Die haben uns die Leute dann wieder an den Kopf zurückgeworfen“, erinnert sich Norbert Czok. „Und danach haben sie uns einen Vogel gezeigt.“ Geschäftsleute beschwerten sich über zersprungene Leuchtreklamen. Ein Karnevalist wurde durch ein Bonbon am Auge verletzt.Man kann wohl sagen: Besonders empfindlich durften sie wirklich nicht sein, die Gründer des Braunschweiger Karnevalszuges.

Seitdem hat sich viel getan. Inzwischen ist der Braunschweiger Karnevalsumzug der viertgrößte der Republik, gleich hinter Köln, Düsseldorf und Mainz. Wenn alles ist wie immer, stehen am nächsten Sonntag wieder 250.000 Menschen in der Braunschweiger Innenstadt und jubeln verkleideten Menschen zu (die schon lange keine DDR-Bonbons mehr werfen). Im ganzen Land gibt es inzwischen Umzüge, und es gibt Städte, die sich unwidersprochen Karnevalshochburg nennen. Fasching und Niedersachsen, das ist wohl kein Widerspruch mehr. Und nun mal ganz norddeutsch nüchtern gefragt: Wie konnte das eigentlich passieren?

Norbert Czok ist einer, der es wissen muss. Ein groß gewachsener Herr von 80 Jahren, mit schmalem Gesicht, der schon lächelt, wenn er durch die Tür tritt. Die Räume der Karnevalsvereinigung der Rheinländer liegen in einem Gewerbegebiet in Braunschweig-Wenden, in einem Zweckbau eines Möbelhauses, aber die Decke hängt hier voller Karnevalsorden. „Mein Leben ist Karneval“, sagt Czok. Das könnte Phrase sein. Bei ihm ist es sicher keine.

Norbert Czok hat so ziemlich alles mitgegründet, was in Braunschweig und darüber hinaus für Karneval steht: den Umzug in Braunschweig, das Komitee Braunschweiger Karneval, den Karnevalverband Niedersachsen. Er ist wohl einer der größten Karnevalsveteranen im Land.

Es gibt in Braunschweig einen alten Spruch über ihn: „Was für das Fernsehen ist der Blaue Bock, das ist für uns der Norbert Czok.“ Dennoch kennt er auch die Bedenken. Er hatte sie ja selbst. „Vor dem ersten Umzug hatte ich gewarnt. Ich wollte das nicht.“ Und das lag nicht an den DDR-Bonbons. Deren Wirkung kannte er da noch nicht.

Norbert Czok ist ja selbst nicht gerade in den Karneval hineingeboren worden. Er stammt aus Schlesien, nicht dem Rheinland, und er sei, erzählt er, ein schüchterner Junge gewesen. Nach dem Krieg, in Braunschweig, wurde er Schriftenmaler bei Coca-Cola, er malte die geschwungenen weißen Lettern auf den roten Grund. Nebenbei, abends, begann er aufzutreten, als „Schnorbert“, eine Clownsfigur, vor Kleingärtnern, in Kneipen, ganz egal. In den Sechzigern entdeckte er den Karneval mit seinen so vielen Auftrittsmöglichkeiten. „Wenn du ankommst und die Leute lachen, ist das das Größte“, sagt er. 27 Jahre war er allein als Büttenredner unterwegs. Als Kind, erzählt er, hätte ihm das niemals jemand zugetraut. Karneval kann auch ein Therapeutikum sein.

Dass die Niedersachsen und der Karneval nicht zusammenpassten, das glaubt er nicht. Er hat das alles ja selbst erst lernen müssen, er kann sich in die Niedersachsen ganz gut hineinversetzen. Nur dass es jemals so viele werden würden, die am Rand der Straße stehen, das hatte er dann doch nicht gedacht. Und noch weniger hatte er daran geglaubt, dass die Karnevalsgesellschaften ihren Streit begraben könnten. Das, erzählt er, schien ihm wirklich sehr unwahrscheinlich.

Karnevalsgesellschaften sind keine reinen Horte des Friedens, das kann man bei Czok lernen. Wer von wem welche Choreografie geklaut hat, wer den fröhlichsten Karneval feiert, wer welchen Posten besetzt, über all das haben sie viel geredet. „Dass wir uns dann geeinigt haben, hat viel damit zu tun, dass es in Braunschweig nur drei Karnevalsgesellschaften gab.“

In Hannover gibt es deutlich mehr Gesellschaften. Den ersten Umzug gab es erst 1992. Vielleicht ist Karneval mindestens so sehr eine Frage der Politik wie der Mentalitäten.

Die offiziellen Ämter hat Norbert Czok vor acht Jahren abgegeben. Beim Karneval ist er aber noch immer dabei. Seit vier Jahren tritt er wieder auf, als Witzeerzähler, oft vor Hunderten von Zuschauern. Er hat ein kleines Programm, gut zwölf Minuten lang. „Keine Schweinewitze, aber zweideutig darf’s schon sein“, das ist seine Regel.

Er wird jetzt bald 81, aber was heißt das schon? Er fährt ja auch noch mit dem Auto nach Ungarn in Urlaub, „in einem Rutsch“. Beim Umzug in einer Woche wird er dann auch wieder dabei sein. Er wird nicht in der ersten Reihe sitzen, er wird auch nichts werfen, aber irgendwo weiter hinten wird er genießen, dass etwas so groß geworden ist, was so klein begonnen hat.

Hochburgen in Niedersachsen

Beim „Ossensamstag“ in Osnabrück ziehen seit 1976 Karnevalisten am Sonnabend vor Rosenmontag durch die Stadt, in diesem Jahr also am 9. Februar. Der Name leitet sich vom niederdeutschen Namen der Stadt ab, „Ossenbrügge“. In den vergangenen Jahren gab es viel Ärger in der Stadt wegen betrunkener Jecken. Der Beginn wurde deshalb von 11.11 Uhr auf 14 Uhr verschoben – dann haben die Geschäfte schon geschlossen.

Der „Fasching um den Ring“ macht Ganderkesee im Kreis Oldenburg zur nördlichsten Karnevalshochburg Niedersachsens: In der 30.000-Einwohner-Stadt gab es 1951 den ersten Umzug. Beim „Fasching um den Ring“ mit 130 Wagen säumen am Sonnabend vor Rosenmontag bis zu 70.000 Zuschauer die Straßen. Einen gewissen Eigensinn beweisen die Ganderkeseer beim Narrenruf: „Ganderkesee hinein – he geiht“.

Den ersten Karneval in Stolzenau haben niederländische Soldaten eingeführt, sie gründeten im Kreis Nienburg 1970 den ersten Karnevalsklub, fünf Jahre später gab es den ersten Umzug. Besonderheit heute: ein gewaltiges Festzelt, in dem die Stolzenauer vom 8. bis zum 10. Februar feiern. Der Umzug folgt am 10. ab 14 Uhr.

Mit dem „Schoduvel“ in Braunschweig haben die Braunschweiger das Duell mit Hannover in dieser Kategorie klar für sich entschieden. Dort gibt es mit sechseinhalb Kilometern Länge und 6000 Aktiven den größten Umzug Norddeutschlands. Der Name bedeutet „Verscheuch den Teufel“. Beim Umzug am 10. Februar ab 12.40 Uhr tritt der „Schoduvel“ auch auf: Als Teufelsgestalt mit Holzmaske und Filzhut, begleitet vom „Erbsenbär“ und dem Frühling.

Mit dem Umzug in Hannover war die Landeshauptstadt spät dran: Den ersten Karnevalsumzug gab es hier erst 1992. Zwar feierten die Welfen hier schon seit dem 17. Jahrhundert einen venezianischen Karneval, diese Tradition riss aber ab. Beginn des Umzugs ist in diesem Jahr am 9. Februar um 13.11 Uhr vor dem Rathaus.

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