Prozess in Verden

Warum musste Daniel S. sterben?

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„Weyhe ist bunt, nicht braun“: Rund 1000 Menschen nehmen im März 2013 an einer Mahnwache für den vor dem Bahnhof von Kirchweyhe niedergeprügelten Daniel S. teil.

Kirchweyhe - Das Landgericht Verden urteilt an diesem Mittwoch über Cihan A. Er soll vor einem Jahr einen Streitschlichter bei einer Prügelei in Kirchweyhe zu Tode getreten haben. Um eine Mordabsicht zu belegen, war die Beweislage allerdings zu dünn.

„Einer wird diese Nacht nicht überleben.“ Als Cihan A. diesen Satz in den Bus rief, machte sich Angst breit unter den rund 30 jungen Leuten, die gerade von einer auswärtigen Diskothek zurück nach Kirchweyhe bei Bremen fuhren. Am Ende der nächtlichen Tour gab es tatsächlich einen Leblosen: Daniel S., einer der Mitfahrer, wurde ins Koma getreten, kaum dass er am Bahnhof Kirchweyhe ausgestiegen war. Vier Nächte danach erlag er seinen schweren Verletzungen. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Am Mittwoch urteilt das Landgericht Verden darüber, ob es wirklich Cihan A. war, der den 25-jährigen Mitfahrer zu Tode trat.

Vorangegangen war ein Streit unter einzelnen Businsassen, wie er immer mal passiert unter jungen Leuten. Das Ungewöhnliche, wenn auch nicht Einmalige, an dem Fall: Daniel S. hatte nicht mitgestritten, sondern die Kontrahenten zur Mäßigung aufgerufen. Und: Weil der Tatverdächtige aus einer türkischen Familie stammt, nutzten Rechtsextremisten den Fall für ausländerfeindliche Propaganda. Dagegen wiederum wehrte sich die Gemeindeverwaltung mit Demonstrationsverboten, und als sie dafür beschimpft wurde, erstattete sie sogar Strafanzeigen.

Dabei hatte alles recht fröhlich begonnen, feuchtfröhlich. Ein junger Mann aus der Gemeinde Weyhe wollte mit Freunden seinen Geburtstag in einer Großdisko nachfeiern und charterte dafür einen Bus. Auch Cihan A. und zwei Begleiter durften einsteigen, obwohl sie nicht zu der Runde gehörten. Auf dem Heimweg entbrannte ein Streit zwischen ihnen und einzelnen Geburtstagsgästen, teils verbal, teils handgreiflich. Per Handy alarmierten die Kontrahenten jeweils Freunde, die zur Endstation kommen sollten: zum Bahnhof des Ortsteils Kirchweyhe. Daniel S. versuchte kurz, die Streitenden zu beruhigen. Vergeblich: Beim Aussteigen entwickelte sich eine Art Massenschlägerei. Für S. endete sie tödlich.

Laut Staatsanwaltschaft soll A. „aus vollem Lauf heraus mit einer Sprungbewegung wie ein Kickboxer gegen den hinteren Oberkörper seines Opfers getreten“ haben. S. prallte dadurch gegen den Bus und ging besinnungslos zu Boden. Trotzdem soll A. noch weiter auf ihn eingetreten haben - „mit menschenverachtendem Vernichtungswillen“, wie es zunächst in der Anklage hieß.

Er sei es nicht gewesen, versicherte dagegen der 20-Jährige bei einem Haftprüfungstermin. Ein herbeitelefonierter Freund habe S. getötet - eine Verwechselung also. Das nahm die Staatsanwaltschaft ihm nicht ab. Doch rückte sie kürzlich nach fast 30 Verhandlungstagen von ihrer Mordanklage ab und plädierte nur noch auf sechs Jahre Jugendstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Denn um eine Mordabsicht zu belegen, war die Beweislage zu dünn. Manche Zeugen widersprachen einander, andere konnten oder wollten sich nicht mehr genau erinnern.

Für die beiden Pflichtverteidiger kommt sogar nur ein Freispruch in Frage. Konkrete Tathandlungen seien A. nicht nachzuweisen, fanden sie. Das letzte Wort hatte wie immer der Angeklagte. Unter Tränen bat er die Angehörigen um Entschuldigung dafür, dass er für die Auseinandersetzung mitverantwortlich sei. Ja, er schäme sich dafür. Wie auch immer das Landgericht heute entscheidet: Ausländerfeinde hatten sich schon gleich nach der Tat ihr Urteil gebildet. In einer Art Todesanzeige, die noch immer im Internet zu sehen ist, schrieben sie, „eine Horde Türken“ („Bestien in Menschengestalt“) habe Daniel S. ermordet. Im Internet habe die „Türkenlobby“ ihn als „Nazi“ hingestellt. Die krude Schlussfolgerung der Rechten: „Er musste also sterben, weil er DEUTSCHER war!“

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders: „Nach unserem Kenntnisstand spielte die Nationalität keine Rolle.“ Das fand auch die Gemeinde Weyhe und verbot damals rechtsextreme Kundgebungen. Ein breites Bündnis von Bürgern und Politikern ging lieber selbst auf die Straße. Ihre Botschaft: Die Tat sei entsetzlich, dürfe aber nicht für Ausländerfeindlichkeit instrumentalisiert werden. Ihr Motto: „Weyhe ist bunt, nicht braun“.

Solche Warnungen vor Pauschalurteilen brachten die Rechten erst richtig in Rage. Bürgermeister Frank Lemmermann (SPD) und seine Verwaltung wurden mit Hunderten Briefen, Faxen und E-Mails eingedeckt. „Dieser Bürgermeister gehört zusammen mit der Türkenbande aufgeknüpft!“, stand da. Oder: „Volksverräter und verkrachte Existenzen wie Sie sollte man von Salafisten in die Luft sprengen lassen.“

Oft machten sich die Pöbler und Drohbriefschreiber nicht mal die Mühe, ihren Namen zu verschleiern. Die Gemeinde wehrte sich auf ihre Weise: Auf 115 besonders wüste Ausfälle reagierte sie mit Strafanträgen und Anzeigen. Der Erfolg war allerdings mäßig: Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Verden führte nur „ein geringer Anteil“ der Anzeigen zu einem Strafbefehl; beim „weitaus überwiegenden Teil“ wurden die Verfahren eingestellt - ohne Bedingungen oder mit der Auflage, eine Geldbuße zu bezahlen.

Von Eckhard Stengel

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