Geldstrafe für Sozialarbeiter

Weggesehen bis zum Tod

Leipzig - Eine Mutter stirbt an einer Überdosis, ihr Sohn verdurstet.Polizei und Ärzte warnten das Amt - jetzt soll der zuständige Sozialarbeiter eine Geldstrafe zahlen.

Eine Mutter stirbt in Leipzig an einer Überdosis, ihr zweijähriger Sohn verdurstet qualvoll neben der Leiche – an dieser Tragödie trägt ein Mitarbeiter des städtischen Jugendamtes nach Überzeugung des Amtsgerichts Leipzig eine Mitschuld. Die Richterin Elke Kniehase verurteilte den Sozialarbeiter am Montag zu einer Geldstrafe von 3600 Euro. Der Mann sei der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen schuldig. Der Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialdienstes habe nicht genug unternommen, um das Wohl des fast zweijährigen Jungen zu schützen.

Dieser Vorfall schockierte vor zwei Jahren bundesweit die Öffentlichkeit. Warum niemand die Frau und ihren kleinen Sohn vermisste oder mögliche Hilferufe des Jungen hörte, ist bis heute nicht geklärt. Nachbarn hatten schließlich die Polizei informiert, weil sie Verwesungsgeruch bemerkten.

Die 26 Jahre alte Mutter starb im Juni 2012 an einem Drogencocktail, das Kind verdurstete und verhungerte in der Wohnung. Als Betreuer der Mutter habe der Angeklagte von deren langjähriger Drogensucht gewusst. Seit Anfang 2012 mehrten sich die Anzeichen, dass die junge Frau ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle hatte und wieder harte Drogen nahm. Sie blieb dem Methadon-Programm fern und meldete ihren Sohn Kieron-Marcel bei der Tagesmutter ab. Als sie im Februar im Wahn Müll aus ihrer Wohnung schmiss, rückte die Polizei an. Vor dem Tod von Mutter und Sohn hatte der Sozialarbeiter zwei Monate lang keinen Kontakt mehr, nachdem die Frau erklärt habe, sie wolle nach Baden-Württemberg ziehen.

Richterin Kniehase folgte mit ihrem Urteil weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der Verteidiger des Sozialarbeiters hatte einen Freispruch verlangt. Der Mann selbst hatte zu Beginn des Prozesses im Januar eine Verantwortung für den Tod des Jungen zurückgewiesen. Natürlich sei in erster Linie die drogensüchtige Mutter schuld an der Tragödie, sagte Kniehase. Der Sozialarbeiter, der von Kollegen als engagiert und kompetent geschildert wurde, sei aber aufgrund seines Berufes mit in der Verantwortung für Kieron-Marcel gewesen, sagte Kniehase. Zudem habe er viel Erfahrung mit Drogensüchtigen gehabt. „Die besondere Problematik – jederzeit mögliche Rückfälle – musste Ihnen zu jeder Zeit klar sein“, sagte die Richterin zum Angeklagten.

Mehr als 30 Kollegen des Mannes hatten den Prozess als Zuschauer verfolgt. Sie trugen rote Aufkleber mit der Aufschrift „Sozialarbeiter/in“ als Zeichen der Solidarität. Am Morgen hatte es Rangeleien gegeben, als eine kleine Gruppe den ohnehin vermummten Angeklagten vor Pressefotografen und Kameraleuten abschirmen wollte. Dabei kam es auf dem Gerichtsflur und im Verhandlungssaal zu Handgreiflichkeiten. Richterin Kniehase forderte Sicherheitspersonal an, danach beruhigte sich die Situation. Der Anwalt des Sozialarbeiters ließ offen, ob er gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen wird.

Polizei und Ärzte warnten das Amt

Die Chronologie der Tragödie: Der nun verurteilte Sozialarbeiter war seit November 2011 für den Fall der Mutter zuständig, die schon als 16-Jährige rauschgiftsüchtig war. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm von Beginn an vorgeworfen, Kontroll- und Überwachungspflichten verletzt und dadurch den Tod des Kindes fahrlässig verursacht zu haben.

So soll der Mann ab Anfang 2012 zahlreichen Hinweisen auf die mögliche Gefährdung des Kindeswohls nicht ausreichend nachgegangen sein. Die 26-Jährige starb zwischen dem 7. und 10. Juni, ihr Kind am 13. oder 14. Juni. Laut Amtsgerichtssprecher Stephan Blaschke hatten sowohl die Drogenberatung als auch eine Ärztin den Beschuldigten zuvor mehrmals darüber informiert, dass die Mutter den Ersatzstoff Methadon nicht abhole und somit erneut Rauschgift nehme. Zudem soll ihn auch die Polizei darauf hingewiesen haben, dass die Frau offenbar Halluzinationen habe, nachdem sie Möbel aus dem Fenster ihrer Wohnung geworfen hatte. Nachbarn sollen ebenfalls Alarm geschlagen haben.

Als die Drogenabhängige am 10. April 2012 erklärte, mit einem neuen Lebenspartner von vorn beginnen zu wollen, wurde die Betreuung beendet – ohne weitere Kontrolle der familiären Verhältnisse, so der Vorwurf. Der Sozialarbeiter fühlt sich jedoch unschuldig. Die Frau habe einen stabilen Eindruck gemacht, als er sie das letzte Mal sah, betonte er stets. Diese Aussage wurde von einem Bewährungshelfer der vorbestraften Frau sogar bestätigt. In einem ersten Verfahren hatte der Angeklagte das Urteil gegen sich nicht akzeptiert und Einspruch erhoben.

Von Birgit Zimmermann

Kommentare