Justizvollzug

Wenn Kinder Weihnachten im Gefängnis feiern

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Die Tür des Mutter-Kind-Hauses steht tagsüber offen. Die Mütter haben mit ihren Kindern allerdings nur eingeschränkt Ausgang. Abends wird die Außentür abgeschlossen.

vechta - Wenn Mama im Gefängnis sitzt: Im Mutter-Kind-Haus der JVA Vechta verbringen einige Kinder auch Weihnachten in Haft.

Die Bescherung zu Weihnachten wird für manche Kinder im Gefängnis stattfinden. Für Mia (1), Emma (1) und neun weitere Mädchen und Jungen im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren ist die Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta zurzeit ihr Zuhause. Dort wohnen die Kleinen mit ihren straffällig gewordenen Müttern im Mutter-Kind-Heim. Mit allen Einschränkungen, die die Haftzeit so mit sich bringt.

Mia will nach draußen, aber das geht nicht. „Wir können nicht raus“, hört sie zum mindestens zehnten Mal an diesem Tag im Advent. Die Kleine, sie lernt gerade laufen, hat wieder mal an den Händen der Mutter gezupft und gezerrt und steuert hartnäckig die Zimmertür an. Mit ihrer 23 Jahre alten Mutter Nadine (Namen geändert), teilt sich Mia zwei kleine Räume. Im Moment ist Mittagsruhe vorgeschrieben; abends wird dann die Außentür abgeschlossen.

Elf Plätze hält die Haftanstalt für Frauen im offenen Vollzug für Mütter und noch nicht schulpflichtige Kinder bereit, drei weitere für Mütter mit Kindern bis drei Jahren im geschlossenen. Nur sechs weitere Häuser dieser Art gibt es in Deutschland. Hinter ihnen steht der Gedanke, die Mutter-Kind-Bindung während der Haft nicht zu gefährden - und möglichst zu fördern.

„Fördern“ nennt auch Mias Mutter als Ziel, doch ihre Art und Weise entspricht nicht immer dem, was der in der JVA vorgeschriebene Erziehungskurs vermitteln soll. „Geschenke, die fördern“ hat Nadine für ihre Tochter gesucht. Ein Tambourin, das auf Knopfdruck Melodien spielt, versteht sie darunter und einen Minicomputer, der Tierstimmen imitiert. Mit den Vorgaben im Gefängnis ist die junge Mutter oft nicht einverstanden: Die gerade einjährige Mia darf dort nämlich nicht fernsehen, und auch die gewohnten Pommes sind ihr verwehrt. Wie zu Hause mit der Mutter Hip-Hop-Musik hören kann Mia weiter, aber laut darf es vor allem während der Mittags- und Abendruhe nicht werden.

Nadine sitzt für rund ein halbes Jahr ein, weil sie nach einem Urteil wegen Betrugs und Körperverletzung ihre Bewährungsauflagen nicht einhielt. Sie war, wie sie erzählt, nicht zur vorgeschriebenen Drogenberatung gegangen. Nun aber rauche sie nichts mehr außer Zigaretten, sonst hätte sie diese Haft mit Kind auch gar nicht antreten können. Nach Ausflügen in die Stadt, die sie mit Mia nachmittags machen darf, nach Kinobesuchen mit anderen Frauen und nach dem jetzigen Kurzurlaub zu Weihnachten in der Region Hannover wird jedesmal ein Drogentest fällig. Fiele der zu ihren Ungunsten aus, hätte die gemeinsame Zeit mit Mia sofort ein Ende.

Die magere junge Frau ist froh, dass sie ihre Kleine nach Vechta mitnehmen durfte, zumal sie mit Mias Vater nicht mehr zusammenlebt. „Aber ich hätte ihr das gerne erspart“, sagt Nadine reumütig. Mia habe sich in den knapp zwei Monaten in Haft sehr verändert, weine häufig, schlafe unruhig, sei ständig krank. Und ihr, der Mutter, tue es sehr leid, immer wieder sagen zu müssen: „Wir können nicht raus.“ Der täglich vierstündige Kindergarten im Knast aber scheine Mia gut zu gefallen. Die Drei- bis Fünfjährigen besuchen im Übrigen tagsüber Kindergärten im Ort.

Der Spielkreis im Mutter-Kind-Heim sieht auch wie eine gewöhnliche Kindertagesstätte aus: Luftballons und gebastelte Engel, Ballbecken, Kuschelecke zum Vorlesen. An der Wand allerdings hängt ein Geburtstagskalender mit ungewöhnlich vielen Fotos und Namen. Im Spielkreis nämlich wechseln die Kinder so häufig wie die inhaftierten Frauen im Heim. Den JVA-Mitarbeiterinnen gelingt es trotzdem, in der Gruppe Ruhe zu schaffen. Ganz ohne Geschrei verspeisen die Kleinen an diesem Tag ihre Erbsensuppe, manche allein, die Jüngsten mit Hilfe. „Grenzen setzen funktioniert hier“, sagt Erzieherin Adelheid Rahmen. „Nachmittags bei den Müttern ist das oft anders.“

Die Erziehungshilfen im Gefängnis sind für einige Mütter die letzte Chance, ihr Kind auch in Zukunft bei sich behalten zu dürfen - das Jugendamt hätte sie ihnen sonst ganz weggenommen. „Manche Frauen lernen hier, ihr Leben besser geregelt zu kriegen“, meint Lena, die Mutter von Mias neuer, ebenfalls einjähriger Spielkameradin Emma. Die 19-Jährige mit Realschulabschluss kommt ebenfalls aus der Region Hannover, aber aus einer bürgerlicheren Umgebung als Nadine. Die wuchs beim Vater auf, der ebenfalls zeitweise im Knast saß; Nadines erstes Kind lebt bereits in einer Pflegefamilie.

Sie habe „Mist gebaut“, erzählt Lena, indem sie nach ihrem Bewährungsurteil wegen dauernder „Beförderungserschleichung“ weiterhin schwarzgefahren sei. „Ich habe nicht damit gerechnet, dann hier zu landen.“ Ihrer Tochter, die ihretwegen nun auf die gewohnten Kontakte zu Vater und Großeltern weitgehend verzichten muss, will sie später von der gemeinsamen Zeit im Gefängnis erzählen. Zum Glück bekomme Emma von der Haftsituation nicht viel mit. „Schlimmer ist es für die Älteren“, meint Lena. „Ein Fünfjähriger hier sagt ständig zu seiner Mutter, er will mit ihr nach Hause zu seiner Schwester.“

Zu Weihnachten können fast alle Kinder, deren Mütter sich im Vollzug gut benommen haben, ein paar Tage außerhalb der Anstalt verbringen. Mia fährt mit zum neuen Freund ihrer Mutter Nadine, das Jugendamt hat keine Bedenken. Emma und ein weiteres Kind bleiben im Gefängnis. Ihre Mutter Lena hat die Bedingungen für einen Kurzurlaub nicht erfüllt. „Man muss sehr verlässlich sein,“ sagt Heimleiterin Marianne Heumüller. Emmas Weihnachtsbaum zur Bescherung steht daher in der neuerdings vertrauten Umgebung: im JVA-Spielzimmer, neben dem Ballbecken.

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