Neues Skigebiet im Harz

Wenn der Wurmberg immer weiß wird

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Foto: Ein Hubschrauber liefert tonnenschwere Bauteile einer neuen Sesselliftanlage in das Skigebiet am 971 Meter hohen Wurmberg im Oberharz (Bild vom 8. Juli 2013).

Braunlage - Im Harz entsteht mit gewaltigem Aufwand Norddeutschlands modernstes Skigebiet: Die Hoffnungen sind groß – und Zweifel unerwünscht.

Zweimal am Tag wird gesprengt. Dann gibt es einen lauten Knall, und der Wurmberg bebt. Ganz oben entsteht so eine gewaltige Grube, die bald zum Stausee werden soll. Schwere Maschinen transportieren die herausgesprengten Gesteinsbrocken ab. „Hier wird seit April rund um die Uhr gearbeitet“, sagt Dirk Nüsse.

Er ist der Leiter der Wurmbergseilbahn – ein Titel, der seine Aktivitäten aber gerade nur unzureichend beschreibt. Vor allem ist Nüsse gerade Schöpfer. Schöpfer einer neuen, im Winter immer weißen Landschaft auf, immerhin, Niedersachsens höchstem Berg.

Es ist seine Firma, die zurzeit das modernste Skigebiet Norddeutschlands baut. Der Stausee, verspricht Nüsse, werde „wunderschön, idyllisch“. Er hat aber auch eine Funktion. Der See ist nötig für die Beschneiungsanlage, die künftig für Schneesicherheit auf dem dann doch gerade mal 971 Meter hohen Wurmberg sorgen soll. Damit die Skifahrer im Winter auch garantiert kommen. Denn die Winterurlauber sind wichtig für den niedersächsischen Harz und die kleine Stadt Braunlage am Fuß des Wurmbergs, deren Haupteinnahmequelle der Tourismus ist. Seit der Wiedervereinigung ist es hier immer trister geworden. An der geschwungenen Hauptstraße, die sich durch Braunlage zieht, stehen viele Geschäfte leer. Die Restaurants sind schlecht besucht, die Hotels auch. Während im Jahr 2007 noch 842 000 Übernachtungen gezählt wurden, waren es fünf Jahre später nur noch 748 000 – elf Prozent weniger. Deshalb sind die Menschen in Braunlage froh, dass endlich etwas passiert.

Die Hoffnungen sind gewaltig. „Wir werden einen großen Aufschwung miterleben“, ist sich der Bürgermeister von Braunlage sicher. Stefan Grote ist hier geboren, und er hat mitbekommen, wie es immer weiter abwärts ging mit der Stadt. Braunlage ist überaltert, mittlerweile sind mehr als 40 Prozent der Einwohner über 60 Jahre alt. „Die Jugend zieht weg, weil es bei uns keine Jobs mehr gibt“, sagt er. Aber all das soll sich bald ändern. Die Wurmbergseilbahn GmbH hat schon mal ein paar Berechnungen veröffentlicht. Sie klingen verheißungsvoll. 1000 Arbeitsplätze, heißt es, werde das Skigebiet in der Region schaffen.

Schon im Jahr 2012 ging es etwas bergauf. „Allein durch die Ankündigung und den Ausbau von zwei alten Pisten“, versichert Grote. Es mag aber auch der schneereiche Winter dazu beigetragen haben, dass die Übernachtungszahlen wieder etwas gestiegen sind. Außerdem wurden wieder Wohnungen zu guten Preisen verkauft. Für den Bürgermeister sind das die Vorboten einer rosigen Zukunft.

Aber das neue Skigebiet bringt nicht nur Gutes. Vom Fuß des Wurmbergs bis hoch zum Gipfel zieht sich eine breite Schneise durchs Grün. 16 Hektar Wald wurden hier für die neue Piste gerodet. Das hat viele Kritiker auf den Plan gerufen, allen voran den Geologen Friedhart Knolle, Sprecher der Gruppe Westharz des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). „Wir hätten das Gebiet gerne gerettet“, sagt Knolle. Der Fichtenwald, erklärt er, sei wegen seiner Ursprünglichkeit besonders schützenswert. Aber das Projekt sei politisch gewollt gewesen, schon 2006 wurde der größte Teil des Wurmbergs aus dem Naturschutzgebiet herausgeschnitten. Nur so war der Bau der neuen Skianlage möglich.

Der BUND hatte gegen die Rodung des Waldes geklagt, aber nun sei es zu spät. Knolle spricht von „Verzögerungstaktik“ und sagt, dass mit den Betreibern der Wurmbergseilbahn nicht außergerichtlich zu reden gewesen sei. Im Januar hat die Organisation ihre Klage zurückgezogen. „Die Kosten-Nutzen-Analyse ist nicht mehr aufgegangen“, sagt der Umweltschützer. Soll heißen: Die Rodungsarbeiten hatten schon begonnen – und somit war das größte Anliegen des BUND hinfällig. Außerdem habe man nicht länger gegen die Mehrheit der Braunlager klagen wollen, die das Projekt befürworte.

Acht Millionen Euro kostet die neue Skianlage. Dafür werden zwei neue Pisten gebaut, alte werden verbreitert. Es wird einen neuen Sessellift geben, Reifenrodelpisten für Kinder, Flutlicht und die modernste Beschneiungsanlage, die es zurzeit auf dem Markt gibt. Zwei Millionen Euro kommen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Die Stadt Braunlage steckt noch einmal zwei Millionen Euro in die Infrastruktur der Stadt, ein Parkplatz für 600 Autos wurde schon gebaut. Daneben kommen demnächst Toiletten für die Skifahrer, Braunlage kümmert sich auch um die Wasser- und Abwasserleitungen.

Den größten Teil der Kosten, sechs Millionen Euro, trägt die Wurmbergseilbahn selbst. Betriebsleiter Nüsse ist überzeugt, dass das Projekt erfolgreich wird. In zehn Jahren soll sich die Anlage amortisiert haben. Damit die Rechnung aufgeht, müssen im Jahr 20 000 Skisportler mehr auf den Wurmberg kommen, das sind rund 200 pro Wintertag. Das sei „überhaupt kein Problem“, sagt Nüsse. Er hofft nicht weniger, als dass die Norddeutschen künftig nicht mehr den weiten Weg in die Alpen auf sich nehmen, sondern gleich im Harz skilaufen.

Der Bauingenieur zeigt neben die Grube, die bald mit Wasser gefüllt sein wird. „Dort kommt eine Hauptpumpstation hin, die das Wasser in die Düsen der Beschneiungsanlage presst“, erklärt er. Auf der neuen Piste, dem Hexenritt, wurden alle 50 bis 100 Meter Schächte angelegt, aus denen künftig der künstliche Schnee geschossen wird. „Ideal sind Temperaturen von minus drei Grad“, erklärt Nüsse, dann sei die Schneeproduktion am effizientesten. Aber auch bei Temperaturen um null Grad könne man es schon schneien lassen.

Manche bezweifeln das. Die größte Kritikerin der Kunstschneeproduktion im Harz ist Carmen de Jong. Die Professorin der Hydrologie an der französischen Université de Savoie hat ein Gutachten erstellt. Es besagt, dass auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit auf dem Wurmberg mindestens minus 5 Grad vorherrschen müssten, damit es mit dem künstlichen Schnee funktioniert. Den Pragmatiker Nüsse beeindruckt das nicht: „Wir haben Testbeschneiungen gemacht – und es klappt.“

Drei Tage soll es künftig dauern, bis die Pisten des Wurmbergs vollständig mit Kunstschnee bedeckt sind. Im Dezember soll es das erste Mal soweit sein. Dann wird die Eröffnung der neuen Anlage gefeiert, und alles soll so sein wie auf den hohen Bergen im Süden. Eine „Hüttengaudi“ versprechen die Betreiber, viel Prominenz, und natürlich Schnee. Jede Menge schönsten weißen Schnee.

Anne Grüneberg

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