Völlig am Boden

Werden High Heels zum Auslaufmodell?

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Flach liegt im Trend: Sogar Models von Karl Lagerfeld liefen in Paris ohne High Heels.

Hamburg - High Heels galten als modisches Muss. Nun geht der Trend zum sicheren Halt: Das Angebot an flachen Schuhen hat sich deutlich vergrößert. Selbst in der Haute Couture sind Sohlen ohne Absatz erlaubt.

Es ist ein ungewohntes Bild bei den eleganten Haute-Couture-Schauen in Paris: flache Schuhe, wo immer man hinschaut. Viele Besucherinnen kommen in Römersandalen, andere in Ballerinas oder der Herrenmode entlehnten Brogues. Bei jüngeren Designern wie der talentierten Bouchra Jarrar treten sogar die Pressedamen des Hauses in bodenständigen Schnürern auf. Wer auf hohen Absätzen umherstöckelt, gehört entweder schon der älteren Generation an oder ist ein Hollywoodstar und kann nicht anders.

Vieles spricht dafür, dass sich hinter der neuen Liebe zu den sogenannten Flats mehr verbirgt als ein kurzlebiger Trend. Karl Lagerfeld schickte schon bei seiner Couture-Schau für Chanel im vergangenen Januar die Models auf Sneakern über den Laufsteg. Auch Designer Raf Simons zeigte bei Dior Sportschuhe. Da galt das noch als Sensation. Jetzt verpasste Lagerfeld den Chanel-Models ganz selbstverständlich absatzlose Zehentrennersandalen mit Schleifen an den Fesselriemen.

Bei angesagten Internetshops wie Mytheresa hat sich das Angebot flacher Schuhen deutlich vergrößert. „Vor ein paar Jahren gab es noch nicht so viele Varianten“, sagt Sasha Sarokin, Senior Buyer beim Londoner Modegiganten Net-A-Porter. „Hauptsächlich waren es Ballerinas und Turnschuhe, und oft dienten die als Freizeitlook am Wochenende.“ Heute könne man besser mit flachen Schuhen spielen - Brogues (Schuhe mit Lochverzierungen), Loafer (Schlupfhalbschuhe), Turnschuhe oder Creepers (der englische Begriff für „Leisetreter“ bezeichnet flache Schuhe mit besonders dicken Sohlen) könnten eigentlich mit allen Kleidungsstücken kombiniert werden.

Doch es sind nicht nur die Schuhe, bei denen sich die weibliche Garderobe geändert hat. Ein neues Modeverständnis hat sich leise und beharrlich aufgebaut. Stilsichere Frauen bevorzugen Entwürfe, die zugleich bequem und elegant sind und allen Lebenslagen entsprechen können. Im kommenden Winter wird das nun überall sichtbar. Dazu gehören ein weicher Oversize-Mantel, eine A-förmige wadenlange Hose aus Wolle, ein passendes, leicht gerundetes Tunikaoberteil oder eine gut gearbeitete Bluse.

Labels wie Acne aus Schweden oder The Row aus den USA verkörpern diesen Look längst. Lanciert hat ihn aber - und das schon vor ein paar Jahren - maßgeblich eine Frau: Phoebe Philo, die Designerin der Marke Céline. „Die Frau, die weiß, was Frauen wollen“, so überschrieb die „New York Times“ im Februar eine Geschichte über Philo. Die Designerin, schrieb Autorin Whitney Vargas, habe bei Céline stets Kollektionen entworfen, die den Lauf der Mode verändert hätten - mit schön entworfenen Kleidern höchster Qualität, bei denen Komfort der höchste Luxus sei.

Anders als in den achtziger und neunziger Jahren, wo Jil Sander und Giorgio Armani Anzüge für Frauen der Businesskleidung für Männer entlehnten, spielen männliche oder weibliche Dresscodes und der Gegensatz von Arbeits- und Freizeitwelt in dieser Mode keine große Rolle mehr. Die Übergänge sind fließend.

Moderne Frauen sehen so aus, als ob sie zwischen verschiedenen Aufgaben jederzeit umschalten könnten. „Bei Kleidern geht es nicht mehr nur darum, chic auszusehen“, sagt Sarokin. „Sie sind auch komfortabel, sodass das gleiche Outfit den ganzen Tag lang getragen werden kann, vom Stadtbummel am Tag bis zum Dinner mit Freunden am Abend.“

Hauptsache, es wirkt lässig und eben bequem - was nun auch für Schuhe gilt. Sogar Victoria Beckham, die früher eigentlich nie ohne Stöckelschuhe in der Öffentlichkeit gesehen wurde, hat sich von High Heels abgewandt. Im Onlinemagazin von Net-A-Porter rät sie Leserinnen: „Trauen Sie sich an Flats. Es wäre unmöglich, in High Heels meinen Kindern hinterherzujagen oder in meinem Londoner Studio herumzurennen.“

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