Fledermaus-Sterben

Das Windrad wird zur Todesfalle

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Foto: Jährlich sterben eine Viertelmillion Fledermäuse durch Windräder.

Hannover - Bis zu 250.000 tote Tiere im Jahr: Eine Studie der Universität Hannover berichtet vom massenhaften Sterben der Fledermäuse. Details der vom Bundesumweltministerium geförderten Untersuchung bleiben aber geheim.

Wer ein Gespür für die gigantische Gewalt laufender Windkraftanlagen bekommen will, muss bei einer kräftigen Brise einmal am Fuß einer Maschine stehend nach oben blicken. Die rasenden Rotoren stellen die wummernden Bässe einer Disco locker in den Schatten, ein Flugzeug im Start kommt den kreisenden Flügeln da schon näher.

Wer diese Kraft der modernen Mühlen in Volllast kennt, den dürften die Ergebnisse eines Forscherteams von der Uni Hannover kaum wundern. Die Untersuchungen legen nahe, dass die Windräder zwischen Alpen und Nordsee jedes Jahr Zehntausende Fledermäuse töten. „Rechnet man den Befund auf die aktuell 25.000 Windenergieanlagen in Deutschland hoch, sterben an ihnen jährlich eine Viertelmillion Fledermäuse durch Windräder. Fledermäuse“, warnt die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen (EGE), die auch für die fliegenden Säugetiere kämpft.

Der Verein fordert eine Veröffentlichung derjenigen Anlagen aus der Untersuchungsreihe, die sich als die größten Tötungsmaschinen erwiesen. Das Problem: Die Forscher sicherten den Anlagenbetreibern aus dem Projekt, bei dem Deutschlands Branchenprimus Enercon als Partner half, Anonymität zu - im Gegenzug für deren Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Die EGE beruft sich unter anderem auf das Bundesnaturschutzgesetz, wonach das Töten seltener Arten verboten ist. Auch auf die Gefahrenabwehrpflicht im Gesetz zur Vermeidung von Umweltschäden beruft sich die Gesellschaft. Die Zulassungen für die Anlagen dürften mit dem neuen Kenntnisstand auch nachträglich angepasst werden und die Mühlen könnten mithilfe der Studienergebnisse so eingestellt werden, dass tote Fledermäuse die große Ausnahme bleiben - und zwar bei vertretbaren Gewinneinbußen.

Das Brisante an dem Fall: Das Bundesumweltministerium hat die Studie mit rund 1,1 Millionen Euro gefördert. Der Vorwurf der EGE liegt nun auf der Hand: Der Bund gibt Steuergeld für ein Projekt aus, bei dem herauskommt, dass untersuchte Windanlagen womöglich nur mit neuen Auflagen gesetzeskonform sind. Doch dann passiert nichts. Ein Ministeriumssprecher wies am Freitag darauf hin, dass seine Behörde die Daten selbst nicht habe. „Gleichwohl nehmen wir das Thema des Kollisionsrisikos von Fledermäusen mit Windkraftanlagen sehr ernst.“ Das Ministerium fördere daher mehrere ähnliche Forschungsvorhaben.

Im Falle der Studie aus Hannover gehörten die Rohdaten der Uni. Bei der geförderten Studie bestehe nur die Vorgabe, die Ergebnisse öffentlich zu machen. „Für die Rohdaten gilt diese Vorgabe nicht.“

Studienleiter Prof. Michael Reich war am Freitag nicht erreichbar. Er verwies die Fledermausfreunde aber schon Mitte Juli auf die Anonymitätsklauseln. Damals betonte Reich auch: „Sie können sich sicher vorstellen, dass es nicht einfach war, Betreiber von Windenergieanlagen als Kooperationspartner für dieses Forschungsprojekt zu gewinnen.“

Das Bundesumweltministerium fördert inzwischen mit 962 884 Euro ein Folgeprojekt, bei dem dasselbe Forscherteam „Methoden zur Untersuchung, Vorhersage und Reduktion des Kollisionsrisikos von Fledermäusen“ finden soll. „Fledermausfreundliche Betriebsalgorithmen“ heißt das Ziel schlicht.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein Grundübel der Energiewende, das besonders in Niedersachsen offenkundig wird: Umweltinteressen prallen regelmäßig auf das politische Ziel, wonach Deutschland mit der Windkraft weg soll vom Atomstrom. Die Schattenseiten der Mühlen: Sie speisen nicht konstant ein und brauchen daher bisher Regelenergie aus herkömmlichen Kraftwerken. Kritiker fürchten eine „Verspargelung“ der Landschaft. Und für die Windkraftvariante auf hoher See müssen Kabel durchs Welterbe Wattenmeer gefräst werden. Fern der Küste gibt es zwar keine Fledermäuse - aber der Baulärm vertreibt dort die Wale.

von Heiko Lossie

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