Tragödie in Tröglitz

„Wir dürfen jetzt nicht einknicken“

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Foto: Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei stehen vor der zukünftigen Unterkunft für Asylbewerber in Tröglitz (Sachsen-Anhalt). In der Nacht hatte es in dem Gebäude gebrannt. Die Polizei ermittelt wegen Verdacht auf Brandstiftung.

Tröglitz - Sperrzäune und rotweißes Flatterband riegeln das Mehrfamilienhaus in der Ernst-Thälmann-Straße ab. Überall in Tröglitz patrouillieren Streifenwagen. Nach dem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim halten die Behörden an dem Plan fest, Flüchtlinge in Tröglitz unterzubringen.

In dem kleinen Ort im sachsen-anhaltinischen Burgenlandkreis riecht es nach Rauch. Aus dem frisch sanierten Haus, in das Ende Mai 40 Flüchtlinge einziehen sollten, ragen verkohlte Dachbalken in den Himmel. Herabgestürzte Dachziegel, Scherben und Baumaterial liegen verstreut herum. Passanten gehen mit ihren Hunden vorbei, manche schütteln bei dem Anblick mit dem Kopf.

In der Nacht zu Sonnabend, gegen zwei Uhr, ist hier ein Feuer ausgebrochen, das am Tag darauf für Entsetzen in ganz Deutschland und sogar darüber hinaus sorgt. Denn rasch ist den Ermittlern klar: Der dreigeschossige Wohnblock, die künftige Flüchtlingsunterkunft, wurde angezündet. Vermutlich wurden auch Brandbeschleuniger verwendet. Zwar läuft die Suche nach den Tätern noch, und offiziell bestätigen können Polizei und Staatsanwaltschaft ein politisches Motiv bislang nicht. Offenkundig gehen aber auch die Ermittler von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus. „Es liegt im Gesamtzusammenhang nahe“, sagt Polizeipräsidentin Christiane Bergmann. Es gibt nach dem Anschlag vorerst nur eine gute Nachricht: Verletzt wurde niemand. Ein deutsches Paar im angrenzenden Wohnblock konnte von Nachbarn geweckt und gerettet werden.

Es ist bereits das zweite Mal, dass der 2700 Einwohner zählende Ort bei Zeitz im Dreiländereck von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wegen fremdenfeindlicher Aktionen in die Schlagzeilen gerät. Bereits Anfang März war der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth (parteilos) wegen rechtsextremer Anfeindungen zurückgetreten. Er wusste sich nicht mehr anders zu helfen, nachdem ein NPD-geführter Protestzug direkt vor seiner Haustür genehmigt worden war. Nierth fühlte sich von Politik und Behörden kaum unterstützt.

Inzwischen stehen mehrere Polizeiwagen vor seinem Haus nahe der kleinen Kirche. Rund um die Uhr verfolgen mürrisch dreinblickende Beamte jede Bewegung in den engen Gassen. Trotz der Drohungen engagiert sich der 46-jährige Nierth weiter im Ort. Er nennt das Feuer eine „riesige Schande für Tröglitz“. Wütend mache ihn, dass die braune Saat so weit aufgegangen sei. Dass Häuser brennen, in denen hilfebedürftige Familien unterkommen sollten. „Wir dürfen jetzt nicht einknicken, müssen uns dagegenstellen. Sonst gewinnt die pöbelnde Minderheit.“ Er habe noch zwei Wohnungen, die er bereits als Unterkünfte angeboten habe, erklärt Nierth. „Die Braunen dürfen über unseren Ort nicht siegen“, sagt er.

Für alle Verantwortlichen ist klar: Die Flüchtlingsfamilien sollen trotz des Anschlags nach Tröglitz kommen. Etwas später vielleicht, aber kommen sollen sie. Die geplante Unterkunft ist laut Polizei zwar vorerst unbewohnbar. Aber auch Landrat Götz Ulrich (CDU) will mit anderen Vermietern sprechen und neue Häuser finden. Und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) kündigt an: „Wir werden keinen Schritt zurückweichen. Hier geht es nicht nur um Verbrechensbekämpfung, hier geht es um unsere Demokratie.“ Die Entschlossenheit gegen die Rechtsextremisten hat für Politiker und Amtsträger hier allerdings ihren Preis. Auch Landrat Ulrich wird inzwischen bewacht - nach heftigen Drohungen, die er gegenüber dem Fernsehsender n-tv am Wochenende so beschrieb: „Das nimmt unangenehme Formen an. Das geht sogar so weit, dass die Methoden der Französischen Revolution angedroht werden“, sagte Ulrich. In ganz Sachsen-Anhalt, erklärt die Landesregierung, werden Asylbewerberunterkünfte inzwischen besonders gesichert.

Wer für den Anschlag und für die Drohungen mindestens mitschuldig ist, steht für viele in Tröglitz fest: die NPD. Die Gegner der Flüchtlingsunterbringung, die seit Wochen mit sogenannten Abendspaziergängen demonstrieren, trügen eine Mitverantwortung für den Anschlag, erklärt der Pastor Matthias Keilholz: „Sie haben den Nährboden für solche Taten geschaffen“, sagt er. Auch Haseloff sieht den „geistigen Nukleus“ für solche Taten in der NPD-Kreistagsfraktion.

Wie aufgeheizt die Stimmung in dem Ort mittlerweile ist, zeigte eine Bürgerversammlung vor wenigen Tagen mit 500 Besuchern. Da schürten Rechtsextreme und Sympathisanten mit gezielten Provokationen den Unmut gegen Flüchtlinge. Der Landrat und einige engagierte Bürger hielten zwar dagegen - doch zum Verschwinden konnten sie Hass und Vorurteile offenbar nicht bringen.

Dass es auch in Tröglitz andere, menschenfreundliche Stimmen gibt, zeigte die Reaktion auf den Anschlag am Sonnabend: Rund 300 Menschen kamen zu der spontanen Demonstration, zu der eine Initiative um den Ex-Bürgermeister Nierth aufgerufen hatte. „Tröglitz ist so ein schöner Ort, und unsere Heimat, die lassen wir uns von Verbrechern nicht kaputt machen“, sagte Haseloff unter lautem Applaus.

Wer die Tröglitzer selbst fragt, der erhält kein einheitliches Bild. „Verdenken kann ich es keinem, der gegen die Flüchtlinge im Ort ist“, sagt eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Tausende hätten nach der Schließung des Hydrierwerks ihre Arbeitsplätze verloren. Hilfen für Asylbewerber und Geld für die Vermieter von Unterkünften weckten da bei manchem, dem es selbst schlecht geht, Neid.

Die meisten allerdings sind geschockt - und wünschen sich vor allem die Rückkehr der Ruhe in ihren Ort. „Arbeit brauchen die Menschen, Einheimische wie Flüchtlinge. Dann gibt es weder Missgunst noch Randale“, erklärt zum Beispiel der Tröglitzer Dietmar Hauser. Der Rentner Karl Mück ist sogar trotz allem sicher, dass die Bewohner die Flüchtlinge auch jetzt noch gut aufnehmen werden: „Weil es Mitmenschen sind, die es verdient haben, dass man ihnen hilfsbereit begegnet.“ Nur eine verschwindend kleine Minderheit, glaubt er, sei gegen Flüchtlinge. Eine Minderheit, die hier jedoch immer wieder und sehr laut auf sich aufmerksam macht.

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