Interview zu Turbo-Abi

„Es wird bei den Ganztagsschulen bleiben“

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Frauke Heiligenstadt im Gespräch mit Saskia Döhner über die Abkehr von G8.

Hannover - Frauke Heiligenstadt (SPD) ist seit einem Jahr niedersächsische Kultusministerin. Gegen ihren Beschluss, Lehrer an Gymnasien eine Stunde mehr unterrichten zu lassen, gab es massive Proteste. Im Interview spricht sie über das Turbo-Abi in Niedersachsen.

Frau Ministerin, wann dürfen – oder müssen – die Gymnasien wieder zum Abitur nach neun Jahren zurückkehren? So ganz genau können wir das noch nicht sagen. Aber: Wir arbeiten an einem abgestimmten Konzept, das diese Option möglich machen soll. Ich habe ja schon zu Oppositionszeiten immer wieder die Einführung des verkürzten Abiturs kritisiert, insbesondere als 2010 per Schulgesetzänderung G 8 auch an Gesamtschulen gelten sollte.

Plötzlich sind ja alle gegen die verkürzte Schulzeit ... In jedem Fall ist es erstaunlich, unsere Argumente von damals jetzt aus dem Munde derer zu hören, die das Turbo-Abitur vorher immer verteidigt hatten. Es war von Anfang an seit unserer Regierungsübernahme klar, dass es nicht nur darum geht, G 8 an den Gesamtschulen wieder abzuschaffen, sondern dass wir uns auch darum kümmern müssen, den Druck an den Gymnasien rauszunehmen. Deshalb haben wir das Dialogforum „Gymnasien gemeinsam stärken“ eingerichtet. Daraus ist unmittelbar die Expertenrunde entstanden, die seit September drei mögliche Varianten zur Schulzeit an den Gymnasien und ihre Auswirkungen prüft. Ihr Abschlussbericht liegt spätestens Ende März vor. Danach muss die politische Diskussion stattfinden. Aber soviel kann man schon sagen: Die Tür zum G 9 steht offen.

Das Turbo-Abitur ist also Geschichte? Wir können uns vorstellen, dass leistungsstarke Schülerinnen und Schüler die Chance erhalten, auch in acht Jahren zum Abschluss zu kommen – in welcher Form, darüber werden wir entscheiden, wenn der Abschlussbericht der Expertinnen und Experten vorliegt.

Kritiker nennen die Treffen dieser Expertenrunde „Kaffeekränzchen“ und werfen Ihnen vor, die Entscheidung in die Länge zu ziehen. Das ist Unfug. Mit der Expertenrunde haben wir erstmals die öffentliche Diskussion über G 8 und G 9 im Land überhaupt angestoßen. Das Turbo-Abitur ist damals im Hauruckverfahren eingeführt worden, die Schulen hatten kaum Zeit, sich umzustellen. Diesen Fehler wollen wir nicht wiederholen. Es geht darum, Lösungen zu finden, mit denen die Schulen langfristig arbeiten können und mit denen wir nicht wieder in ein paar Jahren vor Veränderungen stehen.

Welcher Jahrgang wird der erste sein, der wieder nach 13 Jahren Abitur macht? Viele Eltern werden da jetzt rechnen. Das kann ich noch nicht sagen, das hängt auch davon ab, wie das G 9 ausgestaltet wird. Für die Detailfragen warten wir den Abschlussbericht der Expertenkommission ab, das ist die fachliche Grundlage für die politischen Entscheidungen. Wir planen eine große Schulgesetznovelle zum Schuljahr 2015/16, die nicht nur die Rückkehr zu G 9, sondern auch unter anderem die Abschaffung der Laufbahnempfehlung am Ende der Grundschule einschließt. Der Gesetzentwurf kann im Herbst vorliegen, dann folgt die Anhörung der Verbände und die Beratung im Parlament. Im nächsten Frühjahr könnte das Gesetz beschlossen werden.

Der Philologenverband hat ein Modell vorgeschlagen, wonach schon die derzeitigen Jahrgänge 5 bis 7 zurück zum Abitur nach 13 Jahren könnten. Für solche Zahlenspiele ist es noch zu früh. Denkbar ist vieles. Es muss aber vernünftige Übergangslösungen geben. Jedes Kind, das an einer Schule einen Bildungsgang beginnt, muss ihn dort unter gleichen Bedingungen auch beenden können.

Bedeutet die Rückkehr zu G 9 auch, dass die Lehrer doch nicht eine Stunde mehr in der Woche unterrichten müssen? Nein, das hat nichts miteinander zu tun. Es bleibt bei der zukünftigen Unterrichtsverpflichtung von 24,5 Stunden in der Woche. Ein Zurück zu G 9 von vor zehn Jahren wird und kann es nicht geben. Wir müssen berücksichtigen: Die Schullandschaft hat sich völlig verändert. 70 Prozent der Gymnasien sind mittlerweile Ganztagsschulen. Viele Eltern sind daran gewöhnt, dass ihre Kinder seit dem Krippenalter ganztags betreut werden. Am Nachmittag soll es dann am Gymnasium verstärkt Zeit für Arbeitsgemeinschaften, Hausaufgaben, aber auch für individuelle Förderung geben. Viele Familien können sich heute teure Nachhilfestunden nicht leisten. Die Kinder, die zu Hause nicht genügend Unterstützung bekommen, sollen künftig an der Schule gefördert werden. Wie wichtig das ist, weiß ich aus eigener Erfahrung.

Sie waren die Erste aus Ihrer Familie, die das Abitur gemacht hat. Ja, als drittältestes Kind. Weil meine Eltern die Monatskarte für den Bus nicht bezahlen konnten, bin ich oft 30 Kilometer zur Schule mit dem Fahrrad gefahren, 15 Kilometer hin, 15 Kilometer zurück. Und dann hatte ich vier, fünf Nachhilfeschüler die Woche. Anders hätten wir die Schulbücher nicht bezahlen können. Ich habe das Abitur trotz dieser schwierigen Bedingungen geschafft, aber für viele Familien ist das heute nicht möglich. Jedes Kind muss die Chance haben, den Schulabschluss zu machen, den es machen will.

Ist das neue G 9 ein Abitur light, wie manche befürchten? Nein, die hohe Qualität wird bleiben! Das ist die Prämisse, unter der die Expertenkommission prüft, wie wir Stress und Druck rausnehmen können. Dazu gehört auch die Oberstufe und Fragen wie beispielsweise: Könnten die Prüfungsfächer auf erhöhtem Anforderungsniveau, die früheren Leistungskurse, künftig nicht mehr vierstündig, sondern fünf Stunden in der Woche unterrichtet werden? Dies würde vertieftes Lernen ermöglichen und gleichzeitig Lehrkräfte entlasten, indem sie möglicherweise einen Kurs weniger geben und weniger Klausuren korrigieren müssten.

Wenn Gesamtschulen und Gymnasien G 9 anbieten, kann man da nicht gleich eine Schule für alle machen? Ich wäre eine schlechte Kultusministerin, wenn ich die gewachsene Vielfalt im Land nicht akzeptieren würde. Wir werden keine Schulform abschaffen, aber auch keine neue erfinden.

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