Bissspuren im Kadaver

Wölfe erlegten womöglich zwei Jungrinder

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Ob ein Wolf die Rinder gerissen hat, steht erst ins sechs Wochen fest. Dann soll das Ergebnis des DNA-Tests vorliegen.

Unterlüß - Ein Wolf hat möglicherweise erstmals Jungrinder getötet. Darauf deuten Bissspuren in den Kadavern der Tiere hin. Wolfsberater warnen vor Panik – und fordern Hilfe für Nutztierhalter.

Als Olaf Kuball am Montagmorgen vor den Kadavern zweier Jungrinder stand, konnte er selbst kaum glauben, was er da sah. Die Bissspuren deuteten darauf hin, dass ein Wolf die Rinder erlegt haben könnte. Das hatte der ehrenamtliche Wolfsberater des Landkreises Cuxhaven noch nicht gesehen. Kein Wunder: Es wäre der erste Fall dieser Art in Deutschland, seit die Raubtiere hier wieder leben. Ob aber tatsächlich ein Wolf die Rinder gerissen hat, steht erst ins sechs Wochen sicher fest: Dann rechnet Kuball mit dem Ergebnis seines DNA-Tests.

Den DNA-Test hat Kuball immer dabei, er gehört zur Ausstattung der Wolfstasche, den alle Wolfsberater in Niedersachsen besitzen. „Sollte das tatsächlich ein Wolf gewesen sein und kein Hund, muss man sich darauf einstellen, dass jetzt selbst solche großen Tiere zum Opfer werden können“, sagt er. Bislang wurden lediglich Schafe oder kleine Wildtiere von Wölfen gerissen. Sollte sich die Vermutung bestätigen, heißt es für die Nutztierhalter, ihre Weiden künftig besser zu schützen - im Falle der gerissenen Rinder führte nur der obere Draht des Zaunes Strom.

Britta Habbe ist die hauptamtliche Wolfsbeauftragte des Landes. Sie versucht, die teilweise emotional geführte Debatte auf die Sachebene zu transportieren. Ein Ziel, das sie und die Ehrenamtlichen nur selten erreichen. So sagten Besucher auch nach anderthalb Stunden Informationsveranstaltung regelmäßig: „Und trotzdem gehört der Wolf nicht hierher.“ Die Biologin hält dagegen: „Wenn sich eine früher heimische Tierart selbstständig wieder etabliert, dann gehört sie aus biologischer Sicht dorthin.“

Der erste Wolf Niedersachsens lief 2007 auf dem Gelände der Firma Rheinmetall bei Unterlüß vor einen Fotoapparat, im Revier von Theo Grüntjens. Theo Grüntjens ist seit mehr als 30 Jahren für das mehr als 60 Quadratkilometer große Land zuständig, der Hersteller von Waffen und Munition hält die zweitgrößte private Forstverwaltung Niedersachsens. Wo montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr für den Schießbetrieb gesperrt ist, leben Dutzende bedrohte Arten. Seit Jahren auch der Wolf.

Wie Olaf Kuball ist Theo Grüntjens im Ehrenamt Wolfsberater, und etwa alle zwei Wochen steht der Forstingenieur vor einem Raum voller Menschen, die Angst haben vor dem neuen Wildtier im Wald. „Da kommen Urängste hoch, auch wenn die Ratio das anders sieht“, sagt der 62-jährige Jäger. Er weiß, wovon er spricht. Er kennt die Angst aus eigenem Erleben. Bei seinem ersten Wolf „standen mir die Haare zu Berge“, erzählt er Jahre später. Natürlich habe er Angst gehabt. Der Wolf aber auch: „Wir haben uns beide verjagt.“

Sorgen macht die Rückkehr des Wildtiers nicht nur Waldbesuchern, sondern vor allem Nutztierhaltern: Schafzüchtern und Weidetierhaltern. „Sie brauchen Schutz“, sagt Grüntjens und stellt gleichzeitig eine Forderung an die Landesregierung: „Wenn eine Gesellschaft die Rückkehr des geschützten Wildtiers Wolf will, muss sie denjenigen helfen, die dadurch Nachteile haben.“

Ob Zäune unter Strom oder trainierte Tiere wie etwa Herdenschutzhunde: Das alles kostet Geld und schwächt die Halter im Konkurrenzbetrieb gegenüber jenen, die keine Wölfe in der Nähe ihrer Herden haben. In Sachsen, berichten die Wolfsberater, nimmt die Zahl der Schäden an Nutztieren aber bereits ab - obwohl sich die Wolfspopulation erhöht.

Von Carolin George

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