Verschmutzte Nordsee

Wohin mit all dem Plastikmüll?

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Foto: Müll, Müll, Müll: Seit Jahren werden am Nordseestrand – wie hier auf der Vogelschutzinsel Memmert – Plastikabfälle angespült. Für Tiere ist dies eine tödliche Gefahr.

Dornumersiel - In der Nordsee landet seit Jahren Plastikmüll. Fischer in Ostfriesland helfen, das Meer vom Unrat zu befreien, bislang auf eigene Rechnung. Endlich beteiligt sich jetzt auch das Land an den Entsorgungskosten.

Kapitän Dirk Sander ist Kummer gewohnt. Wenn der Fischer aus dem ostfriesischen Dornumersiel mit seinem Kutter „Uranus“ vom Krabbenfangen auf der Nordsee zurückkommt, hat er nicht nur die begehrten Schalentiere im Netz, sondern meistens auch jede Menge Müll. Den Unrat - Plastiktüten, Kunststoffflaschen, Tauwerk, Netzreste und Farbeimer - haben Sander und seine Kollegen bis vor einigen Monaten auf eigene Kosten an Land gebracht und teuer entsorgt.

Das ist nun zum Glück vorbei. Möglich gemacht hat das eine Kooperation der Fischer mit dem Umweltministerium in Hannover, dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der Wattenmeer-Nationalparkverwaltung und dem Staatlichen Fischereiamt Bremerhaven. „Fishing for Litter“ heißt das Projekt, bei dem die Kutterbesatzungen den Plastikmüll aus dem Wasser fischen und das Land Niedersachsen dann für die Entsorgungskosten aufkommt. Gut 65 000 Euro gibt das Umweltministerium dafür nun pro Jahr aus.

Tödliche Gefahr

Rund 20 000 Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr im Meer und damit auch im Wattenmeer. Der Kunststoffabfall bedroht das Ökosystem: Meerestiere verwechseln die bunten Fetzen mit Nahrung und verhungern dann mit vollen Mägen. Oder sie verfangen sich in Müllteilen und verenden qualvoll. Und wenn sich der Kunststoff zersetzt, werden giftige Inhaltsstoffe freigesetzt. Aber auch ökonomisch gibt es Probleme. Die Urlaubsstrände an der Nordseeküste müssen täglich aufwendig gesäubert werden. Zudem werden oft Fischernetze oder Schiffsschrauben durch Müllteile bechädigt. Projekte wie „Fishing for Litter“ sind nach Ansicht von Gerald Millat vom Nationalpark Wattenmeer ein erster Schritt. Grundsätzlich seien viel umfangreichere Maßnahmen nötig, um die Nordsee vom Müll zu befreien. Niemand dürfe seinen Abfall dort entsorgen. lai

„Wir fischen seit 40 Jahren jede Menge Wohlstandsmüll aus der Nordsee“, sagt Dirk Sander. Krabben werden mit Netzen auf dem Meeresgrund gefangen. Dazu fahren die Kutter weit auf die Nordsee hinaus, viele Seemeilen nördlich der ostfriesischen Inseln Borkum, Norderney oder Langeoog.

Dort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Tiefe immer mehr Unrat abgelagert. Im Wattenmeer zwischen Inseln und Festland sei die Situation entspannter, berichtet Dirk Sander. Als ehrenamtlicher Präsident des Landesfischereiverbandes Weser-Ems ist er stets bestens informiert. Im 345 800 Hektar großen Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, das seit 2009 auch als Unesco-Weltnaturerbe anerkannt ist, gebe es hingegen nur wenig Müll im Wasser.

Der Müll jenseits der Inseln stammt meistens von den großen Schiffen, die weit draußen auf der Nordsee unterwegs sind. Von dort werden nicht nur Eimer mit Farbresten über Bord geworfen, sondern auch große Mengen an Plastikabfall. Der schwimmt zunächst noch an der Wasseroberfläche, sinkt jedoch mit der Zeit auf den Meeresgrund, weiß der erfahrene Fischer. In den Netzen der Krabbenkutter verstopft der Müll nicht selten die Maschen.

Fast 20 Jahre lang haben die Krabbenfischer den Müll mit an Land gebracht und auf eigene Kosten in eigens aufgestellte Container in den Häfen entsorgt. Das klappte eine Zeitlang ganz gut. Die zunehmende Zahl von Touristen an der Nordseeküste machte diese Entsorgung jedoch zunichte. Dirk Sander: „Wir mussten die Erfahrung machen, dass Urlauber immer öfter ihren Hausmüll in unseren Containern entsorgten.“ Deshalb seien die Container schließlich abgeschafft worden. Die meisten Fischer hätten den Abfall aus dem Meer dann über ihre eigenen Hausmülltonnen entsorgt. „Einige warfen ihn aber einfach in die Nordsee zurück“, gibt Sander zu.

In den ostfriesischen Häfen von Ditzum, Greetsiel, Norddeich, Dornumersiel und Neuharlingersiel stehen seit dem Sommer nun wieder Abfallcontainer für den Müll aus dem Meer. Auf Hinweistafeln werden die Urlauber über die Aktion informiert und um Rücksichtnahme gebeten.

Dirk Sander zieht schon nach wenigen Monaten eine positive Bilanz: „Inzwischen machen gut 70 Kutterfischer an der Nordseeküste Niedersachsens mit.“ Nun sollen auch noch die Kollegen in Schleswig-Holstein ins Boot geholt werden. Dennoch bringt der viele Kunststoffmüll im Wasser den Krabbenfischern auch viel Arbeit. Ist das Netz mit den frisch gefangenen Krabben an Bord, ist zunächst Handarbeit gefragt. Sander erläutert: „An Deck wird der Abfall aus dem Netz geholt und in Müllsäcken gesammelt. Die werden an Land in die Container entleert.“ Die Säcke stellen Nabu und Umweltministerium kostenlos zur Verfügung. Das Müllaufkommen ist bei jeder Fangfahrt unterschiedlich groß. „Mal sind es nur drei Plastiktüten, ein anderes Mal gleich ein Dutzend Plastikflaschen, Netzreste und alte Autoreifen. Da kommen schnell mehr als 100 Kilogramm auf einer Fangfahrt zusammen.“

Wichtiger Bestandteil des Projekts „Fishing for Litter“ ist die Sensibilisierung der Küstenbewohner und Feriengäste. Mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit machen Nationalparkhäuser an der Nordsee auf das Müllproblem aufmerksam.

Umweltstaatssekretärin Almut Kottwitz hatte sich im Sommer im Fischerdorf Neuharlingersiel über die Müllaktion der Krabbenfischer informiert. Ihr Rat damals: „Dafür, dass die Arbeit der Fischer nicht zur Sisyphusarbeit wird, können auch die Verbraucher etwas tun. Sie können darauf achten, dass kein Müll mehr im Meer landet.“

Heinz-Josef Laing

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