Raubtier in Sichtweite

Der Wolf in den Köpfen

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Goldenstedt - Das bisher einmalige Erscheinen eines Wolfes sorgt bei den Anwohnern in Goldenstedt für Aufregung. Das Tier wurde in der Nähe des Waldkindergartens St.Gorgonius gesichtet und soll nun mit einem 1000 Meter langen Lappenzaun von den Kindern ferngehalten werden.

Der Moment war nur kurz. Der Wolf stand in der Dämmerung, entdeckt hatte ihn eine Nachbarin, nur rund hundert Meter vom Waldkindergarten in Goldenstedt entfernt. Lange stand er dort nicht, und gesichtet wurde er seitdem in der Nähe der bunten Kindergartencontainer auch nicht wieder. Doch in den Köpfen der Goldenstedter ist er bis heute geblieben, der Wolf. Nun hat das Umweltministerium dem Kindergarten im Landkreis Vechta einen Zaun zur Verfügung gestellt, der das Tier vom Gelände abhalten soll.

Bürgermeister Willibald Meyer spricht von einem „Wechselbad der Gefühle“, wenn er die Situation in der 10 000-Seelen-Gemeinde nördlich von Vechta beschreiben soll. Ein Hirngespinst ist der Wolf nicht: Zahlreiche Schafe wurden im Landkreis in jüngster Vergangenheit gerissen, einige davon nur rund 500 Meter vom Kindergarten entfernt. Einerseits sei er froh darüber, dass Eltern und Erzieher keine Panik geschürt haben, sagt Meyer. „Andererseits hat mich gerade ein Mann aus Schweden angerufen. Der wohnt in einem Wolfsgebiet und hat mich dringend gewarnt, das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen.“ Die einen nennen den Wolf ein gefährliches Raubtier, andere betonen, die Tiere seien nachtaktiv und ungefährlich, Angriffe auf Menschen nicht bekannt. Er fühle sich „total verunsichert“, sagt Meyer.

Am Mittwoch war der CDU-Politiker extra nach Hannover gefahren, um die Landtagsdebatte über den Wolf zu verfolgen. „Ich war dann aber ein wenig enttäuscht, dass es mehr um die Entschädigung von Schäfern als um unseren Kindergarten ging“, sagt Meyer. Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) hatte das Thema Goldenstedt kurz gestreift. Die Befürchtungen und Ängste in der Gemeinde nehme man ernst, sagte der Minister. Deshalb wird am kommenden Donnerstag Umweltstaatssekretärin Almut Kottwitz nach Goldenstedt fahren und Gespräche führen. Wenzel sagte aber auch, dass laut einer Studie von gesunden Wölfen in der Regel keine Gefahr ausgehe. „Eine absolute Sicherheit im Umgang mit Tieren kann natürlich nicht garantiert werden, aber – und das ist natürlich in keinerlei Weise als Bagatellisierung zu verstehen – das gilt auch für das Zusammentreffen mit Wildschweinen und wilden Hunden.“

Den umgekehrten Weg, von Hannover nach Goldenstedt, nahm am Mittwoch ein Ministeriumsmitarbeiter – dabei hatte er einen Lappenzaun. „Die Sichtung des Wolfs allein müsste nicht zwingend zum Aufstellen eines Zauns führen“, sagt Kottwitz. „Wir wollen aber angesichts der aktuellen Situation ein schnelles Angebot für zusätzlichen Schutz unterbreiten.“ Bei dem gelieferten Lappenzaun hängen bunte, 50 Zentimeter lange und zehn Zentimeter breite Stoffbahnen in kurzem Abstand an einer Schnur. Da der Wolf als eher schreckhaftes Tier gilt, sollen ihn solche Lappen abhalten. Früher wurden bei der Lappjagd an Leinen aufgehängte Tücher dazu genutzt, Tiere in eine Richtung zu treiben. Manchen gelang es trotzdem, den Jägern zu entwischen. Die Redewendung „durch die Lappen gehen“ zeugt heute noch davon.

Mit dem 1000 Meter langen Lappenzaun, der laut Bürgermeister Meyer heute aufgestellt wird, soll nun das Areal des Waldkindergartens eingegrenzt werden. „Für die Eltern, die sich wegen des Wolfs beunruhigt zeigen, ist das schon gut“, sagt Sabine Haust, Leiterin des Waldkindergartens. Sie habe sich von der Entdeckung des Wolfs bislang nicht eingeschränkt gefühlt. „Aber meine Kollegin und ich schauen nun schon etwas aufmerksamer, ob sich auf dem Gelände etwas bewegt.“ Die 15 Kindergartenkinder begegnen dem Thema Wolf weniger mit Furcht als mit Neugier. „Sie binden den Wolf in Rollenspiele ein, suchen Spuren und wollen das Tier am liebsten sehen“, sagt Haust. Zu Hause geblieben ist in den vergangenen Tagen niemand von den Kleinen. Haust selbst ist, genauso wie Bürgermeister Willibald Meyer, hin- und hergerissen, wenn sie an den Wolf denkt. „Solange er uns nicht einkreist, ist ja alles in Ordnung“, sagt Haust. „Aber absolute Sicherheit hat man halt nicht.“

Unterdessen hat der Naturschutzbund Nabu gestern Strafanzeige wegen einer bei Cuxhaven gefundenen Schlagfalle gestellt. Laut Nabu besteht der Verdacht, dass damit ein Wolf getötet werden sollte. Dass die 50 Zentimeter große Falle dazu wirklich groß genug ist, konnte von offizieller Seite nicht bestätigt werden. Die Jagdbehörde des Landkreises Cuxhaven prüft dies nun.

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