Kinderlosigkeit

Wunsch und Wirklichkeit

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„Wenn man jahrelang auf etwas hofft, das nicht da ist, vergisst man, was man hat.“

Hannover - Wenn ein Wunsch zum Albtraum wird: Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben, hadern oft mit ihrem Schicksal. Und die Hilfsangebote der Medizin halten längst nicht immer, was sie versprechen. Wie fühlt man sich, wenn der letzte Versuch gescheitert ist? Ein Hausbesuch.

Eigentlich will sie nicht mehr darüber reden. Über die vielen Versuche, auf künstlichem Weg ein Kind zu bekommen, nachdem klar ist, dass es „einfach so“ wohl nichts werden wird. Über ein Leben, das nicht von Babygeschrei und Kinderlachen, sondern von komplizierten, kalt und steril klingenden Worten wie Insemination, In- vitro-Fertilisation oder Kinderwunschklinik bestimmt ist. Eigentlich möchte Ute Reichow (Name geändert) nur noch nach vorne schauen, in ihre neue Zukunft: eine Zukunft ohne eigenes Kind. Reichow hat ihrem Kinderwunsch Lebewohl gesagt, obwohl sie rein theoretisch mit 41 Jahren noch schwanger werden kann. Aber sie will nach mehr als zehn Jahren voller gescheiterter Versuche den Kreislauf aus Hoffnung und Enttäuschung nicht mehr ertragen. „Wenn man jahrelang auf etwas hofft, das nicht da ist, vergisst man, was man hat“, sagt sie. „Man vergisst zu leben.“

Aber was kann an die Stelle des Kinderwunsches rücken? Dort, wo er jahrelang, übergroß, ein Platzhalter für eine bestimmte Vorstellung von einem Leben mit Mann und Familie war, klafft jetzt ein Loch. „Die Gedanken kreisen erst einmal um eine Leerstelle“, beschreibt Reichow ihre Gefühle. Vorstellen, was den Platz einnehmen wird, kann sie sich noch nicht.

Immer mehr Kinderlose

Fast 11 Millionen Menschen in Deutschland im Alter zwischen 25 und 59 Jahren sind kinderlos – wie Ute Reichow. Das ist eine dramatische Zahl, weil sie einen dramatischen Bevölkerungsrückgang impliziert. Im Jahr 1991 wurden hierzulande 830 000 Kinder geboren, 2006 waren es nur noch 673 000. Und damit nicht genug. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Geburtenzahl bis zum Jahr 2030 um weitere 17 Prozent auf 566 000 sinken wird. In Deutschland werden dann nur noch 77 Millionen Menschen leben statt der 80,8 Millionen im Jahr 2013. Deutschland gilt jetzt schon als eines der kinderärmsten Länder Europas.

Warum ist das so? Wie kann man das verändern? Darüber wird viel diskutiert. Da ist in teilweise erregt geführten Demografiedebatten zum Beispiel vom „Gebärstreik“ die Rede, insbesondere von dem gebildeter, höher qualifizierter Frauen. Das Statistische Bundesamt stellte 2013 zum wiederholten Mal fest, dass die Kinderlosenquote bei Akademikerinnen aus den alten Bundesländern einen Höchststand erreicht habe: Die Zahl derjenigen von ihnen, die zwischen 45 und 49 kein Kind hätten, liege bei 30 Prozent. Erfolgreich, einsam, kinderlos – dieses Schicksal prophezeit die frühere „Zeit“-Redakteurin Susanne Gaschke gut ausgebildeten, erfolgreichen, weiblichen Nachkommen der Frauenbewegung in dem Buch „Die Emanzipationsfalle“. Die Journalistin Meike Dinklage dagegen vermutet in ihrem Buch „Zeugungsstreik“ die Schuld bei den neuen jungen Männern, die lieber im Hotel Mama parken und sich auf keine feste Bindung einlassen, geschweige denn mit einer Frau ein Kind haben wollen. Matthias Matussek holt im „Spiegel“ sogar zum Rundumschlag aus. Er vermutet hinter dem deutschen Kindermangel eine kaputte „Gesellschaft aus lauter Egoisten“ und zitiert eine Broschüre des Bundesfamilienministeriums mit den Worten: „dauerhaft Kinderlose“ seien oft Personen, „die in überdurchschnittlichem Maß Wert auf Unabhängigkeit legen“. Dass nicht jeder, der keine Kinder hat, auch keine will, kommt in all diesen Debatten so gut wie nicht vor.

Dabei ist die Zahl der ungewollt Kinderlosen in Deutschland erstaunlich hoch. Bei einer repräsentativen Umfrage, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in Auftrag gegeben hat, kommt heraus, dass in der relevanten Altersgruppe zwischen 25 und 59 Jahren 30,3 Prozent (sprich: 10,8 Millionen Menschen) kinderlos sind. Fast die Hälfte von ihnen, 42,6 Prozent, sind es, obwohl sie gegenwärtig ein Kind haben wollen, weitere 12,8 Prozent hatten zumindest in der Vergangenheit einen Kinderwunsch. Fast jeder sechste Kinderlose, der gerne Kinder hätte, gibt an, bislang habe es mit dem Schwangerwerden nicht geklappt.

Schuldzuweisung an Kinderlose

Frauen wie Ute Reichow macht es zusätzlich zu schaffen, dass die Gesellschaft auf die Überalterung der Bevölkerung mit Schuldzuweisungen reagiert. Sie sei keine Akademikerin, sie habe nie Karriere machen, sondern immer Mutter werden wollen – und sie habe mit 30 angefangen, es zu probieren, betont sie, also früh genug. Als klar ist, dass sie und Ehemann Rainer auf natürlichem Weg wohl kein Kind bekommen werden, versuchen die beiden es mit moderner Reproduktionsmedizin. Vier Inseminationen bringt die medizinisch-technische Assistentin im Abstand von jeweils drei Monaten hinter sich, das bedeutet, dass der Samen ihres Mannes von einem Spezialisten qualitativ aufbereitet und ihr in die Gebärmutter gespritzt wird. Viermal Hoffnung bedeutet das, viermal der Glaube daran, dass eine Eizelle befruchtet wird und sich in die Gebärmutter einnistet. Viermal wird die Hoffnung enttäuscht: Sie wird nicht schwanger.

Das kinderlose Paar überlegt, ob eine Adoption in Frage kommt, meldet sich beim Jugendamt, bricht das Verfahren aber wieder ab, weil es die komplizierte Auswahlprozedur nicht über sich ergehen lassen will. „Wir wollten ein Kind“, sagt Ute Reichow: „Plötzlich standen wir vor einem Prüfungsausschuss.“ Künstliche Befruchtung, In-vitro-Fertilisation, heißt der nächste Schritt. Dabei spritzt sich die Frau Hormone, um dadurch möglichst viele Eizellen zur Reifung zu stimulieren. Diese werden im Reagenzglas mit aufbereitetem Samen zusammengebracht, in der Hoffnung, dass eine Eizelle befruchtet wird und daraus ein Kind entsteht.

Es ist Ute Reichows letzter Versuch. „Mein Kinderwunsch war zwar riesengroß, aber ich hatte auch Angst. Ich wollte meinem Körper das einfach nicht antun“, sagt sie. Kurz vor dem Kliniktermin bekommt sie Panikattacken – und entscheidet sich nicht nur gegen die künstliche Befruchtung, sondern auch gegen jeden weiteren Versuch, ihre Kinderlosigkeit zu bekämpfen. „Ich bin unverschuldet kinderlos geblieben“, betont sie.

Wenn der Kinderwunsch den Alltag bestimmt

Auch für Emma Strauch (Name geändert), 45 Jahre alt, freie Werbegrafikerin, mittlerweile geschieden und Single, war immer klar, dass sie Kinder möchte. Nach Jugend, Ausbildung und beruflicher Orientierungsphase sei es ein „logischer Schritt“ gewesen, dass man „nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für die nächste Generation zuständig ist“. 35 Jahre alt, im Job etabliert und verheiratet ist Strauch, als sie diesen Schritt gehen will.

Sie wird schon beim ersten Versuch schwanger – und erleidet in der neunten Woche eine Fehlgeburt. „Ich habe von Anfang an gespürt, dass das mit dem Baby nichts wird“, sagt sie heute. Die Diagnose sei deshalb kein Schock gewesen, eher eine Bestätigung, dass sie ihrem Körpergefühl vertrauen kann: „Ich konnte das gut verarbeiten“. Strauch probiert es weiter. Der Druck steigt, je älter sie wird. Irgendwann sei es „ein Fulltimejob“ gewesen, zu versuchen, schwanger zu werden, mit einem „Hunderterpack Ovulationstests im Medikamentenschrank“, mit „zweimal Hochalarm im Monat und ansonsten Dauerspannung“. Strauchs kompletter Alltag ist vom Kinderwunsch bestimmt: von den Phasen vor dem Eisprung, in denen sie täglich Temperatur misst, um nur ja den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Alle Termine, beruflich wie privat, ordnet sie den beiden wichtigsten Tagen im Zyklus unter.

Danach beginnt Monat für Monat das quälende Warten darauf, ob es geklappt hat. Jedes Ziepen im Bauch, jedes Ziehen in der Brust werde „mit grotesker Genauigkeit“ registriert, bis zum zweiten „Hochalarm“ des Monats, dem Tag, an dem die Periode einsetzen müsste. Jede Monatsblutung, jeder gescheiterte Versuch also, sei mit tiefer Verzweiflung verbunden gewesen. „Aber dann macht man weiter, wieder und wieder, über Jahre: Man wird irre dabei.“ „Eisprung“ nennt die Holländerin Judith Uyterlinde ein Buch über ihre Versuche, nach einer Fehlgeburt mit Zwillingen doch noch ein Kind zu bekommen. Knapper kann man wohl kaum zusammenfassen, wie sehr sich die Welt von Frauen mit einem so starken Kinderwunsch irgendwann auf diesen Moment reduziert.

Drei Jahre später erhält Strauch eine erschreckende Diagnose. Sie hat Wucherungen in der Gebärmutter. Eine natürliche Geburt ist dadurch erschwert. Sie ist mittlerweile 38. Die „Schallmauer 40“ verstärkt ihre Angst weiter. Strauch versucht, „ihre Eierstöcke zu tunen“, wie sie voller Sarkasmus sagt, nimmt Hormone, die die Produktion der Eier im Eierstock ankurbeln, um so der Gefahr von Zyklen ohne Eisprung zu entgehen. Sie plant sogar eine künstliche Befruchtung in Tschechien, weil dort die Gesetze nicht so streng und die Chancen schwanger zu werden, größer sind, bricht sie aber wieder ab. Sie ist körperlich und seelisch völlig am Ende.

Samenspender als letzter Ausweg

Selbst nachdem ihre Ehe kaputt ist, macht Strauch noch weiter. Alleine, verzweifelt, sucht sie sich über eine Website einen privaten Samenspender. Sie wird tatsächlich noch einmal schwanger, mit 42 Jahren – und verliert auch dieses Kind. Als „Fast-Zerstörung“ beschreibt sie diesen Schicksalsschlag schlicht. Ihr Gefühl ist eindeutig. Noch so einen Tiefschlag kann sie nicht verkraften. „Da habe ich aufgegeben.“

Hat sie sich zu sehr auf ein Kind versteift? Hätte die heute 45-Jährige gelassener bleiben, den Kinderwunsch zwischendurch auch mal ad acta legen müssen, statt so sehr zu kämpfen? Mit solchen Weisheiten aus der Küchenpsychologie werden ungewollt Kinderlose sehr oft konfrontiert. Oft verschweigen sie deshalb ihre Geschichte. Sie wollen zu allem Leid nicht auch noch Spott und Besserwisserei ertragen. Dabei gibt es wissenschaftlich keine Belege für einen Zusammenhang zwischen psychischem Stress und Unfruchtbarkeit. Der Frust mit dem Babywunsch habe keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit, genauso wenig wie eine schlechte Ehe oder eine schlimme Kindheit, es sei denn das Paar habe deswegen keinen Sex, sagt der Psychologe Tewes Wischmann, der an der Universitätsklinik in Heidelberg ungewollt Kinderlose berät. Diese öffentlich weit verbreiteten Zusammenhänge seien schlicht „Quatsch“.

Aber was lässt einen Kinderwunsch so mächtig werden? Die Berliner Autorin und Übersetzerin Millay Hyatt sagt, dass er in aller Regel am Anfang nie alles derartig überstrahlt. Am Anfang sei der Kinderwunsch ein „tiefgründiges, substanzielles, aber auch ein ganz normales Gefühl, eines, das Millionen andere Menschen auch haben“. Das Problem seien die unzähligen Möglichkeiten, die es heute gebe, wenn es nicht klappe. Jede Möglichkeit berge neue Schwierigkeiten, berge von Neuem die Frage, was man auf sich nehmen will für ein Kind. Irgendwann entwickele der „Sog der Erfüllungsmaßnahmen“ eine Dynamik, der nur noch schwer zu entrinnen sei, weil kein Scheitern mit einer endgültigen Grenze verbunden ist.

Wenn alle natürlichen Möglichkeiten ausgereizt sind, kommt die Reproduktionsmedizin ins Spiel, wenn deren Potenzial in Deutschland ausgeschöpft ist, bietet das Ausland Neues: in Dänemark ist die Samenspende nicht nur für Paare, sondern auch für lesbische Frauen und Singles erlaubt, in Tschechien dürfen nicht nur drei, sondern eine Vielzahl an Eizellen zum Embryo heranreifen, die Auswahl der „Besten“ ist größer. Dass nicht nur ein Mann seinen Samen, sondern auch eine Frau einem unfruchtbaren Paar ihre Eizellen spenden darf, ist in Deutschland verboten, im Ausland erlaubt.

Tiefe Sehnsucht nach dem Kind

Sie kenne niemanden, der zu Beginn einer Kinderwunschproblematik solche Verfahren in Betracht ziehe. Aber irgendwann habe man vielleicht die Hoffnung, dies sei das entscheidende „letzte Mal“. Es sei „unendlich schwer loszulassen, weil man sich dann eingestehen müsste, dass alles sinnlos gewesen ist.“

Die tiefe Sehnsucht nach einem Kind überfällt zudem auch Menschen, für die Selbstverwirklichung oder Karriere lange an erster Stelle standen. Hyatt ist ein Beispiel dafür. Selbst Tochter einer fünffachen Mutter, die sich für die Kinder aufopferte, wollte sie die längste Zeit ihres Lebens kein Kind. Als sie sich mit 32 Jahren doch dafür entscheidet, ist es zu spät. Hyatt ist bereits in den Wechseljahren, verfrüht, aber definitiv. Zwei Jahre zuvor hatte sie begonnen, davon zu träumen, dass sie schwanger ist. Irgendwann schleicht sich das Gefühl auch am Tag in in ihr Leben ein. Von der Wucht der Trauer als sie erfährt, dass sie nie ein Kind gebären wird, ist sie völlig überrascht. „Zu meinem Bild als emanzipierte Frau hat die leidende Kinderlose überhaupt nicht gepasst“, sagt sie. Dennoch ist der Schmerz riesengroß. „Dass es keine reale Person, sondern ein Bild war, von dem ich mich verabschieden musste, mein Bild von meinem Kind, hat es nicht leichter gemacht“, sagt Hyatt. „Es hat sich angefühlt, als wäre jemand gestorben.“

Danach beginnt eine lange Suche. Nach Ausflügen in die traditionelle chinesische Medizin und die Homöopathie bietet sich eine amerikanische Freundin als Leihmutter an. Monatelang überlegt Hyatt mit ihrem Mann – und entscheidet sich dagegen, weil sie glaubt, dass das Kind unter einer so komplizierten Herkunft leiden würde. „Ich bin ein Mensch, kein Geschenk“. Sätze wie diese hatte sie zuvor in Blogs von Betroffenen gelesen. Vorwürfe von per Leihmutter ausgetragenen Kindern an ihre Eltern, die sie nicht ignorieren kann. Der nächste Ausweg ist eine Adoption: Für eine in Deutschland ist ihr Mann mit 40 Jahren zu alt, Hyatt ist 33. Sie stellt einen Antrag in Ungarn, wo ein Teil ihrer Familie lebt, und zieht ihn wieder zurück. Sie kämpft mit der Verzweiflung, verfällt hin und wieder sogar der Fantasie, sie sei doch schwanger – und vollzieht auf Raten eines Therapeuten ein Abschiedsritual. Sie baut mit ihrem Mann auf einem Friedhof aus Blumen und kleinen Steinen ein Grab für das nie geborene eigene Kind. Das Innehalten, die Andacht, tun ihr gut. Dann geht es mit den Adoptionsversuchen weiter. Erfolglos, trotz jahrelanger Bemühungen. Eine Adoption in den USA – Hyatt ist in Dallas geboren, in Deutschland aufgewachsen, besitzt aber die amerikanische Staatsbürgerschaft – scheitert aus juristischen Gründen. Hyatt und ihr Mann probieren es in Mali: Sie ist mittlerweile 38, er 45. Aber es soll einfach nicht sein. Ein Militärputsch dort macht all ihre Bemühungen mit einem Schlag zunichte.

Die Geschichte von Millay Hyatt und ihrem Kinderwunsch ist auch jetzt noch nicht zu Ende. Die heute 41-Jährige schreibt ein außerordentlich berührendes, kluges Buch über sich und ihre Leidensgenossen: „Ungestillte Sehnsucht. Wenn der Kinderwunsch uns umtreibt“ heißt es und ist im Ch. Links Verlag erschienen (224 Seiten, 14,90 Euro). Immer noch möchte sie „einem kleinen Menschen die Welt eröffnen und zugleich von ihm neue Welten eröffnet bekommen“. Zurzeit wartet sie in Berlin auf ein Pflegekind. Reichow und Strauch verarbeiten ihre Odyssee in Hannover zurzeit in einer jungen Selbsthilfegruppe für ungewollt Kinderlose. Sie wollen nach langem Leidensweg etwas Neues wagen. Sie brechen in eine Zukunft ohne eigene Kinder auf.

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