Medikamenten-Missbrauch

Zehntausende Niedersachsen dopen im Job

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Häufig werden laut DAK Betablocker, Antidepressiva, Wachmacher und ADHS-Pillen eingesetzt.

Hannover - Medikamente versprechen eine kurzzeitige Entlastung oder einen Leistungsschub im Job. Zehntausende verfallen in Niedersachsen diesem gefährlichen Spiel: Sie gehen gedopt zur Arbeit. Das ist das Ergebnis eines Reports der Krankenkasse DAK.

Rund 75000 Beschäftigte inNiedersachsen helfen ihrer Leistung am Arbeitsplatz regelmäßig mit Medikamenten auf die Sprünge. Das geht aus einemReport der Krankenkasse DAK-Gesundheit hervor, den DAK-Landeschefin Regina Schulz am Mittwoch in Hannover vorstellte. Die Doping-Zahlen seien ein Alarmsignal, sagte sie. „Nebenwirkungen und Suchtgefahr sind nicht zu unterschätzen.“ Die positiven Effekte gingen auch immer mit negativen einher, sagte Helge Frieling, Leiter der Arbeitsgruppe Molekulare Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover. EinBeispiel: „Wenn ich die Speicherkapazität verbessere, verliere ich auch Löschfähigkeit. Ich werde also bestimmte Dinge nicht mehr los.“

Häufig werden laut DAK Betablocker, Antidepressiva, Wachmacher und ADHS-Pillen eingesetzt. Der Grund sei oft, dass sich Beschäftigte durch hohen Leistungsdruck und Stress überfordert fühlen und dann zur Pille greifen. Für denBericht wurden im Bundesgebiet 5000 Menschen zwischen 20 und 50Jahre befragt. Demnach dopen sich knapp zwei Prozent der Niedersachsen mindestens zweimal imMonat.

„Das Klischee der dopenden Top-Manager ist vom Tisch“

Erfolg haben sie damit nicht, glaubt Frieling. „Im Moment gibt es keine Substanzen, die es wirklich bringen.“ Das Verhältnis von Risiko und Nutzen sei schlecht. So gebe es eine ganze Reihe von Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen. „Das ist ähnlich, wie wenn man einenMotor bei 10000 Umdrehungen pro Minute fährt. Der geht dann irgendwann kaputt.“ Beim Arbeitsplatz-Doping gibt es Geschlechterunterschiede. Männer wollen demDAK-Bericht zufolge mit den Medikamenten eher ihre Leistung steigern, Frauen ihr Laune heben. Vor allem Erwerbstätige mit einfachen Jobs seien gefährdet. „Das Klischee der dopenden Top-Manager ist damit vom Tisch“, sagte DAK-Landeschefin Schulz.

Was meinen Sie? Helfen Sie Ihrer Leistung am Arbeitsplatz mit Medikamenten auf die Sprünge? Ja – und zwar regelmäßig. Nur ganz selten. Nein. // set a new cookie with expiry ten minutes function setPollCookie() { expiry = new Date(); expiry.setTime(expiry.getTime()+(10*60*1000)); document.cookie = "LastURIPoll=;path=/;expires=" + expiry.toGMTString(); }

Sieben Prozent der Niedersachsen gaben bei der Befragung im vergangenen Jahr an, wenigstens einmal mit Medikamenten imJob nachgeholfen zu haben. Hochgerechnet wären das 238000Menschen inNiedersachsen. Die Dunkelziffern dürften laut DAK aber fast doppelt so hoch liegen. Bundesweit waren es 6,7 Prozent, also knapp drei Millionen Menschen. Vor sechs Jahren waren es lediglich 4,7 Prozent. Wird Hirndoping bald Standard? „Dass das jetzt ein flächendeckendes Phänomen wird, kann ich mir nicht vorstellen“, sagte der Mediziner Frieling. In Deutschland werde das Thema doch sehr kritisch gesehen.

Der DAK-Report erfasste auch die Zahl der Krankheitstage. Durchschnittlich war demnach ein niedersächsischer Beschäftigter im vergangenen Jahr an 14,2 Arbeitstagen krank. Ein gleichzeitig erschienener Bericht der Techniker Krankenkasse kommt auf 15,1 Tage in 2014. Davon gingen 2,65 Tage auf das Konto von psychischen Erkrankungen, einAnstieg um 10Prozent imVergleich zumVorjahr. Der häufigste Grund für Ausfälle am Arbeitsplatz sind aber mit 3,4 Tagen Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen.

Von Valentin Frimmer

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