Glückspiel

Zehntausende Niedersachsen sind spielsüchtig

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„Der Automat gewinnt immer“: Spielen kann Spaß, aber auch süchtig machen. Und insbesondere Jugendliche sind sich dieser Gefahr nicht bewusst.dpa

Hannover - Pokern kann man nicht nur im Kasino, sondern auch im Internet - am PC oder Handy. Immer mehr Jugendliche entwickeln eine Spielsucht, vor allem junge Männer. In Niedersachsen sind Zehntausende betroffen.

Sein Pech ist, dass er gleich zu Beginn Glück hat. Sebastian ist 18 Jahre alt, als er seinen Glücksautomaten, wie er ihn nennt, in einem Casino entdeckt. Doch schon als Jugendlicher hat er immer wieder um Geld gespielt. Sebastian ist nicht sein richtiger Name, den möchte der heute 20-Jährige nicht in der Zeitung lesen. Der besagte Spielautomat spuckt also damals 450 Euro aus. Und das bei einem Einsatz von 20 Euro. Danach besucht Sebastian ihn regelmäßig, zeitweise täglich. Bis er sein Spiel nicht mehr stoppen kann. An die Anfänge seiner Sucht - und so beschreibt er seinen heutigen Zustand - kann sich der angehende Koch gut erinnern: „Als ich in das Casino ging, fragte mich keiner nach meinem Ausweis. Ich wollte einfach nur mal ausprobieren, wie das ist mit den Automaten.“

Was hat ihn daran so fasziniert, Stunde um Stunde allein mit einem Kaffee und einer Zigarette in der Hand vor dem immer gleichen Gerät zu sitzen? Sebastian überlegt. Lange. „Das Geld“, sagt er dann. Auch wenn der junge Mann selten hohe Beträge in die Spielkiste steckt, am Ende des Monats ist der Azubilohn weg. Manchmal habe er keinen Cent mehr für einen Einkauf gehabt - satt wird er dann bei der Arbeit. Sebastians Glück ist, dass er in einem Ausbildungshaus wohnt, somit ist die Miete sicher. Doch immer wieder leiht er sich kleine Beträge von Kollegen, um ins Casino zu gehen. Schulden häufen sich an, für Freunde hat er keine Zeit. Morgens kommt er oft unausgeschlafen zur Arbeit, weil er bis nachts gespielt und am Ende immer verloren hat. Und dennoch fühlt er sich an solchen Abenden irgendwie erleichtert. „Mein Stress, meine Wut - die geht beim Spielen weg“, sagt er.

Sebastian spielt immer noch. Aber nicht so häufig, versichert er. Der Chef und die Kollegen wissen mittlerweile darüber Bescheid, eine Bekannte hat ihn zur Suchtberatung geschickt. Ohne den Anschub von außen gehen die wenigsten Jugendlichen zu einer Suchtberatung. Dabei sind gerade junge Menschen besonders anfällig für Glücksspiele aller Art. Sie sind eher risiko- und experimentierfreudig. Neben den herkömmlichen Automatenspielen locken Pokern und Sportwetten auf Facebook und als App für Handys sie in virtuelle Spielwelten, die den schnellen Gewinn versprechen. Obwohl das Glücksspiel unter 18 Jahren verboten ist, haben bereits viele Jüngere damit ihre Erfahrungen. So ist es auch zu erklären, dass mehr als die Hälfte der pathologischen Spielenden bereits im Jugendalter damit begonnen haben.

Laut einer bundesweiten Studie haben vier von fünf Jugendlichen, die meisten von ihnen sind junge Männer, in ihrem Leben schon einmal an einem Glücksspiel teilgenommen. Und fast jeder zweite Jugendliche hat in den letzten zwölf Monaten um Geld gespielt. Dabei zeigen bereits rund sechs Prozent von ihnen eine problematische Glücksspielnutzung, das sind in Niedersachsen schätzungsweise 32000 Jugendliche. Um die will sich die Landesstelle für Suchtfragen nun besonders kümmern.

Im Rahmen des niedersächsischen Glücksspielsuchtpräventionsprojekts wird in diesem Jahr der Schwerpunkt auf Jugendliche und junge Erwachsene gelegt. Die landesweit tätigen 24 Glücksspiel-Präventionsfachkräfte gehen in die Schulen, informieren Lehrer und Schüler, es wird Plakataktionen geben, Kurzfilme und Informationsmaterialien für Eltern.

„Es geht nicht darum, die Glücksspielbranche abzuschaffen. Sie muss jedoch Verantwortung für ihr Angebot übernehmen und aktiven Spielerschutz betreiben“, sagt Martina Kuhnt, Landeskoordinatorin für Glücksspielsucht. „Und wir wollen Jugendliche und Eltern auf die Gefahren des Glücksspiels aufmerksam machen.“ Bei Spielsucht sei die Prävention das effektivste Mittel. Und wer dennoch am Automaten oder im Casino daddeln will, sollte bestimmte Spielregeln einhalten: Wer um Geld spielt, für den ist ein Zeit- und Geldlimit sinnvoll.

Spieler können sich anonym an lokalen Suchtberatungsstellen wenden. Kontaktdaten gibt es unter www.nls-online.de oder der Adresse www.gluecksspielsucht-niedersachsen.de.

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