Landgericht

Zigarettenschmuggler fürchtet um seine Familie

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Mehr als 30.000 Stangen Zigaretten hatte die Polizei beschlagnahmt.

Hannover - Ein Familienvater packt vor Gericht auch über seine Zigarettenschmuggler-Komplizen aus – nun fürchtet er um seine Familie.

Anfang Juni schlug die Zollfahndung zu - und die Ausbeute war enorm. Mehr als 16 Millionen Zigaretten, gebündelt in gut 30.000 Stangen, lagerten in zwei Garagen und einem Container in Steinwedel. 906.000Euro Steuern wären dafür fällig gewesen. Festgenommen wurde kurz darauf Kaufmann Andreas H. aus Hämelerwald. Der Prozess, der ihm jetzt vor dem Landgericht Hildesheim gemacht wird, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Zu besichtigen ist die Geschichte von Aufstieg und Fall eines Geschäftsmanns; verhandelt wird die Vita eines Familienvaters, der sich mit polnischen und russischen Zigarettenschmugglern eingelassen hat und nun um das Wohl von Frau und Kind fürchtet. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 49-Jährigen gewerbsmäßige Steuerhehlerei vor - ein Delikt, auf das eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren steht.

„Es ist nicht selbstverständlich, dass Angeklagte in Zigarettenverfahren aussagen“, sagte Richter Helmut Blaschek zu Beginn der Sitzung. Andreas H. hatte schon im Vorfeld des Prozesses ein volles Geständnis abgelegt, und auch im Gerichtssaal machte er reinen Tisch. In den achtziger und neunziger Jahren arbeitete er zunächst als Koch, studierte nachträglich Betriebswirtschaft, war schließlich Vertriebsleiter in verschiedenen Firmen. Dass er seit jungen Jahren auf einem Auge blind war, stand Ehrgeiz und Erfolg nicht im Weg. Der Absturz kam vor fünf Jahren, als man ihm den Stuhl vor die Tür stellte. Er kam nicht klar mit der Arbeitslosigkeit, erlitt einen Nervenzusammenbruch, bekam Depressionen und war in verschiedenen Kliniken in Behandlung. Mehrere Wohnungen, die er aus steuerlichen Gründen gekauft hatte, konnte er nicht mehr finanzieren. 2009 ging er in Privatinsolvenz, hatte Schulden von 150.000Euro aufgehäuft.

Über private Kontakte seiner Frau lernte er 2010 „Marek“ aus Polen und „Sergej“ aus Russland kennen. Zunächst ging es nur um die Gründung eines Restpostenmarkts, doch schon bald wurden in Containern und Garagen Zigaretten gebunkert. „Marek“ bezog die Ware aus Polen und der Ukraine, „Sergej“ kümmerte sich um den Vertrieb in Deutschland. Monatlich rund 2000 Euro verdiente Andreas H. am Zigarettenverkauf, zusätzlich zu seinen Einnahmen als Frührentner. Dass im Juni besonders viele Stangen in Steinwedel eingelagert waren, hing mit der Fußball-EM zusammen; die Schmuggler hatten Vorsorge getroffen, um den intensiveren Grenzkontrollen zu entgehen. Die Zollfahnder stießen durch Zufall auf das Lager des Trios nahe Lehrte: Beamte aus Nordrhein-Westfalen verfolgten eigentlich die Spur einer Ruhrpott-Bande.

Bei der Durchsuchung der Privatwohnung von H. stießen die Fahnder bei dem Sportschützen und passionierten Sammler von Wehrpässen, Orden und Waffen auch auf eine verrostete, aber nicht angemeldete Pistole sowie vier Schuss Leuchtspurmunition. Der Besitz gilt als Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz.

Der Angeklagte und sein Verteidiger Dirk Schoenian bauen darauf, dass die Strafe für den Kaufmann aufgrund der Kronzeugenregelung milde ausfällt. Doch H. hat auch Angst um seine Frau und den fünfjährigen Sohn: Einbrüche in Wohnung, Laube und Briefkasten, bei denen nichts gestohlen wurde, gehen möglicherweise auf das Konto derer, mit denen er sich eingelassen hat. Man wolle ihn wohl einschüchtern, sorgt sich der Angeklagte.

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