Gothik-Festival in Hildesheim

Zombies und Prinzessinnen feiern „M'era Luna“

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Sehen und gesehen werden: Das „M'era Luna“-Festival ist ein Szenetreff geworden.

Hildesheim - 25.000 Menschen in extravaganten Outfits feiern zwei Tage zu düsteren Klängen: Das "M'era Luna"-Festival auf dem Hildesheimer Flugplatz ist der Szene-Treffpunkt schlechthin.

Lena trägt ein kurzes Kleid, auf dessen Rücken zwei Flügel befestigt sind, beigefarben wie das Kleid, doch mit schwarzem Rand und kleinen Löchern. Auffällig hell in diesem Meer aus schwarzer Kleidung. Dabei kommt sie seit 2004 jedes Jahr aufs M’era Luna-Festival. Das hat am Wochenende 20.000 Fans nach Hildesheim gelockt – zum 15. Treffen der Gothic- und Metal-Szene. Insgesamt 40 Bands spielten bei M’era Luna – einem der größten Festivals dieser Art in Europa – über zwei Tage hinweg auf zwei Bühnen. Darunter waren auch über die Szene hinaus bekannte Formationen wie Within Temptation, Deine Lakaien oder Marilyn Manson.

Hinter Manson, den wegen seines Bekenntnisses zur Church of Satan und provokanter Songtexte Schock-Rocker oder Pop-Zombie genannt wird, glüht grellrot ein Doppelkreuz. Davor bietet der vor allem bei Eltern umstrittene Künstler mit kalkweiß geschminktem Gesicht Hits wie „Personal Jesus“, „Hey, Cruel World“, „Sweet Dreams“ oder „Rock Is Dead“. Manson kreischt, schreit, flüstert, keucht und rollt zuckend über den Boden. Bässe wummern, Gitarren schrammen, die Menge tobt.

Ein kleiner Junge wippt da mit leuchtend gelbem Schallschutz über den Ohren auf den Schultern seines Vaters, anderswo sind die Haare längst ergraut. Friedlich feiern die Generationen Jahr für Jahr nebeneinander. Auf einem Fest, bei dem es viel ums Sterben geht, um Tod und Teufel. Und ums Sehen und Gesehenwerden. Das, was auf den Bühnen anklingt, wenn sich die Mitglieder von Subway to Sally hinter Maschendrahtwänden bewegen oder bei Das Ich der Keyboarder den Leibhaftigen mimt, geht im Publikum weiter: Aus einigen Köpfen wachsen Hörner, man läuft barfuß oder auf halsbrecherisch hohen Plateausohlen. Exponierte Dekolletés zieren Sonnenbrände, auf vielen Rücken klebt das trockene Gras des Untergrunds. Man inszeniert sich.

Michael ist aus Bayern angereist, bereits zum sechsten oder siebten Mal in Folge – so genau weiß er das gar nicht mehr. Der 38-Jährige wirkt wie aus der Zeit gefallen in seinem weinroten Gehrock mit den schwarzen Samt-Ornamenten und dem Hemd mit Rüschenkragen. Sein Irisfarbe ist dank Kontaktlinsen unnatürlich weiß. Er beziehe, sagt dieser elegante Fürst der Finsternis, seine Outfits aus dem Theaterfundus. Ronja, die gerade 18 Jahre alt geworden ist, stöbert lieber in den Auslagen eines Kleiderhändlers vor Ort. „Hier an den Ständen kann man die Sachen anprobieren. Im Internet geht das ja leider nicht“, sagt sie.

Auf dem Festival-Markt, der in zahllosen Gängen über das Gelände mäandert, gibt es neben Kleidung – darunter Festivalshirts, Festivalpullis, Festivaltaschen – allerhand Nippes zu kaufen, Trinkhörner und Fledermäuse, Rüstungen und Ablassbriefe, Plätze im kräuterduftenden Badezuber oder die Dienste einer Seherin. Bei M’era Luna, da sind sich fast alle einig, zählt das Gesamterlebnis – Prinzip Schwein am Spieß neben veganem Imbiss. So unterschiedlich ist nämlich auch das musikalische Spektrum der Bands, das vom Elektro-Punk des Duos Deutsch Amerikanische Freundschaft, bis zum Symphonic Metal von Within Temptation reicht.

Und so verschieden sind auch die Fans vor den Bühnen. Ein baumlanger Blondschopf firmiert in knappem Dress als „Grufthansa“-Stewardess, neben schwarzen Prinzessinnen in engen Korsagen flanieren Männer mit Wacken-Open-Air-Shirt. die Uniformierten. Bei M’era Luna huldigen Engel und Teufel einträchtig nebeneinander ihren musikalischen Gottheiten.

Das 16. M’era Luna findet vom 8.-9. August 2015 statt.

Von Charlotte Schrimpff

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