Heiligsprechung

Zwei Päpste 
für ein Halleluja

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Foto: Wenn Päpste Päpste heiligsprechen: Zwei Priester schmücken einen Winkel auf dem Petersplatz in Rom mit dem Konterfei von Johannes Paul II. und Johannes XXIII.

Rom - Gemischtes Doppel in Rom: Am Sonntag spricht die Kirche Johannes Paul II. und Johannes XXIII. heilig – nach einem amtlich beglaubigten Wunder.

Die Ärzte hatten sie aufgegeben. Floribeth Mora Díaz litt an einer Gefäßerkrankung im Gehirn, von ihrer Familie hatte sich die Frau aus Costa Rica schon verabschiedet. Dann sah sie vor drei Jahren auf einem Zeitschriftencover ein Bild des verstorbenen Papstes, flehte Johannes Paul II. um Hilfe an – und wurde tatsächlich wieder gesund. Für die Ärzte ist ihre Genesung unerklärlich. Für die Kirche ist sie ein Wunder. Genauer: das Wunder, das dem verstorbenen Johannes Paul II. noch gefehlt hat. Am Sonntag wird der Papst heiliggesprochen – und dafür verlangt das Kirchenrecht ein Wunder, postmortal erwirkt vom Heiligen und offiziell anerkannt vom Vatikan.

„Eine Heiligsprechung ist eine Art Gerichtsverfahren, nur dass am Anfang kein Verbrechen steht“, sagt Pater Peter Gumpel. Der 90-jährige Jesuit, geboren und aufgewachsen in Hannover, war im Vatikan lange als „Untersuchungsrichter“ für Heiligsprechungen zuständig. Meist setzen sich Bistümer oder Orden dafür ein, fromme Menschen aus ihren Reihen heiligzusprechen. In langen, komplizierten und teuren Verfahren werden Gutachten angelegt. Und wenn am Ende nichts dagegen spricht, braucht es noch etwas atemberaubend Anachronistisches: das Wunder. Besiegelt wird die Heiligsprechung durch einen Fingerzeig von oben – oder durch eine besonders dreiste Scharlatanerie Roms. Das ist eine Glaubensfrage.

Vor vielen Jahren saß Peter Gumpel mit Johannes Paul II. beim Mittagessen. „Ich schlug ihm vor, nicht länger auf Wundern zu bestehen“, sagt er. Um als Wunder zu gelten, müssen Heilungen wie die von Floribeth Mora Díaz nach modernsten wissenschaftlichen Kriterien untersucht werden. Erst wenn sie dann immer noch unerklärbar sind, gelten sie als wundersam. „Wir dürfen die armen Länder nicht benachteiligen, in denen es oft an modernen Geräten fehlt, um medizinische Vorgänge zu untersuchen“, erklärte Gumpel dem Papst. Der hörte aufmerksam zu, dann sagte er: „Bereden Sie das mit meinem Nachfolger.“ Wer will schon als der Papst in die Geschichte eingehen, der Wunder abgeschafft hat?

Immerhin hat Papst Johannes Paul II. jetzt jene Hürde genommen, die er damals hätte ausräumen können. Er selbst war beseelt davon, seinen Zeitgenossen Vorbilder aus allen Kulturen und Schichten vor Augen zu stellen. In seiner Amtszeit gab es eine geradezu inflationäre Heiligenvermehrung: Er erhob 482 Menschen zur Ehre der Altäre, mehr als alle Päpste vor ihm zusammen. Der KZ-Häftling Maximilian Kolbe, der sich für einen anderen Mann hinrichten ließ, zählte ebenso dazu wie der fromme Indio Juan Diego. Jetzt findet Johannes Paul II. selbst Aufnahme in den Kreis der Erlesenen.

Der Vatikan zelebriert die Doppelheiligsprechung von gleich zwei populären Päpsten in Rom als katholisches Großevent: Die Feier für Johannes XXIII. und Johannes Paul II. wird in rund 500 Kinos in mehr als 20 Ländern live übertragen, und zwar in 3-D. Bildmächtig ist die katholische Kirche immer gewesen. Unabhängig davon, ob man in dem Spektakel nun eine würdige Zeremonie sieht, ein Stück pompöses Marketing oder eine religiöse Selbstvergewisserung: Johannes Paul II. kann damit noch einmal einen Superlativ für sich verbuchen. Der erste Pole auf dem Stuhl Petri war ja auch der erste Papst, der eine evangelische Kirche besuchte, eine Synagoge, eine Moschee. Kein Kirchenführer reiste so weit und so viel wie er. Und jetzt ist seine Heiligsprechung, nur neun Jahre nach seinem Tod, die schnellste der Neuzeit.

Johannes Paul II. steht noch einmal im Rampenlicht, und ganz wie zu Lebzeiten polarisiert er noch einmal. Kritiker monieren im Vorfeld der Heiligsprechung, dass er zu lange seine schützende Hand über Männer wie Marcial Maciel Degollado gehalten habe, den Gründer der erzkonservativen „Legionäre Christi“, der mehrere Kinder missbrauchte. Liberale Katholiken hingegen stieß der Papst mit seiner rigiden Sexualmoral vor den Kopf.

Andere erinnern daran, dass er sich noch als Sterbenskranker öffentlich zeigte. So demonstrierte er der Welt in bewegender Weise, dass das Leiden zum Menschsein gehört und dass Menschenwürde keine Frage der Fitness ist. Auch im Freiheitskampf gegen den Kommunismus war der Pole eine Schlüsselfigur: Hans Dietrich Genscher nannte ihn einmal einen der „fünf größten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts“. Pater Gumpel, der den Papst gut kannte, gießt da allerdings ein paar Tropfen Wasser in den Wein: „Die Sowjetunion stand auch ökonomisch am Abgrund, man kann ihren Zusammenbruch nicht allein dem Papst zurechnen“, sagt der Historiker.

Gumpel wuchs in einer Villa in Hannover-Kleefeld auf. Sein Vater war zum Katholizismus konvertiert, doch wegen seiner jüdischen Wurzeln musste die Familie in der NS-Zeit aus Deutschland fliehen. Sein Großvater, ein Bankier, starb in Theresienstadt. Nach dem Krieg wurde Gumpel Jesuit, Dozent an der Gregoriana-Hochschule und Berater mehrerer Päpste: „Johannes XXIII. hat meist selbst geredet und interessante Sachen aus seiner Jugend erzählt – man kam selbst kaum zu Wort“, erinnert er sich lächelnd. Johannes Paul II. hingegen stellte gezielte Fragen, hörte gut zu: „Er war ein guter Kommunikator, bei großen Audienzen blühte er auf – kein Mann für den Schreibtisch.“ Dass zwei so verschiedene Persönlichkeiten am selben Tag heiliggesprochen werden, zeige den Reichtum der Kirche: „Beiden ging es um die Ehre Gottes und um das Heil der Menschen.“

Eine Mehrheit der Deutschen hingegen sieht die Heiligsprechung skeptisch: Nach dem ARD-Deutschlandtrend halten 62   Prozent sie für nicht mehr zeitgemäß. Auch Gläubige fürchten, dass es oft wohl nur ein schmaler Grat ist zwischen amtlichen Wundern und ärztlichen Fehldia­gnosen. Der katholische Religionssoziologe Michael Ebertz warnt vor einer „Selbstsakralisierung“, wenn Päpste Päpste heiligsprechen. Und die Reformgruppe „Wir sind Kirche“ fordert gleich eine „Demokratisierung“ des ganzen Systems der Heiligsprechungen, die ansonsten Gefahr liefen, für vatikanische Politik instrumentalisiert zu werden.

Tatsächlich lässt sich an Heiligsprechungen immer auch ein wenig ablesen, wer und was in Rom gerade hoch im Kurs steht: Die Heiligsprechung des konservativen Johannes Paul II. zeichnete sich schon lange ab. Papst Franziskus setzt jedoch ein Zeichen, indem er am selben Tag auch den Lieblingspapst der Liberalen heiligspricht, Johannes XXIII. So kreiert er ein gemischtes Doppel, das die Flügel der Kirche versöhnt – und das, obwohl es im Fall von Johannes XXIII. das nötige Wunder gar nicht gab. „Franziskus hat ihn vom Wunder dispensiert – als Papst kann er das“, sagt Pater Gumpel. Ohne die Regeln zu verändern, ändert Franziskus die Praxis. Vielleicht ist das symptomatisch für den Stil dieses unkonventionellen Papstes. Vielleicht liegt darin das heimliche Wunder dieser Heiligsprechung.

Floribeth Mora Díaz wird auf dem Petersplatz dabei sein. Sie ist eigens aus Costa Rica angereist. Pater Peter Gumpel bleibt lieber daheim, obwohl er ganz in der Nähe lebt. „Schön, dass so viele Leute kommen“, sagt der Jesuit. Aber große Feierlichkeiten waren nie sein Ding, und das Gedränge dürfte riesig werden, sagt der 90-Jährige: „Man kann sich das ja auch im Fernsehen anschauen.“

Die Fanzone feiert

Rom rüstet sich für einen großen Ansturm: Hunderttausende Pilger werden zur Heiligsprechung der beiden Päpste am Sonntag auf dem Petersplatz erwartet. Zig Großbildleinwände sind in der Stadt aufgebaut, 1000 Bischöfe sowie Dutzende Staatsoberhäupter wollen kommen. Die ARD überträgt die Feier ab 9.45 Uhr live. Auch Polen rüstet sich: Die Heimat von Johannes Paul II. feiert ein mehrtägiges Event mit Konzerten, Gebetswachen, Straßenfesten. Auf dem Warschauer Pilsudski-Platz, auf dem der polnische Papst einst für die „Erneuerung der Erde“ betete, wurde eine „Strefa JP2“ nach dem Vorbild der Fanzone bei der Fußball-EM eingerichtet.

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