Pegida-Demonstranten

Anti-amerikanische Weihnachtsgrüße aus Dresden

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Dresden - Die Pegida-Demonstranten richten sich in diesen Tagen nicht alleine gegen Moslems oder Afrikaner: Schuld an der Weltlage, heißt es jetzt, hätten doch die USA.

Es ist ungastlich kurz vor Weihnachten auf dem Theaterplatz neben der Semperoper. Ein eisiger, nasskalter Wind pfeift über das Straßenpflaster. Am Himmel hängen dunkle Wolken. Walter (58), der seinen wirklichen Namen nicht nennen will, ist schon etwas früher gekommen – und er trifft unter dem großen Denkmal auf einen Gleichgesinnten. Heute wird wieder demonstriert. „Es werden sicher mehr als letzte Woche“, sagt Walter. Er behält recht. 17.500 Demonstranten kommen an diesem Abend zusammen.

„Hast du gehört, dass die jetzt das Asylantenheim gleich neben der Schule bauen wollen?“, fragt der Bekannte. „Na, dann finden die für ihre Drogen ja gleich die richtigen Abnehmer“, antwortet Walter. Unter der wärmenden Mütze blitzen seine Augen auf. Walter ist einer, der seit Wochen zu den Pegida-Treffen kommt. Seine Tochter, sagt er, sei als Schwangere drogenabhängig gewesen – nun sei das Enkelkind behindert.

Die Schuld dafür, wie für so vieles, sieht er bei den Ausländern. Walter arbeitet beim Bau, er lebt bei Pirna, 30 Kilometer von Dresden entfernt. In seiner Freizeit surft er gern und oft im Internet, holt sich dort Informationen aus speziellen Blogs. Videos von den Gräueltaten der IS-Terrormiliz, die ihre Opfer enthaupten, hat er sich angeschaut. Ständig liest er neue Enthüllungen – und er schimpft auf die Journalisten, die angeblich nur gefiltert berichten würden. Und auf die Politiker. „Je mehr von denen uns Nazis nennen, desto mehr werden Woche für Woche hier stehen.“

Walter lebt in der Welt, die er täglich im Netz sieht. Hat er Angst vor den Islamisten? „Nein“, besser passe das Wort „Wut“: „Das soll hier nicht so werden, wie es vermutlich im Westen Deutschlands schon ist“, betont er, die Politiker müssten das „jetzt endlich mal begreifen“. Die Umstehenden nicken.

Der Sturm peitscht immer heftiger, trotzdem füllt sich der Theaterplatz. Zu mehr als zwei Dritteln sind Männer hier – ältere, ab 55 aufwärts, und jüngere, bis 25. Aus dem Stimmengewirr hört man, dass der überwiegende Teil aus dieser Gegend kommt. Zwar sind auch Gruppen aus Bayern gekommen, die ihre weiß-blaue Fahne schwenken, man liest auch „Grüße aus Einbeck“ und „Österreich unterstützt Pegida“, aber die Sachsen dominieren. Sind das die „Nazis in Nadelstreifen“, von denen der Innenminister aus Nordrhein-Westfalen sprach? Die meisten hier sind einfach gekleidet und drücken sich schlicht aus – das gilt auch für die Redner um den Pegida-Führer Lutz Bachmann. Und sie fühlen sich missverstanden. „Wenn man auf die Probleme hinweist, gilt man gleich als Nazi“, sagt ein Mann neben Walter. Zustimmendes Murren ertönt.

Auf dem Platz herrscht bald Gedränge, und unter den Teilnehmern entwickelt sich eine Diskussion über die Zuwanderer. Was ist mit den Flüchtlingen? „Aus Tunesien darf hier keiner Asyl bekommen, das ist doch ein Urlaubsland“, meint Walter. Und die Syrer? Ein Mann aus Borna bei Leipzig, dort Kommunalpolitiker, spricht von Frauen und Kindern aus Syrien, die hier willkommen seien. „Aber die Männer können doch zu den Waffen greifen und ihr Land verteidigen!“ Schnell kommt man zur Weltpolitik. Eigentlich, ist sich die Runde einig, seien die USA Schuld am ganzen Desaster. „Die Politik der Amerikaner destabilisiert alle diese Länder – und wir müssen es ausbaden, weil die Flüchtlinge dann zu uns kommen“, sagt der Mann aus Borna. Hier in Dresden, das am 13. Februar 1945 von anglo-amerikanischen Bombern angegriffen wurde, fällt Kritik an den Amerikanern ohnehin auf fruchtbaren Boden. Und die Russen? „Unsere Zukunft liegt in Russland“, meint der Mann. Man hört ohnehin viel Russisch in Dresden, auffallend viele Besuchergruppen, die Stunden zuvor durch den benachbarten Dresdener Zwinger geführt wurden, hatten russisch sprechende Stadtführer.

Auf dem Theaterplatz ist die Dunkelheit eingebrochen, das Programm beginnt. Die Pegida-Führung will an diesem Abend Weihnachtslieder anstimmen – wohl, um die Friedfertigkeit zu unterstreichen. Doch vorher, nachher und zwischendurch werden immer wieder Hetzparolen geschwungen – etwa gegen den Grünen-Chef Cem Özdemir, der Pegida mal als „Mischpoke“ bezeichnete. Oder gegen Bundespräsident Joachim Gauck, der als „Gauckler“ verspottet wird. Und ständig gegen die Medien, die angeblich so falsch berichten. Wenn Bachmann und seine Kumpanen die Medien kritisieren, ertönt aus der Masse der 17 500 Teilnehmer immer wieder „Lü-gen-pres-se, Lü-gen-pres-se!“ Danach wird dann „Wir sind das Volk“ gerufen, die Losung aus der friedlichen Revolution von 1989.

Viele aufgestachelte Demonstranten wirken fanatisch, einige fluchen auf „die Systempresse“ – auf eine angebliche unheilvolle Allianz aus Politik und Medien. „Die wollen uns für dumm verkaufen“, sagt der Mann aus Borna. Derweil hat die Semperoper Lichtinstallationen auf ihre Fassade projiziert. „Flüchtlinge willkommen“, heißt es dort. Die meisten Demonstranten lässt das unbeeindruckt.

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