HAZ-exklusiv

Auschwitz-Opfer greifen Jauch-Gast scharf an

+

- Die Holocaust-Überlebende Eva Kor hat den im Auschwitz-Prozess angeklagten Oskar Gröning die Hand gegeben und ihm verziehen. Die 49 Nebenkläger protestieren gegen diese Geste. Kor hat dies in der ARD-Sendung von Günther Jauch am Sonntagabend wiederholt. Nicht jeder konnte das nachvollziehen.

Sie tat, was sie schon häufiger getan hat und was ihr offenbar ein großes Anliegen ist: Sie verzieh – Sonntag allerdings mit sehr großer Öffentlichkeitswirkung: „Wir sind alle Menschen“, so sagte die 81-jährige Auschwitz-Überlebende Eva Kor Sonntagabend in der ARD-Sendung Günther Jauch über den Angeklagten im Lüneburger Auschwitz-Prozess, Oskar Gröning. Ihr Vergeben könnten nicht alle verstehen, fügte sie hinzu. Aber es helfe, auch ihr selbst.

Tatsächlich stößt diese öffentliche Form der Vergebung nicht bei jedem auf Sympathie – oder auch nur auf Verständnis. In einer Erklärung, die die Nebenklage-Anwälte Cornelius Nestler und Thomas Walther im Namen von 49 Nebenklägern im Lüneburger Auschwitz-Prozess Montag offiziell verbreiten wollen, erheben sie schwere Vorwürfe gegen Eva Kor. Diese, so ihre Kritik, schade mit ihrer offensiven Versöhnung dem eigenen Anliegen: „Nebenklägerin im Namen der Ermordeten zu sein und diese Rolle zur öffentlich inszenierten persönlichen Verzeihung zu nutzen – das passt nicht zusammen“, heißt es in der Erklärung, die der HAZ bereits Sonntagabend vorlag.

Es war ein Zerwürfnis mit Ankündigung. Seit knapp einer Woche steht der 93-jährige Oskar Gröning vor dem Landgericht Lüneburg wegen eines gewaltigen Vorwurfs: Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen. Als „Buchhalter von Auschwitz“ war seine Hauptaufgabe das Zählen und Verbuchen des Geldes, das die SS den jüdischen Opfern abnahm. Daneben soll er aber auch wichtige Aufgaben an der Rampe gehabt haben – und so ein Teil der Tötungsmaschinerie gewesen sein.

Eva Kor, soviel steht fest, hat in Auschwitz Unfassbares erlitten. Sie und ihre Zwillingsschwester Miriam wurden 1944 in das Vernichtungslager Birkenau deportiert – und dort vom KZ-Arzt Josef Mengele für seine grausamen Experimente missbraucht.

Die 81-Jährige hat aber auch ihren eigenen Weg des Umgangs mit Verlust und Trauer gefunden: „Ich habe ihm vergeben“, sagte sie auch am vergangenen Mittwoch in einer Erklärung vor Gericht über den Angeklagten Gröning. Am Tag darauf steigerte sie diese bislang nur verbale Annäherung noch: Am Ende des Verhandlungstages ging sie zu Gröning, reichte ihm die Hand, sagte ihm, er solle sich vor Jugendlichen gegen Rechtsradikalismus und Neonazis engagieren – und dann umarmte sie ihn. Ihr Anwalt fotografierte die Szene und verschickte sie mit ihrem Einverständnis an Medien. Auch bei Jauch wurde sie Sonntagabend gezeigt. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) nannte die Szene bewegend und bewundernswert.

Doch es sind solche Bilder, die die anderen Angehörigen von Opfern, die aus aller Welt nach Lüneburg anreisen, erheblich irritieren. „Unsere 49 Mandanten, alle ebenfalls Überlebende von Auschwitz, sind Nebenkläger geworden, weil sie für ihre Eltern und Gewschwister Klage führen wollen“, schreiben die Anwälte im Namen ihrer Mandanten. Insgesamt hätten ihre Mandanten mehr als 1000 Familienangehörige in Auschwitz verloren. Der Angeklagte habe daran mitgewirkt, insgesamt 300.000 Menschen zu ermorden. Als Nebenklägerin im Namen der Opfer stehe es Eva Kor jedoch nicht zu, letztlich im Namen all der Opfer öffentlich Versöhnung zu üben – lange bevor das Gericht zu einem Urteil gekommen ist.

Der Streit unter den Opfern erzählt letztlich auch davon, mit welch gemischten Gefühlen viele den Prozess gegen einen 93-jährigen früheren niederrangigen SS-Mann heute betrachten. Eine „Alibi-Veranstaltung“ nannte der jüdische Historiker Michael Wolffsohn gestern in der Sendung den Prozess – während Maas betonte: „Dieser Prozess muss stattfinden.“ Er komme lediglich viel zu spät.

Für extrem wichtig und nötig halten auch die Nebenkläger diesen Prozess – und das Urteil, das in ihren Augen auch die juristische Schuld Grönings feststellen muss: „Wir können Herrn Gröning nicht die Schuld am Tod unserer Angehöriger und 299.000 weiterer Menschen verzeihen – zumal er sich bisher frei von jeglicher strafrechtlicher Schuld sieht“, schreiben die Nebenkläger. Von Versöhnung, so viel ist klar, sind sie sehr weit entfernt.

Kommentare