Brandanschlag auf Flüchtlingsheim

„Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen“

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Foto: Sachsens-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff schaut sich das ausgebrannte Haus an.

Tröglitz - Der Staatsanwalt spricht von einer gemeingefährlichen Straftat schlimmster Art: Unbekannte stecken das zukünftige Flüchtlingsheim von Tröglitz in Brand. Mit ihren Anti-Asyl-Protesten hatten Rechtsextreme schon den Bürgermeister aus dem Amt getrieben.

Wochenlang machten Rechtsextreme in Tröglitz Stimmung gegen die Aufnahme von Asylbewerbern – nun haben Unbekannte das geplante Flüchtlingsheim angezündet. „Es ist definitiv besonders schwere Brandstiftung“, sagte Staatsanwalt Jörg Wilkmann am Samstag in Halle. Es handle sich um eine gemeingefährliche Straftat schlimmster Art. Ob Fremdenhass das Motiv war, war unklar. Die Ermittler halten einen politischen Hintergrund aber für naheliegend.

In der Nacht auf Samstag waren Unbekannte in das Haus eingebrochen und hatten dort Feuer gelegt, wie die Polizei mitteilte. „Dabei wurde mit großer Wahrscheinlichkeit auch Brandbeschleuniger verwendet.“ Der ausgebaute Dachstuhl wurde durch das Feuer zerstört. Er war völlig verkohlt, die Fenster zersprungen. 40 Flüchtlinge hätten im Mai dort vorerst ein Zuhause finden sollen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach von einer abscheulichen Tat, die unverzüglich aufgeklärt werden müsse. „Die Täter gehören hinter Schloss und Riegel“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Demo vor Privathaus des Bürgermeisters

Tröglitz, ein kleiner Ort im Süden Sachsen-Anhalts, ist bundesweit in den Schlagzeilen, seit der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth Anfang März wegen rechtsextremer Anfeindungen seinen Rücktritt erklärte. Er hatte keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als eine asylfeindliche Demonstration direkt vor seinem Haus genehmigt wurde.

Nierth zeigte sich am Samstagmorgen entsetzt über das Feuer. „Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen“, sagte er dem „Tagesspiegel“. „Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich.“ Der dpa sagte der 46-Jährige: „Die Braunen dürfen über unseren Ort nicht siegen.“ Außerdem bot er für die Flüchtlinge zwei private Wohnungen an. Er wünsche sich, dass andere seinem Beispiel folgten.

Noch seien die Ermittler ganz am Anfang, sagte die Präsidentin der zuständigen Polizeidirektion in Halle, Christiane Bergmann. Aber: „In Anbetracht des Gesamtgeschehens in Tröglitz ermittelt der polizeiliche Staatsschutz, weil wir eine politisch motivierte Tat auf keinen Fall ausschließen können.“

Politiker zeigen Flagge gegen Rechts

Nierth rief die Bürger zu einer spontanen Kundgebung gegen die Rechtsextremen am Samstagnachmittag auf. Auch Ministerpräsident Reiner Haseloff und Innenminister Holger Stahlknecht (beide CDU) wollten teilnehmen. „Jetzt wollen wir zeigen, dass das bürgerschaftliche Engagement steht und dass wir alles dafür tun werden, dass wir die Flüchtlinge wie geplant unterbringen können“, sagte Haseloff in Halle.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) schrieb auf Twitter: „Schlimmer Verdacht nach Brand in #Troeglitz macht fassungslos. Wir müssen weiter deutlich machen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen!“

In dem Mehrfamilienhaus, in das die Flüchtlinge einziehen sollten, wohnen noch eine 50 Jahre alte Frau und ein 52-jähriger Mann. Sie konnten sich laut Polizei unverletzt ins Freie retten. Eine Nachbarin hatte beide rechtzeitig gewarnt. Die beiden wohnten auch im Dachgeschoss des Hauses - allerdings nicht direkt in dem für die Flüchtlinge vorgesehenen Bereich.

Tröglitz und die Brandstifter

Rotes Flatterband sperrt die Ernst-Thälmann-Straße in Tröglitz ab. Dahinter stehen Feuerwehr-Löschwagen und Polizeiautos, Stoßstange an Stoßstange. In dem kleinen Ort im Süden Sachsen-Anhalts riecht es nach Rauch. Aus dem frisch sanierten Haus, in das Ende Mai 40 Flüchtlinge einziehen sollten, ragen pechschwarz verkohlte Dachbalken in den Himmel.

Das Feuer brach in der Nacht zu Ostersamstag aus. Um 2 Uhr nachts. Gegen Mittag sagen die Ermittler: Der dreigeschossige Wohnblock wurde definitiv angezündet, vermutlich mit Brandbeschleuniger. Ein deutsches Paar im angrenzenden Block konnte von aufmerksamen Nachbarn geweckt und gerettet werden.

Ein politisches Motiv wollten Polizei und Staatsanwaltschaft mit Verweis auf den Beginn der Ermittlungen am Samstag zunächst nicht direkt bestätigen. „Es liegt jedoch im Gesamtzusammenhang nahe“, sagte die zuständige Polizeipräsidentin Christiane Bergmann. Ähnlich äußerte sich der Direktor des Landeskriminalamts, Jürgen Schmökel. Er sprach von „einem gemeinen Anschlag und dem politisch fast schon nicht auszuschließenden Hintergrund.“

Es ist bereits die zweite Eskalation wegen der Asylpläne für den 2700 Einwohner zählenden Ort im Burgenlandkreis bei Zeitz. Bereits Anfang März geriet Tröglitz in die Schlagzeilen, weil der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth wegen rechtsextremer Anfeindungen zurückgetreten war. Er wählte diesen Ausweg, nachdem ein NPD-geführter Protestzug direkt vor seiner Haustür genehmigt wurde. Nierth fühlte sich von Politik und Behörden kaum unterstützt.

Trotz der persönlichen Drohungen und erstem Schutz durch das Landeskriminalamt engagiert der 46 Jahre alte Nierth sich weiter im Ort. Er nennt das Feuer eine „riesige Schande für Tröglitz“. Er sei wütend, dass die braune Saat soweit aufgegangen sei, dass in dem Ort Häuser brennen, in denen hilfebedürftige Familien unterkommen sollten. „Wir müssen uns dagegen stellen, denn sonst gewinnt die pöbelnde Minderheit.“

Für ihn sind die rechtsextremen NPD-Mitglieder zumindest die geistigen Brandstifter dieser Tat. Sie hatten seit Jahresanfang jeden Sonntag zu Protest-Demos gegen das Asylbewerberheim aufgerufen. Dieselben NPD-Anhänger versuchten erst vor wenigen Tagen auf einer Bürgerversammlung zum Thema Stimmung gegen die Flüchtlinge im Ort zu machen. Sie meldeten sich am Dienstag mit Provokationen zu Wort. Der gut vorbereitete Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich (CDU), und engagierte Redner unter den 500 Zuhörern ließen die Rechtsextremen jedoch auflaufen.

Auch Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sieht die Rechtsextremen und die NPD zumindest im Umfeld der Brandstiftung. An den bisherigen Aktivitäten der NPD-Kreistagsfraktion in Tröglitz sehe man, „dass diese Personen den geistigen Nukleus darstellen für das, was sozusagen die Spitze jetzt erreicht hat in diesem furchtbaren Verbrechen“.

Noch am Samstagnachmittag sprachen der Ministerpräsident, der ehemalige Bürgermeister, der Landrat und Engagierte aus Vereinen und Kirchen auf einer spontanen Demo in Tröglitz. Die Bürgerinitiative „Miteinander - füreinander“ um die unermüdliche Familie Nierth hatte dazu aufgerufen. 300 Menschen aus Tröglitz und Umgebung kamen. „Tröglitz ist so ein schöner Ort und unsere Heimat, die lassen wir uns von Verbrechern nicht kaputt machen“, sagte Haseloff bei der Kundgebung unter lautem Applaus.

Die Bewohnerin Ilona Franke sagte, sie wünsche sich, dass die Tröglitzer Lust hätten, die Asylbewerber zu integrieren und sich zu engagieren. „Ich erhoffe mir eine weitere gute Zukunft. Wir müssen zusammenhalten und kräftig sein.“

Für alle Verantwortlichen ist klar: Die Flüchtlingsfamilien kommen trotzdem nach Tröglitz. Vielleicht später, aber sie kommen. Die geplante Unterkunft ist laut Polizei zwar unbewohnbar. Doch Landrat Ulrich will mit anderen Vermietern sprechen und neue Häuser finden. Und Ministerpräsident Haseloff kündigte an: „Wir werden keinen Schritt zurückweichen. Hier geht es nicht nur um Verbrechensbekämpfung, hier geht es um unsere Demokratie.“

dpa

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