Antidiskriminierung

Gedenkmarsch an den Protestzug durch Selma

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Hand in Hand, schwarz und weiß: Der Gedenkmarsch mit Präsident und First Lady Obama über die berüchtigte Brücke, auf der die Bürgerrechtler vor 50 Jahren niedergeknüppelt wurden. Fotos: afp (2)

Washington - 50 Jahre ist es her, dass John Lewis bei einem Protestzug gegen Rassendiskriminierung in Selma von der Polizei fast getötet wurde. Weil das Drama als Meilenstein der Bürgerrechtsbewegung in den USA gilt, lief er am Sonnabend flankiert von den Obamas noch einmal über die Brücke von Selma.

Die Spur der Gewalt könnte man gerade in diesen Tagen auch als ein bedrückendes Zeichen für das spannungsreiche Zusammenleben von Schwarzen und Weißen in den USA deuten.

Am 7. März 1965 zählte Lewis zu den Anführern eines Protestzuges durch Selma. Die kleinen Stadt in Alabama war berüchtigt für ihre Rassendiskriminierung. Mehrere Hundert Afroamerikaner wollten bis nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas marschieren, gleiches Wahlrecht für alle einfordern. Die Demonstranten trugen ihre feinsten Sonntagsanzüge und betonten die Friedfertigkeit ihrer Aktion. Die örtliche Polizei sah dennoch wenig Grund zur Zurückhaltung und prügelte die Frauen und Männer vor laufenden Fernsehkameras zusammen. Lewis trafen zwei harte Knüppelschläge, die seine Schädeldecke spalteten. Bevor der blutüberströmte junge Mann ins Krankenhaus kam, stellte er einem Fernsehreporter nur eine Frage: „Auf welcher Seite stehen die Bundesbehörden?“

Am 7. März 1965 zählte Lewis zu den Anführern eines Protestzuges durch Selma. Lewis trafen zwei harte Knüppelschläge, die seine Schädeldecke spalteten.Ein Blick in das Gesicht von John Lewis sagt viel über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Über die Stirn des 75-Jährigen zieht sich eine breite Narbe, seit genau 50 Jahren.

Die erschütternden Bilder vom „Bloody Sunday“ wühlten die Nation auf - und führten wenige Wochen später dazu, dass Washington die Einschränkungen des Wahlrechts aufheben ließ. Die diskriminierenden Lese- und Schreibprüfungen, die es damals noch in einigen Regionen des Landes gab, wurden endgültig untersagt.

50 Jahre später marschiert Lewis wieder über die über die Brücke von Selmavon Selma. Zu seiner rechten Seite geht Michelle Obama, zu seiner linken Barack Obama. Ihnen folgen mehrere tausend Menschen, Schwarze wie Weiße, die das Drama von Selma als Meilenstein betrachten. Einen Schlusspunkt im Ringen um Gleichberechtigung setzte das gewaltsame Ereignis allerdings nicht.

So wurde im vergangenen Sommer der unbewaffnete Michael Brown in Ferguson von einem weißen Polizisten erschossen. Der Tod des 18-jährigen Afroamerikaners löste tagelange schwere Unruhen aus, da die örtlichen Sicherheitskräfte im Verdacht stehen, bei Auseinandersetzungen mit Farbigen allzu schnell zur Waffe zu greifen.

In der vergangenen Woche bestätigte ein umfassender Untersuchungsbericht des Justizministeriums das Gefühl vieler Menschen in der Kleinstadt bei St. Louis: Tatsächlich sollen die Polizisten über Jahre hinweg auffällig oft Afroamerikaner kontrolliert und schikaniert haben. Während sich die Ordnungshüter bei Weißen - zumindest bei kleineren Vergehen - öfters mal großzügig zeigen, würden Menschen mit dunkler Hautfarbe schnell hinter Gittern landen. Die Geisteshaltung der Uniformierten offenbart sich auch in ihrem internen Email-Verkehr: Sogar über Obama, der als erster Afroamerikaner in das Weiße Haus einzog, finden sich rassistische Bemerkungen.

Trotz der bedrückenden Erkenntnisse gelingt es dem Präsidenten bei seinem Auftritt in Selma, eine gewisse Aufbruchstimmung zu erzeugen: „Der Marsch ist nicht beendet. Es liegt an uns, die Fackel der tapferen Frauen und Männer von Selma weiterzutragen.“ Wer als Schwarzer die fünfziger Jahre in Amerika erlebt habe, wisse, wie sehr sich dieses Land bereits verändert habe. Ohnehin will Obama die Bürgerrechtsdebatte nicht auf Menschen mit dunkler Hautfarbe beschränkt sehen: „Fragt einen homosexuellen Bekannten, fragt einen Menschen mit Behinderung, wie sehr sich ihre Lebensumstände in den vergangenen Jahren verändert haben.“ Rassismus und Benachteiligungen von gesellschaftlichen Minderheiten würden sich in Amerika noch immer finden lassen: „Aber wir sind auf dem richtigen Weg“, ruft Obama den mehreren tausend Gästen an der Brücke zu. Was in Ferguson geschehen sei, mag kein Einzelfall sein. Aber es sei nicht mehr typisch für dieses Land und werde kritisch überprüft.

Zu den hoffnungsvollen Zeichen zählt sicherlich auch, dass Lewis, der vor 50 Jahren von der Polizei fast zu Tode geprügelt wurde, seit 1987 als Abgeordneter im Repräsentantenhaus in Washington sitzt und mit den höchsten Auszeichnungen des Landes geehrt wurde.

Von Stefan Koch

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