Helmut Kohl wird 85

Ein gezeichneter Mann sucht seinen Frieden

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Foto: Massig, nicht Furcht einflößend: Helmut Kohl und Maike Kohl-Richter.

Ludwigshafen - Helmut Kohl, der am Freitag 85 Jahre alt wird, versöhnt sich allmählich mit Oggersheim: Er versteckt sich nicht – und genießt die Freundlichkeiten.

Das Feine-Leute-Viertel im pfälzischen Oggersheim, dem bekanntesten Stadtteil von Ludwigshafen am Rhein, ist ein wenig in die Jahre gekommen. Touristenbusse fahren schon lange nicht mehr durch die Weimarer in Richtung Marbacher Straße auf dem Weg zum Kanzler-Bungalow am Rand eines nahen Naturschutzgebietes. Die runden Durchfahrtsverbotsschilder stehen aber immer noch. Sie werden nicht mehr gebraucht, obwohl „der Kanzler“ jetzt wieder häufiger da ist. Genau genommen fast nur noch.

Der Weltbürger Kohl, der größte Sohn der Stadt (manche sagen, das war doch der Philosoph Ernst Bloch), ist heimgekehrt. In seinen großen Jahren war er eher selten zu Hause, und wenn, dann hielt er Hof für Gott und die Welt. Die Klagen über den zwar körperlich anwesenden, aber doch nicht vorhandenen Politiker Kohl kann man nachlesen in den Memoiren seiner verstorbenen Frau Hannelore und in den bitteren Erinnerungen seines Sohnes Walter. Nach dem Ende der Kanzlerschaft und dem Freitod seiner Frau geschah eine Entfremdung zwischen den Oggersheimern und ihrem Helmut – und es wäre blauäugig, wenn man den Anteil seiner zweiten Frau Maike Richter daran leugnen würde.

In jüngerer Zeit aber geschehen Zeichen und Wunder. Der bald 85-Jährige, sein Geburtstag ist morgen, ist wieder zu Hause. Beim Bäcker in der Nähe des Schillerplatzes erkennt die Fachverkäuferin die Ehefrau und bestellt „schöne Grüße an den Herrn Doktor Kohl“. Und dann das: „Ach“, sagt Frau Kohl-Richter, „kommen Sie doch rasch mit raus, sagen Sie’s ihm selber. Er wird sich freuen.“ Vor der Bäckerei parkt das gewaltige Daimler-SUV mit der drehbaren Plattform für den Rollstuhl. Die Fensterscheibe wird heruntergelassen, die Bäckersfrau darf auf gut Pfälzisch ihre nachbarschaftlichen Grüße loswerden. Kohl freut sich sichtlich.

Die Geschichte macht die Runde und das Städtchen offensichtlich seinen Frieden mit ihm. Der Mann versteckt sein Schicksal nicht. Er sitzt im Rollstuhl, wirkt noch immer massig, aber längst nicht mehr so Furcht einflößend. Den Kopf hält er immer ein wenig geneigt, seine Hände liegen scheinbar verkrampft auf den Armlehnen, aber hin und wieder nimmt er ein Taschentuch aus der Hosentasche und tupft sich die Mundwinkel. Die Gebrechlichkeit und politische Geschichte dieses Mannes bilden die zwei Seiten seines Lebensweges. Dass sein Vermächtnis ausgerechnet in der Heimat eines leidenden alten Mannes sein könnte – das widerstrebt dem Machtmenschen.

Das Denkmal Kohl muss gelitten haben unter dem Gerede, „die Dame“ sei schuld an seinem Gefangenendasein. Dass sie niemanden mehr vorlasse zu ihrem Mann und alle aus seinem früheren Leben vom Hof jage, die ihm nicht die unbedingte Treue hielten. In den Medien erschienen Berichte, seine Frau sperre ihn weg. Sein Biograf Heribert Schwan, mit dem Kohl in Rechtshändel verstrickt ist über die Verwendung von Zitaten, appelliert unverblümt an Kohls alte Freunde, ihn „zu befreien“.

Es hat eine Weile gedauert, bis die Einheimischen begriffen hatten, wie schutzbedürftig der einst kraftstrotzende Mann geworden war. Welches Bild seine Landsleute in Erinnerung behalten werden, ist dem Staatsmann und Europäer Kohl offensichtlich wichtig. Seine Heimatstadt Ludwigshafen, die für Fremde so gar nichts Anheimelndes haben kann, liebt er über die Maßen. Hier liegen seine Wurzeln, auf die er stets gerade dann verwies, wenn sich die politische Elite des Landes mal wieder über den „Provinzler“ lustig machte. Er hat schon auf dem Pausenhof der Oberrealschule an der Leuschnerstraße seinen Klassenkameraden klargemacht, worauf er hinauswollte: „Ich werd’ Bundeskanzler.“ Noch leben genügend Mitschüler, die das gehört haben, und weshalb soll man seinen eigenen Lehrern nicht glauben, die auch schon den Primaner Kohl vor sich sitzen hatten und ihn späteren Schülergenerationen als Vorbild priesen?

Die Mythen sind es, die den Nachgeborenen helfen, die Persönlichkeit des „Alten“ zu entschlüsseln. Da ist die Geschichte von den Saunafreunden, von denen nicht mehr viele am Leben sind. Noch bei der allsonnabendlichen Entspannung im Hallenbad Nord war Kohl der Machtmensch. Er bestimmte, wer den nächsten Aufguss machen durfte und welcher Zusatz zu wählen sei: „Sie bringen nächste Woch’ den Slibowitz mit!“ Gleichzeitig hat sich dieser Mann, der genug im Kopf hatte, unermüdlich nach den familiären Kümmernissen seiner Schwitzgenossen erkundigt und mit klugen Empfehlungen nicht gespart. Kohl, der Patron, das mag schwülstig klingen, aber es würde ihm gefallen.

Ein Mann will Frieden schließen mit seinem politischen Leben. Die Tragödie des Kanzlers der Einheit, der den Herbst seines Lebens eingesperrt in einer Burg verbringen muss, während andere den Weltendeuter spielen, soll zum Guten gewendet werden. Die Zugbrücke zwischen dem Haus an der Marbacher Straße und der Welt draußen, die zwischenzeitlich hochgezogen war, wird ab und an wieder heruntergelassen.

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