Antike Oasenstadt Palmyra

IS-Terror bedroht Weltkulturerbe in Syrien

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Zeugnis einer Kultur, die nicht in die islamistische Ideologie passt? In Palmyra verschmilzt griechisch-römische Bautechnik mit lokalen Traditionen und persischen Einflüssen.

- Dschihadisten rücken auf die antike Stadt Palmyra vor. Die Tempelstätte in der zentralsyrischen Wüste zählt seit 1980 zum Weltkulturerbe. Nun bedrängt sie die Terrormiliz Islamischer Staat.

Die Stadt ist ein Wunder“, schrieb im 13. Jahrhundert fasziniert der syrische Geograph Yakut, als er nach fünf Tagesreisen erstmals aus Aleppo in Palmyra eintraf. „Manche behaupten gar, sie sei von den Dämonen des Salomo errichtet worden.“ Bis heute ist der einstige Glanz der Oasensiedlung und der sagenhafte Reichtum seiner antiken Bewohner spürbar geblieben. Besiedelt wurde der faszinierende Ort, den orientalische Dichter als „Perle der Wüste“ priesen, seit der Bronzezeit. Jetzt droht Palmyra die Vernichtung.

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ist am Sonntag in die syrische Stadt Tadmur vorgerückt, an deren Südrand die antiken Ruinen von Palmyra liegen. Bei schweren Gefechten nahe der Oasenstadt sind nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind seit Mittwoch mindestens 123 Regierungssoldaten, 115 IS-Milizionäre und Zivilisten getötet worden. Zunächst waren die IS-Verbände am Sonnabend in den Norden der modernen Stadt vorgedrungen. Auf einem Video ist ein „Gotteskrieger“ zu sehen, der unter „Allah ist groß“-Rufen von Schaulustigen die schwarze IS-Flagge auf einem dreistöckigen Gebäude hisst.

Einzigartige Tempelstätte in großer Gefahr

In der Nähe der antiken Ruinenstadt, seit 1980 Unesco-Weltkulturerbe, hielten die Kämpfe das ganze Wochenende an. Die Wüstenstadt befand sich in den letzten vier Jahren fest in der Hand der Regierungstruppen von Diktator Bashar al-Assad. Am Sonntagabend meldeten Regierungstruppen, sie hätten die IS-Kämpfer zurückgedrängt. Doch wie lange wird das so bleiben?

Durch den IS-Vormarsch sehen Beobachter und Experten die einzigartige Tempelstätte aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. in großer Gefahr. Dank seiner Lage an einer der wichtigsten Handelsrouten zwischen dem Römischen Reich, Persien, Indien und China gewann Palmyra in den ersten Jahrhunderten nach Christus stetig an Bedeutung. Baal-Tempel, Triumphbogen und weitere imposante Ruinen im Tal der Gräber machen das vor dem syrischen Bürgerkrieg beliebte Touristenziel zu einem der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im ­Nahen Osten. Doch schon 2012 und 2013 sollen die Ruinen bei Kämpfen beschädigt worden sein. Nun fürchten Kunsthistoriker die gezielte Zerstörung des Weltkulturerbes durch die islamistischen Milizen.

Sollte der „Islamische Staat“ bis auf das Gelände mit seinen über 1000 Säulen vordringen, droht Palmyra das gleiche Schicksal wie den assyrischen Königsstädten Nimrud, Hatra und Niniveh in der Umgebung des nordirakischen Mossul. Die Dschihadisten machten sie mit Bulldozern, Sprengstoff und Presslufthämmern dem Erdboden gleich. Im Museum von Mossul zertrümmerten sie kostbare Statuen aus assyrischer Zeit.

USA töten hochrangigen IS-Führer

Im Irak fürchtet die Regierung nun die Eroberung der Provinzhauptstadt Ramadi durch die „Gotteskrieger“. Dann kontrolliert die Terrormiliz die gesamte westirakische Provinz Anbar, deren Grenze an Jordanien stößt. Die zweitgrößte Stadt Falludscha hat der IS bereits seit Anfang 2014 in seiner Gewalt. Zehntausende Einwohner Ramadis sind Richtung Bagdad geflohen, die irakische Armee wird von den anstürmenden Dschihadisten überrollt. Hilferufe um Verstärkung der bedrängten Garnisonen blieben nach Angaben von Offizieren in Ramadi unbeantwortet.

Unterdessen haben US-Eliteeinheiten nach Pentagonangaben einen hochrangigen IS-Führer in Syrien getötet. Der Mann mit dem Kampfnamen Abu Sajjaf sei für die Öl-, Gas- und andere finanzielle Operationen des IS zuständig gewesen, teilte Verteidigungsminister Ashton Carter am Sonnabend mit. Abu Sajjafs Frau, Umm Sajjaf, wurde bei der Aktion in Gewahrsam genommen. Sie stehe im Verdacht, eine wichtige Rolle bei IS-Terroraktivitäten gespielt zu haben, sagte Carter. Bei der Aktion sei auch eine junge jesidische Frau befreit worden, die im Haushalt von Abu Sajjaf als Sklavin gehalten worden sei.

Trotz der inzwischen nahezu 3500 alliierten Luftangriffe ist die Macht des „Islamischen Kalifats“ keineswegs gebrochen. Es entwickelt sich immer mehr zu einem transnationalen Terrorimperium. Ein Dutzend radikale Gruppen haben dem selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi mittlerweile die Treue geschworen, unter anderem in Libyen, Algerien und Tunesien, in Ägypten, Jordanien und dem Jemen. Von Libyen aus planen die Terroristen nach einem Bericht der BBC nun auch Angriffe auf Europa, indem sie glatt rasierte Kämpfer auf Flüchtlingsbooten einschleusen. Der britische Sender beruft sich dabei auf den libyschen Regierungsberater Abdul Basit Haroun, der gute Kontakte zu Bootsbesitzern habe. Nach dessen Angaben zwingt Libyens IS die Menschenschmuggler seit Neuestem, 50 Prozent ihrer Einnahmen abzuliefern und IS-Kämpfer auf den Booten mitzunehmen. „Die Extremisten sitzen oft getrennt von den anderen Flüchtlingen“, erklärte Abdul Basit Haroun. „Sie haben keinerlei Angst vor der Überfahrt - denn sie sind 100 Prozent IS.“

Von Martin Gehlen

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