Dschihadismus-Studie

Islamisten töten täglich 168 Menschen

+
Terror, Zerstörung und viele Tote: Ein Kurde trauert im syrischen Kobane um einen Angehörigen, der von IS-Kämpfern getötet wurde.

Berlin - Eine neue Studie mit Beteiligung des britischen Senders BBC belegt das erschreckende Ausmaß des Terrors der Dschihadisten weltweit. Radikale Islamisten töten demnach täglich 168 Menschen. Besonders rigoros ist dabei der „Islamische Staat“.

Am Donnerstag waren es die Taliban, und es geschah in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. Der Attentäter trug eine Weste, die mit Sprengstoff gefüllt war. Er trat morgens neben einen Bus, in den gerade afghanische Soldaten einsteigen wollten, zündete die Bombe und verursachte eine gewaltige Detonation. Mit ihm starben fünf Armee­angehörige, zwölf Soldaten wurden verletzt. Kurz darauf sprengte sich einige Straßen weiter in einer Schule ein Jugendlicher in die Luft, mit ihm starb ein Ausländer, vermutlich ein Deutscher - und 20 Menschen wurden verletzt. In der Aula war gerade ein französisches Theaterstück aufgeführt worden. Später schickten die Taliban eine Nachricht - und bekannten sich, was den ersten Anschlag angeht, zur Urheberschaft.

Szenen wie diese sind inzwischen alltäglich. Das belegt eine neue Studie des „International Centre for the Study of Radicalisation“ und des britischen Senders BBC, die gestern vorgelegt worden ist. Die Zahlen der weltweiten Attentate von Dschihadisten wurden darin erfasst - und zwar für den November 2014. Allein in diesem Monat kamen 5042 Menschen als Folge der Gewalt radikaler Islamisten ums Leben. Das bedeutet umgerechnet: Jeden Tag sterben auf der Welt 168 Menschen, weil Dschihadisten Anschläge verüben. Täglich sind es demnach 22 Anschläge dieser Art. Längst sind sie so häufig geworden, dass nicht jede Tat in den deutschen Medien abgebildet wird. Die Dimension der islamistischen „Gotteskrieger“, die „Ungläubige“ töten wollen, wird damit beschrieben.

168 Todesopfer des Dschihadismus täglich, das ist eine dramatische Zahl, auch wenn sie sich im Vergleich zu anderen Daten relativiert: Täglich kommen weltweit 3500 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben (in Deutschland sind es neun), 1342 Menschen werden täglich ermordet (mit Ausnahme der Toten in Kriegsgebieten). Was bei den Toten des Dschihadismus so verheerend ist, ist die besondere Brutalität der Taten. 16 Organisationen, die zu den gewaltsamen Dschihadisten gerechnet werden, treten auf. Dabei verschiebt sich etwas bei den Tatorten, den Taten und den Tätern:

Besonders rigoros ist der „Islamische Staat“ vorgegangen: 308 Attentate mit 2206 Toten gehen auf sein Konto. Vor allem wütet diese Organisation im Irak und in Syrien. Die Enthauptungen, die vom IS gefilmt und im Internet gezeigt werden, sollen Schrecken verbreiten. 50 Menschen sind im November 2014 enthauptet worden, 34 in Syrien, zwölf im Jemen und vier in Libyen.

Die meisten Opfer der Dschihadisten starben im Irak (1770 Tote), in Nigeria (786 Tote) und in Afghanistan (782 Tote), gefolgt von Syrien (693 Tote) und dem Jemen (410 Tote). Die islamistische Boko Haram in Afrika verübte weniger Anschläge als der IS, nämlich rund 30 im November 2014, aber es mussten dabei mehr Menschen ihr Leben lassen.

Durch Bombenattentate kamen die meisten Opfer (1653 Menschen) ums Leben - so wie in Kabul. 120 Menschen starben, als am 28. November im nigerianischen Kano ein Attentat auf die Große Moschee verübt wurde. Bei bewaffneten Überfällen starben 1574 Menschen, bei Angriffen aus dem Hinterhalt verloren 666 Menschen ihr Leben. 426 Menschen wurden von ihren Tätern, von denen sie meistens zuvor entführt worden waren, hingerichtet.

Die Mehrzahl der Opfer sind Zivilisten , nämlich 51 Prozent. Rechnet man Polizisten und Regierungsbeamte hinzu, so kommt man gar auf 57 Prozent. 80 Prozent der Opfer, die von extremistischen Muslimen getötet wurden, sind selbst muslimischen Glaubens.

Die Selbstmordattentate mit Bomben bleiben die „klassische“ Form der Anschläge. Vermehrt aber wird aus dem Hinterhalt angegriffen.

War noch lange Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 das Terrornetzwerk Al Qaida als der zentrale Gegner der zivilisierten Welt ausgemacht worden, so hat dessen Bedeutung inzwischen abgenommen. 60 Prozent der Morde von Dschihadisten wurden von Gruppen verübt, die offiziell keine Verbindung zu Al Qaida haben. Sie seien diejenigen, die um die Führung der Bewegung kämpfen, meinen Experten.

In Deutschland erklärte Generalbundesanwalt Harald Range gestern, er sehe Deutschland „im Fadenkreuz des dschihadistischen Terrors“. Derzeit hat die Ermittlungsbehörde 83 Beschuldigte im Visier, also Deutsche, die in Terrormilizen aktiv sind. Die Zahl habe sich in einem Jahr verzehnfacht. 550 deutsche Islamisten sind nach Syrien ausgereist, um dort vermutlich terroristisch aktiv zu werden.

Kommentare