Anschlag auf „Charlie Hebdo“

Ein Kampf der Kulturen?

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Das „Karriere“-Ziel IS-Kämpfer hat viel mit der Tristesse in den Banlieues zu tun.

Paris - Nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ sehen manche Samuel Huntingtons These vom „Clash of Civilizations“ bestätigt. Doch es ist kein Kampf der Kulturen, der in Frankreich tobt – sondern einer der Schichten.

Ein Autor schreibt einen Roman über die Verwandlung Frankreichs in einen Mullah-Staat. Ganz Frankreich diskutiert darüber. Am Tag des Erscheinens der Satire stürmen Islamisten die Redaktion einer Satirezeitschrift, die diesen Autor auf der Titelseite ihrer aktuellen Ausgabe hat, und töten ihre Mitarbeiter, darunter einen Freund des Autors.

Was selbst wie eine Satire klingt, ist geschehen - vor drei Tagen, mitten in Paris. Der Autor ist der berühmte Schriftsteller Michel Houellebecq, das Buch heißt „Soumission“ (es soll nächste Woche auf Deutsch unter dem Titel „Unterwerfung“ erscheinen), und jeder kennt nun auch den Titel der kleinen Satirezeitschrift: „Charlie Hebdo“.

Eine Diskussion über ein fiktives Werk ist nun zu einer Diskussion über die Realität geworden. Und auch diese Diskussion ähnelt auf gespenstische Weise der Satire Houellebecqs. Auf hintersinnige Weise imaginiert der französische Autor, wie es gerade Linke sind, die aufgrund ihres Feindbilds Rechtspopulismus stets die islamische Minderheit zu schützen tendieren und ihr damit schließlich an die Macht verhelfen.

Und genau das spielt sich nun in den Diskussionen ab: Die Angst, dass die Anschläge „Blut auf die Mühlen“ (FAZ) der Rechtspopulisten sein könnten, ist so groß, dass man dazu neigt, den Zusammenhang zwischen Attentätern und Islam zu leugnen. Der Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit spricht lieber von einem „aktiven Faschismus“, der in islamistischen Terrorakten erscheint, einer Spielart von Faschismus, die sich eher oberflächlich auf den Islam beruft. Die Sorge um Instrumentalisierung der mörderischen Taten durch Rechtsextreme ist begründet. Marine Le Pen bringt bereits die Todesstrafe ins Gespräch. Konrad Adam (AfD) holte Samuel Huntingtons Kampfformel vom „Kampf der Kulturen“ hervor. Der in Allahs Namen geführte Terroranschlag scheint dem 2008 gestorbenen amerikanischen Politikwissenschaftler Huntington recht zu geben.

Aber ist es tatsächlich der von Huntington beschworene Kampf der Kulturen und Religionen, der im Nahen Osten, in Afrika und auch in Europa mit zunehmender Brutalität ausgetragen wird? Angeblich wurden allein im Norden Nigerias jüngst bis zu 2000 Menschen von islamistischen Boko-Haram-Kriegern getötet. Boko Haram tötet auch Muslime. Erst vor sechs Wochen waren bei einem Anschlag auf eine Moschee 120 Gläubige ermordet und 300 verletzt worden. Wo verlaufen die Grenzen?

Gescheiterte Integration

Islamistische Anschläge wie jetzt in Frankreich haben offenbar viel mit gescheiterter Integration zu tun, den Schwierigkeiten von Einwanderern der zweiten und dritten Generation, ihrer sozialen und ökonomischen Lage. Frankreichs Häftlinge sind zu 60 Prozent Muslime. Migranten führen in französischen Banlieues ein tristes Dasein, ihre Zukunftsaussichten sind deprimierend. Der wachsende Zustrom zu radikal-islamischen Bewegungen, das „Karriere“-Ziel IS-Kämpfer, hat viel mit dieser Perspektivlosigkeit zu tun.

Genau diese sozialen Faktoren unterschlägt die Rede vom „Kampf der Kulturen“. Die Antwort darauf kann aber nicht die Leugnung religiöser und kultureller Unterschiede sein. Vielmehr muss diskutiert werden, wie Gesellschaften mit dem wachsenden Anteil an Muslimen zurecht kommen können.

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