Griechenland-Krise

Kann dieser Typ die Wende bringen?

+
Foto: Das leicht vergilbte Foto zeigt einen prominenten Griechen: Alexis Tsipras, als Student in den Neunzigern.

- Das leicht vergilbte Foto zeigt einen prominenten Griechen: Alexis Tsipras, als Student in den Neunzigern. Radikal war er immer – aber auch smart und vor allem: ein Menschenfänger. Kann es sein, dass ausgerechnet dieser Typ Griechenland auf einen neuen Kurs bringt? Es klingt paradox. Aber Tsipras wäre nicht der erste Politiker, der es nach einem 180-Grad-Dreh ins Geschichtsbuch schafft.

Trägt Alexis Tsipras ein rebellisches Gen in sich? Jahrzehntelang schien es, als sei er nicht zufrieden, wenn er nicht irgendeinen Aufstand anzetteln kann. Beim ersten Mal war er erst 17 Jahre alt. Damals, 1991, ging es um die Bildungsreform einer konservativen Regierung in Athen. Schülersprecher Tsipras ließ nicht nur Flugblätter verteilen. Es genügte ihm auch nicht, brav in diesem oder jenem Gremium Kritik vorzutragen. Tsipras suchte eine Machtprobe: Schulen wurden besetzt, Schüler bewachten die Türen, aßen in der Schule ihre Mahlzeiten und übernachteten auch dort – nicht für ein paar Tage, sondern monatelang. Tsipras verhandelte mit dem griechischen Kultusminister. Sein Ziel: Der Mann möge seine Ideen wieder vom Tisch nehmen.

Tsipras verbreitete auch viel Blödsinn in jenen Tagen. In einem Fernsehinterview sprach er damals von einem Recht aufs Schwänzen und verkündete mit feierlichem Ernst, es müsse schon jedem Schüler selbst überlassen bleiben, ob er an einer Unterrichtsstunde teilnehme oder nicht.

Intelligent, leidenschaftlich, gelassen

Ein früherer Mitschüler beschrieb dieser Tage den damaligen Tsipras: „Er kam intelligent rüber, leidenschaftlich, aber immer auch sehr gelassen, sehr besonnen.” Tsipras sei in der Lage gewesen, mit Politikern zu reden und auch mit der Presse und dabei präzise zu formulieren – während viele andere der damals mehr als 100 000 Aktivisten „ehrlich gesagt schon gar nicht mehr so genau wussten, wogegen sie demonstrierten”.

Schon als Teenager konnte Tsipras also lose Enden zusammenführen: ein Naturtalent. Im Jahr 2006 versuchte sich Tsipras erstmals in der Kommunalpolitik in Athen, wo er sich als moderner linker Querdenker gegen die beiden großen Altparteien der Konservativen und der Sozialdemokraten positionierte.

Tsipras, so wird berichtet, habe versucht, von unten nach oben zu wirken. Endlos habe er direkt mit den Bürgern in ihren Wohnvierteln gesprochen: „Denjenigen, die ihn kennengelernt haben, fiel anschließend zu ihm nichts Negatives ein”, sagt eine Zeitzeugin. Manche Wähler hätten sich durch Tsipras an gute alte Zeiten erinnert gesehen, „in denen man die Politiker noch kannte und duzte”.

„Street credibility” heißt das Phänomen. Ins Deutsche ist es schwer zu übersetzen. Straßenglaubwürdigkeit? Es geht um Vertrauen. Notwendig für „street credibility” ist nicht, dass die Leute alles glauben, was der Politiker sagt. Sie sollten aber zumindest glauben, dass der Politiker selbst an die Ziele glaubt, die er beschreibt. Wenn schon an dieser Stelle Misstrauen einsetzt, folgt auf jedem noch so glanzvoll inszenierten politischen Auftritt nur Augenrollen.Bei allem, was man gegen Tsipras sagen mag: Der Typ hat „street credibility”, anders als andere Größen der griechischen politischen Szene. Deshalb wäre Tsipras der ideale Kandidat, um, notfalls nach Neuwahlen, eine historische Wende seines Landes in Richtung von mehr Verlässlichkeit und ökonomischer Vernunft zu bewirken.

Tsipras der Rebell?

Ein Linker als Reformer? Viele schütteln den Kopf. Doch wer könnte den rebellischen Griechen besser erklären, was zu tun ist als Tsipras, der Rebell?

Ihren Altparteien werden die Griechen nicht glauben, wenn gesagt wird, man müsse Opfer bringen. Bei Tsipras wäre das etwas anderes. Hat er nicht als Führer der Linken im Kampf gegen die Institutionen gerade wieder einmal alles gegeben? Und kann er nicht, wenn dieser Kampf nun verloren ist, zumindest das leider Unvermeidbare formulieren – und damit vielleicht ganz Griechenland auf einen vielversprechenden neuen Kurs bringen? Der Clou ist: Sobald ein Politiker die schwierige 180-Grad-Kurve geschafft hat, wachsen seine Möglichkeiten. Oft winken dann sogar politische Sternstunden.

Joschka Fischer sah man in großer Form in der Debatte um den Kosovo, wo 1999 immer mehr Menschen vertrieben und ermordet wurden. Wer auf seinem Pazifismus beharre, donnerte Fischer im Bundestag, nehme ungehinderten Völkermord in Kauf: „Ich habe aus der Geschichte nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg, sondern auch: Nie wieder Auschwitz.” Fischer, dem Grünen, der oft genug Nato und alles Militärische infrage gestellt hatte, nahm man ein ethisch begründetes Ja zum Kosovo-Krieg ab.Gerhard Schröders Sternstunde kam am 14. März 2003. Ausgerechnet ein Sozialdemokrat verkündete Arbeitsmarkt- und Sozialreformen, die den Gewerkschaften nicht passten, von denen aber Land und Leute bis heute profitieren. Stolz folgte die SPD, anfangs jedenfalls, ihrem Kanzler, dem früheren Juso-Chef, dessen Vater im Krieg fiel, dessen Mutter putzen ging und dem niemand nachsagen mochte, er habe die kleinen Leute aus den Augen verloren. Ohne Schröders „street credibility” hätte es die Agenda 21 nicht gegeben.

Angela Merkel schließlich gefiel es, 2011 nach dem Unfall in Fukushima schneller aus der Atomkraft auszusteigen als von Rot-Grün geplant. Als Kernkraftgegnerin war sie nie hervorgetreten. Gerade das half. Niemand unterstellte ihr einen emotionalen Aussetzer. Die Physikerin hatte zu der außer Kontrolle geratenen Situation in Japans Reaktoren Fragen – auf die sie schlicht keine überzeugenden Antworten bekam. Und sie hatte ein Gespür für die wundersame Macht, die ein Politiker nach einem gelungenen 180-Grad-Dreh haben kann: Aus keiner Partei kam Kritik an ihrem neuen Plan.Im Gegenteil. Das Land rückte zusammen.

Kommentare