Pakistan reagiert auf Taliban-Gewalt

„Krieg bis zum letzten Terroristen“

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Foto: In Karachi gedenken die Menschen den Opfern des Schulmassakers.

Islamabad - Der Westen blickt gebannt auf die Terrormiliz IS in Syrien und im Irak, während die Taliban-Gewalt in Pakistan und Afghanistan eskaliert. Pakistan will nach dem Schulmassaker hart durchgreifen.

Die afghanischen Taliban sind bei der Wahl ihrer Angriffsziele nicht zimperlich, doch das Schulmassaker ihrer Kampfgefährten im Nachbarland ging selbst ihnen zu weit. Die Bluttat der pakistanischen Taliban (TTP) in Peshawar verstoße „gegen die Grundlagen des Islam“, kritisierten die afghanischen Extremisten. Mehr als 150 Menschen - meist Kinder oder Jugendliche - kamen bei dem Angriff auf die von der Armee betriebene Schule ums Leben. Damit hat die TTP ihre bisherige Brutalität sogar noch in den Schatten gestellt - und die Atommacht Pakistan in ihren Grundfesten erschüttert.

Die Regierung wirkt hilflos bei dem Versuch, den Taliban etwas entgegenzusetzen. Als ersten Schritt kündigte Premierminister Nawaz Sharif am Mittwoch an, dass Terroristen künftig wieder hingerichtet werden sollen. Für sie soll das sechs Jahre alte Moratorium für die Todesstrafe aufgehoben werden. Sharif dürfte allerdings selbst kaum damit rechnen, dass der Galgen die Extremisten beeindrucken wird.

Taliban-Gewalt nimmt weiter zu

Während der Westen sein Augenmerk auf die Terrormiliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien richtete, hat die Taliban-Gewalt in Afghanistan und Pakistan immer weiter zugenommen. Die Region steht nach 13 Jahren des internationalen Kampfeinsatzes am Hindukusch vielerorts in Flammen, und in nur zwei Wochen holt die Afghanistan-Schutztruppe Isaf ihre Flagge in Kabul ein. Der Nachfolgeeinsatz - über den der Bundestag an diesem Donnerstag abstimmt - zielt vor allem auf das Training einheimischer Sicherheitskräfte ab und ist viel kleiner.

„Verglichen mit der Sicherheitslage, als Isaf begann, ist Afghanistan heute ein Inferno“, sagt Graeme Smith von der International Crisis Group (ICG) in Kabul. In Ostafghanistan griffen Extremisten im vergangenen Monat ein Volleyballturnier an, 57 Menschen starben. Erst in der vergangenen Woche sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einer Schulaula in Kabul bei einem Theaterstück in die Luft, der Jugendliche riss einen deutschen Entwicklungshelfer mit in den Tod.

Und die TTP in Pakistan steht den afghanischen Taliban in Sachen Brutalität in nichts nach - im Gegenteil. Internationale Schlagzeilen machte sie, als einer ihrer Kämpfer 2012 der damals 15 Jahre alten Schülerin Malala Yousafzai in den Kopf schoss, die sich für Mädchenbildung einsetzt und dieses Jahr den Friedensnobelpreis bekam. Im Herbst vergangenen Jahres verübten die Taliban ein Massaker an Christen in einer Kirche in Peshawar, mehr als 100 Angehörige der Minderheit starben. Im Juni dieses Jahres griff die TTP den internationalen Flughafen in Pakistans größter Stadt Karachi an.

Extremismus-Problem ist hausgemacht

Besonders in Pakistan ist das Extremismus-Problem hausgemacht. Noch viele Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unterschied das mächtige Militär zwischen „guten“ und „schlechten“ Taliban. Die „Guten“ waren die, die von Pakistan aus Ziele in Afghanistan angriffen und damit auch in der pakistanischen Bevölkerung viel Beifall fanden. Die „Schlechten“ verübten Terror in Pakistan selber - sie wurden mehr oder weniger beherzt bekämpft.

Kein Zufall dürfte gewesen sein, dass Al-Kaida-Chef Osama bin Laden in Pakistan Zuflucht suchen konnte. Der afghanische Taliban-Chef Mullah Omar - dem offiziell auch die TTP Gefolgschaft geschworen hat - wird bis heute in Pakistan vermutet. Dass die Trennung zwischen guten und schlechten Terroristen auf Dauer schwierig ist, sickerte erst ins pakistanische Bewusstsein, als es zu spät war - und die Extremisten ganze Landstriche wie das Stammesgebiet Nord-Waziristan an der afghanischen Grenze unter ihre Kontrolle gebracht hatten.

Erst nach dem Angriff auf den Flughafen Karachi war die Geduld bei Regierung und Armee erschöpft. Das Militär begann eine Offensive in Nord-Waziristan, bei der nach offiziellen Angaben bislang mehr als 1150 Extremisten getötet wurden. Die TTP - die zugleich unter internen Spannungen leidet - dürfte dadurch zwar geschwächt sein. Besiegt ist sie nicht, wie der Angriff von Peshawar bewiesen hat. Ihn bezeichneten die Taliban als Vergeltung für die Offensive. „Wir haben die Schule angegriffen, weil die Armee unsere Familien angreift“, teilte die TTP mit. „Wir wollen, dass sie unseren Schmerz fühlen.“

Premierminister Sharif will jetzt durchgreifen. Ob ihm das gelingen wird, ist fraglich. „Genug ist genug“, sagte der Regierungschef am Mittwoch. „Wir müssen jetzt handeln.“ Sharif fügte hinzu: „Wir verkünden, dass es keine Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Taliban geben wird.“ Der Krieg gegen die Extremisten werde weitergeführt, „bis der letzte Terrorist eliminiert ist“.

dpa

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