Kulturspezifische Hauskrankenpflege

Der letzte Weg der ersten Generation

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„Untereinander verstehen sie sich perfekt“: Turnstunde in der Tagespflege von Deta-Med.

Berlin - Die Pflege von türkischen Migranten der ersten Gastarbeitergeneration wird zur Herausforderung. Viele träumten von einer Rückkehr in die Türkei, für die meisten aber ist es ein Pendeln zwischen Deutschland und der Heimat. Die kulturspezifische Altenpflege stellt die Politik vor Probleme.

Mehmet Gökcek nimmt den hölzernen Stab mit beiden Händen, hebt ihn über den Kopf, lässt ihn wieder fallen. Die anderen Senioren im Stuhlkreis tun es ihm gleich, auch die drei alten Damen mit Kopftüchern, die in den Sesseln an der Wand sitzen, nehmen begeistert am Frühsport teil. Dann ist Gedächtnistraining angesagt. Der Pfleger fragt auf Türkisch erst nach Orten, dann nach Gemüsesorten. Die Senioren überlegen, nennen die Städte ihrer Vergangenheit, das Essen ihrer vielen Jahre in Deutschland. Istanbul, Mersin, Gaziantep fallen ihnen ein. Patates, domate, zeytin – Kartoffeln, Tomate, Olive.

In der Tagespflege von ­Deta-Med in Berlin-Moabit ist die ­erste Gastarbeitergeneration unter sich. Im großen Gruppenraum sieht es aus wie im Wohnzimmer einer türkischen Familie, hinten in der Raucherlounge wie in einem Männercafé. Neonröhren glimmen an der Decke, der kleine Fernseher läuft, Musik scheppert aus dem Radio.

Mehmet Gökcek ist mit seinem Rollator den Gang entlanggeschlurft, vorbei an Fotos türkischer Familien in der Wirtschaftswunderbundesrepublik. Der 66-jährige Gökcek kam als junger Mann vor mehr als 40 Jahren nach Berlin, er hat bei Siemens geschuftet, am Flughafen Tegel und in einer Färberei. Seine Frau arbeitet noch, auch deswegen ist das Paar nicht in die Türkei zurückgekehrt, wie es immer sein Plan war. Nach einem Schlaganfall ist Gökceks rechte Seite fast gelähmt. In der Tagespflege kann er die Übungen machen, die ihm guttun. „Der Sport ist wichtig“, sagt er.

Gökcek gehört zu der Generation, die zeit ihres Lebens von einem Lebensabend in der Türkei träumte, aber nie ganz zurückgekehrt ist. Nur für ein paar ­Urlaubswochen. „Es ist eine Pendelgesellschaft geworden“, sagt Nare Yesilyurt, Gründerin und Chefin von Deta-Med. Viele leben ein paar Monate in der Türkei, kommen dann zurück nach Deutschland, lassen sich medizinisch durchchecken, fahren danach wieder zurück. Wie in ihrer Jugend als Arbeitsmigranten, verbringen sie auch ihr Alter im Transit zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen. „Das merkt man auch an der Sprache“, berichtet die 47-jährige Unternehmerin. „Im Alter schrumpft der Wortschatz in beiden Sprachen zugleich, sodass ihnen am Ende nur eine Mischsprache bleibt. Ein Türkisch, das in der Türkei niemand versteht. Aber untereinander verstehen sie sich perfekt.“

„Kulturspezifische Hauskrankenpflege“

Vor 15 Jahren gründete Nare Yesilyurt ihren Pflegedienst, und bald musste sie herausfinden, dass eine gemeinsame Sprache längst nicht das Entscheidende ist. Sie und ihre ersten Angestellten waren in Deutschland ausgebildete Krankenschwestern und Altenpflegerinnen, die ihre Patienten so pflegen wollten, wie sie es gelernt hatten. Eine Waschschüssel für oben, eine für unten. Die türkischen Senioren waren entsetzt. „Sauber wird man nur unter fließendem Wasser“, sagten sie standhaft. „Als deutsch-türkischer Pflegedienst hatten wir versagt“, sagt Yesilyurt knapp. Damals änderte sie den Namen in „kulturspezifische Hauskrankenpflege“. Denn sie hatte etwas gelernt: „Man muss erst einmal auf die Idee kommen, die Patienten zu fragen: Wie waschen Sie sich? Was sind Ihre Gewohnheiten?“

Mit diesem Denken hat sich Nare Yesilyurt als Vorreiterin ihrer Branche erwiesen. Jetzt zieht auch die offizielle Gesundheits­politik nach. Im Kanzleramt hat gestern die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung auch im Namen des Gesundheitsministers das Schwerpunktjahr „Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft“ ausgerufen. „Menschen mit Einwanderungsgeschichte partizipieren nicht ausreichend an unserem Gesundheitssystem“, sagt Aydan Özoguz. Hauptproblem: Sprachbarrieren. Heute sind knapp 1,6 Millionen Migranten älter als 64 Jahre, 2030 würden es 2,8 Millionen sein. Nun soll die Beratung verbessert werden, mehr Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben und ausgebildet werden.

Von „kulturspezifischer Pflege“ ist bei der Vorstellung des Programms viel die Rede. Für Nare Yesilyurt ist das längst Alltag. Sie geht mit jedem neuen Kunden einen Fragebogen durch. Biografie, Erfahrungen, Gewohnheiten. „Kulturspezifische Pflege heißt individuelle Pflege“ ist ihr Leitsatz. „Wenn wir diese Arbeit gemacht haben, muss die Pflegekraft auch nicht mehr dieselbe Sprache sprechen. Das ist wünschenswert, aber nicht mehr dringend erforderlich. Sie weiß, welche Pflege der Patient möchte.“

Die Fragebogen waren der Grundstein für den Erfolg von Deta-Med. Heute macht die alleinerziehende Mutter zweier Töchter 8  Millionen Euro Jahresumsatz, beschäftigt 280 Mitarbeiter, bildet 32 Azubis aus. Weniger als die Hälfte ihrer Angestellten haben einen türkischen Hintergrund. Untereinander sollen die Angestellten miteinander Deutsch sprechen, um niemanden auszuschließen, fordert Yesilyurt. Es gibt Menschen, die sie deswegen „Rassistin“ schimpfen. Sie lacht darüber. Sie hat klare Vorstellungen und ein dickes Fell.

Unterstützung in Hannover

Medizin und Pflege für Migranten: Den bundesweit ersten Interkulturellen Pflegedienst für Menschen verschiedener kultureller, sprachlicher und religiöser Herkunft gründete Jasmin Arbabian-Vogel bereits 1996 in Hannover. Das Unternehmen boomt, erst im Herbst 2014 stockte Arbabian-Vogel die Zahl ihrer Mitarbeiter von 87 auf 120 auf. Dazu gehören inzwischen auch vier Pflege-Wohngemeinschaften für Demenzkranke und ein außerklinischer Intensivpflegedienst. Das 1991 in Hannover gegründete Ethnomedizinische Zentrum vermittelt unter anderem 180 speziell geschulte Dolmetscher in mehr als 50 Sprachen und Dialekte. Zu den Kunden zählen Kliniken, Arztpraxen, Sozialdienste, Gerichte, Rentenversicherungsträger sowie Einrichtungen für Asylbewerber. Darüber hinaus leistet das die Einrichtung Lotsendienste, indem Migranten zu Multiplikatoren geschult werden, sich im deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden. Das Gefühl von Entwurzelung, schwere Biografien und eine hohe Arbeitslosigkeit: Seit Jahren steigt der Bedarf an psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung bei Zuwanderern. 2010 eröffnete dasKlinikum Wahrendorff in Linden eine transkulturelle Tagesklinik . In mehr als zehn Sprachen behandelt ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Therapeuten, Sozialarbeitern und Pflegekräften Patienten unter anderem aus Russland, der Türkei, dem Iran und Spanien.Flucht und Vertreibung hinterlassen oft tiefe seelische Wunden. Seit 2014 hat das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge Niedersachsen seinen Sitz in Hannover.

Auch bei den Wünschen ihrer Patienten zieht sie Grenzen. Zum Beispiel bei den Vorbehalten muslimischer Senioren gegen männliche Pfleger. Manchmal würden die Pfleger nicht in die Wohnung gelassen oder sie dürften Frauen nicht pflegen. „Das ist mein Hauptproblem“, sagt Yesilyurt. „Und es hat in den letzten Jahren zugenommen. Irgendwann sagen wir dann: Pech gehabt.“

Als „Gastarbeiterkind“ wurde Yesilyurt einst in die Hauptschule abgeschoben, obwohl sie eine Empfehlung für die Realschule hatte. Sie hat sich hochgekämpft, lernte Krankenschwester, studierte Pädagogik. Nach dem Diplom gründete sie Deta-Med.Ihr nächstes Projekt befindet sich gerade im Bau, auf einem Waldgrundstück in Mahlow, nahe der S-Bahn-Endhaltestelle, schon in Brandenburg. Es ist ein Hospiz, das elf Patienten Platz bieten soll. Ein Ort für den letzten Schritt der ersten türkischen Generation in Deutschland – oder den vorletzten, schließlich handelt es sich um die Pendelgesellschaft.

„Sterben wollen sie in Deutschland, beerdigt werden in der Türkei“, fasst Yesilyurt die Wünsche ihrer Patienten zusammen. Die Vertreter der Gemeinde zeigten sich zunächst etwas verwundert von den Hospiz-Plänen. „Wir haben hier doch gar keine Muslime im Ort“, hätten sie gesagt. Dann erklärte die Deta-Med-Chefin, wie sie ihr Prinzip der individuellen Pflege auf das Hospiz übertragen will: „Jeder kann seinen Raum gestalten, wie er will. Ob er dort ein Kreuz hinhängt, einen Davidstern oder einen Teppich, wann und zu wem gebetet wird, entscheidet jeder selbst.“ Wichtiger als die religiösen Symbole ist der Alevitin der Wald hinterm Haus. 1500 Quadratmeter, Platz genug um allein zu sein, letzte Gespräche zu führen, um zu trauern. Ein Platz für alle, egal, woher sie einmal kamen.

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