Tod von Boris Nemzow

Mord im Schatten des Kremls

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Mitten in Moskau: Der Leichnam von Boris Nemzow vor der nächtlichen Kulisse der Basilius-Kathedrale.

Moskau - Wer hat den Auftrag gegeben? In Moskau wird der Regimekritiker Boris Nemzow erschossen – wie so viele Oppositionspolitiker vor ihm. Zehntausende Menschen trauern in Moskau.

Es ist die Zeit des Widerstands. Am 6. Mai 2012, auf der letzten großen Demonstration jenes Protestwinters, sieht man Boris Nemzow durch die Reihen der Demonstranten laufen, braun gebrannt wie immer, in Jeans, weißer Jacke, T-Shirt. Es ist ein warmer Nachmittag. Politisch ist es der heißeste Tag seit Jahren.

Auf dem Demonstrationszug zum Bolotnaja-Platz unweit des Kremls ist es zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen. Die Polizei hat daraufhin die Abschlusskundgebung verboten. Vor der Bühne stehen trotzdem einige Hundert Menschen. Sie können nur zuschauen, wie das Sondereinsatzkommando mit den schwarzen Helmen einen Oppositionsführer nach dem anderen von der Bühne zerrt und in Polizeiautos verfrachtet. Nemzow ist der letzte.

Flink klettert er auf ein Metallpodest und brüllt mit rauer Stimme in ein Megafon: „Sie haben unsere Genossen verhaftet, Nawalny und die anderen, sie haben sich in die Hosen geschissen und uns verboten, eine Demonstration abzuhalten. Aber wir sind keine Sklaven!“ Dann sieht er unter sich die Helme der Polizisten, schreit noch „Russland wird frei sein“, dann entreißen die Polizisten ihm das Megafon. Nemzow streckt noch einmal die Hand zum Victoryzeichen aus, die Kameras klicken. Nemzow liebt die Pose. Dann ist er festgenommen, mal wieder.

Wenige Hundert Meter von dieser Stelle entfernt wird Boris Nemzow, 55 Jahre alt und eine der schillerndsten Persönlichkeiten der russischen Opposition, am Abend des 27. Februar 2015 erschossen. Sieben Schüsse werden aus einem Auto heraus abgefeuert, vier treffen ihn in den Rücken. Von einem Auftragsmord spricht die Sprecherin des Innenministeriums. Die Killer seien offenbar bestens über den Terminkalender ihres Opfers informiert gewesen. Aber wer hat den Auftrag gegeben?

In Moskau werden drei Versionen diskutiert: Der Apparat von Präsident Wladimir Putin steckt dahinter, lautet die am weitesten verbreitete Antwort. Putins Gegner leben gefährlich: Seit 2003 sind sechs prominente Oppositionelle erschossen oder vergiftet worden, zwei starben unter ungeklärten Umständen - einzig im Fall des Anwalts Stanislaw Markelow und der Journalistin Anastassija Baburowa wurden die Attentäter, nationalistische Russen, gefasst und verurteilt. Putin selbst spricht von islamistischem Terror und verweist darauf, dass das Auto der Nemzow-Attentäter ein Kennzeichen der Kaukasus-Republik Inguschetien gehabt habe. Die Fahnder nennen persönliche Streitigkeiten als mögliches Tatmotiv.

Boris Nemzow gehörte zu jener Politikerkaste, die in jungen Jahren Teil des Machtapparats waren. Er war immer der Jüngste: als Bürgermeister, als Gouverneur in Nischni Nowgorod, in der Jelzin-Ära mit 37 Jahren als jüngster Vizepremier. Der charismatische junge Mann machte sich in allen Ämtern einen Namen als liberaler Reformer.

Anfangs unterstützte er als Mitbegründer der liberalen „Union der rechten Kräfte“ öffentlich den Aufstieg Putins zum Präsidenten. Ich bin der Meinung“, sagte er damals, „dass Russland einen neuen Präsidenten wählen sollte, der physisch stark ist und bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ich bin überzeugt, dass der nächste Präsident Wladimir Putin sein sollte.“ Doch bald war Nemzow enttäuscht, wurde zu einem der deutlichsten Kritiker.

Das System Putin marginalisiert Leute wie Nemzow schnell: In die politischen Talkshows wurde er seit 2005 nicht mehr eingeladen, für einen politischen Posten kam er wegen seiner kompromisslosen Haltung gegenüber Putin nicht mehr infrage. Nemzows liberale Partei wurde in den Bankrott getrieben, es gab kaum noch Geschäftsleute, die eine offen oppositionelle Partei zu unterstützen wagten. Zuletzt war er einfacher Stadtrat in Jaroslawl.

Nemzow ärgerte den Kreml und insbesondere Putin, wo er nur konnte. Gerne stand er für Auftritte im Ausland zur Verfügung. Etwa für eine ARD-Dokumentation über die Bauarbeiten für Olympia in Sotschi, wo er selbst geboren ist. „Es ist schwierig, in diesem Land voller Schnee und Eis einen Fleck zu finden, wo es nie schneit. Aber Putin hat’s geschafft“, sagt Nemzow da. In großer Zahl hat er Broschüren herausgegeben mit Namen wie „Putin - eine Bilanz“, in denen die Entwicklung des Landes in düstersten Farben beschrieben wurde.

Und doch gab es gegen ihn, anders als gegen Alexej Nawalny oder Michail Chodorkowskij, nie ein Gerichtsverfahren, nie den Versuch, ihn für längere Zeit ins Gefängnis zu verbannen. Der Grund: Nemzow war in den Augen Putins kein echter Führer mit Perspektive, er trug das Brandmal des ewigen Oppositionellen.

Putin äußerte sich in den letzten Jahren praktisch nicht über Nemzow - sondern ließ die Arbeit zur Diskreditierung von seinen Medien machen. Das übernahm etwa der für seine Hetze gegen die Opposition bekannte kremltreue Sender NTW. Für Sonnabend, vor der für Sonntag angekündigten Oppositionsdemo gegen den Krieg in der Ukraine, stand der dritte Teil der Reihe „Anatomie des Protests“ auf dem Programm. Die Russen sollten erfahren, „wer unsere Opposition füttert und wie viel der Unterhalt der russischen Unterstützer des Kiewer Regimes kostet“. Auch um Nemzow ging es da. Am Freitag nahm der Sender den Film aus dem Programm.

Nur im Dezember 2010, während einer Fragestunde im Fernsehen, äußerte Putin sich sehr deutlich. Auf die Frage, was Nemzow und einige andere Oppositionspolitiker wollten, antwortete er: „Geld und Macht, was sonst? Früher haben sie für Chaos gesorgt, in den Neunzigern haben sie zusammen mit jenen, die jetzt im Gefängnis sitzen, einige Milliarden gestohlen.“ Nemzow klagte wegen Rufmords. Die Klage wurde, wenig überraschend, abgewiesen.

Am Ende ist ihm womöglich sein Kampf für Demokratie und Freiheit in der Ukraine zum Verhängnis geworden.

Nemzow hat viele Russen schon 2005 verärgert, als er sich nach dem Sieg der Orangen Revolution in Kiew dem neuen Präsidenten Wiktor Juschtschenko als Berater andiente. Buchstäblich bis zum letzten Atemzug kämpfte er gegen Putins Krieg. Knapp drei Stunden vor seiner Ermordung meldete er sich im kremlkritschen Radiosender Echo Moskaus mit scharfer Attacken zu Wort. Er sprach wie gehetzt - als ahnte er, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. „Der gewichtigste Grund der Krise ist, dass Putin eine sinnlos aggressive, für unser Land und für viele Bürger tödliche Politik des Krieges gegen die Ukraine begonnen hat“, sagte Nemzow da. Der Marsch an diesem Sonntag fordere, „dass Putin seine Aggression einstellt“.

Das Interview wurde zum politischen Vermächtnis. Eine 23-jährige Ukrainerin, mit der er an einem Bericht über die Verwicklung des Kremls in die Separatistenaufstände der Ostukraine arbeitete, war bei Boris Nemzow, als er starb.

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