Früherer Bundespräsident

Richard von Weizsäcker ist tot

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Foto: Richard von Weizsäcker war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident Deutschlands.

Berlin - Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist heute im Alter von 94 Jahren gestorben. Für die Menschen in Deutschland ist der adlige Präsident bis zu seinem Tod so etwas wie das Idealbild eines Staatsoberhauptes gewesen. Ein Nachruf von Reinhard Urschel.

Der Grad der Verehrung für Richard von Weizsäcker erreichte noch lange nach seinem Ausscheiden erstaunliche Höhen. Wäre die Staatsform nicht längst abgeschafft gewesen in diesem Land, diesen bedächtigen, klugen, redlichen, bescheiden auftretenden Mann, äußerlich gesegnet mit einer noblen Erscheinung, hätte man wohl auch als Monarchen genommen. In einigen, natürlich eher spielerischen Umfragen, ist dieses tatsächlich so ermittelt worden. Der deutsche Hochadel, der mit Recht nicht gefragt wird, hätte freilich einiges dagegen gehabt. Die Weizsäckers sind erst 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, in den erblichen Freiherrenstand erhoben worden.

Bei näherem Hinsehen zeigt der äußere Anschein freilich feine Risse. Weizsäcker ist nicht erste und auch nicht der letzte Bundespräsident gewesen, der von Teilen der politischen Klasse kritischer gesehen wurde als vom Großteil der Bevölkerung. Dieser Spannungsbogen, der wohl auch darin gründet, dass die Rolle des Staatsoberhauptes in der Bundesrepublik auslegungsfähig ist, reicht von Theodor Heuss und Konrad Adenauer bis in die jüngste Zeit, namentlich in die Ära Köhler hinein. Wie dieser Jahrzehnte nach ihm hat sich auch Weizsäcker bisweilen tadelnd mit den Protagonisten des politischen Systems auseinandergesetzt, desselben Systems, dem er entwachsen ist. Einige konservative Parteifreunde, aber auch manche Medienvertreter haben aus diesem Grund ein zwiespältiges Weizsäcker-Bild zu zeichnen versucht. Seiner Beliebtheit in der Bevölkerung hat dies keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Auch das Urteil über seine hohe Integrität ist davon keineswegs getrübt worden.

1920 im Neuen Schloss in Stuttgart geboren

Der kleine Richard war am 15. April 1920 eine Hausgeburt – oder genauer gesagt, eine Schlossgeburt. Ein Flügel des Neuen Schlosses in Stuttgart enthielt, unterm Dach, Wohnungen für Staatsbedienstete, und der Diplomat Ernst von Weizsäcker und seine Frau Marianne, geborene von Graevenitz, nutzten dieses Privileg. Noch im selben Jahr ging es nach Basel, dann durch die nordischen Hauptstädte, über Bern schließlich nach Berlin, wo der Vater 1936 Leiter der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes wurde.

Seine Kindheit ist geprägt von den wirtschaftlich und politisch unruhigen 20er-Jahren, die Jugendjahre im Nationalsozialismus zeigen einen angepassten jungen Mann. In der Hitlerjugend war der heranwachsende Richard Fähnleinführer im „Fähnlein Werwolf - Jungbann 37“ in Berlin-Wilmersdorf-Zehlendorf. Reichsarbeitsdienst, Wehrdienst und die Teilnahme am 2. Weltkrieg – der typische Lebenslauf der um 1920 Geborenen. Polenfeldzug, Unternehmen Barbarossa, dem jungen Offizieranwärter blieben die Leiden seiner Generation nicht erspart. Er brachte es zum Hauptmann. Als junger Soldat war er durchaus kriegsbegeistert, anders als er es später darzustellen versuchte, zumindest war er mit Anteilnahme bei der Sache. Sein Vater, seit 1938 Staatssekretär unter Außenminister Joachim von Ribbentrop, notierte am 19. August 1941: „Wenn jetzt im Dnjepr-Bogen keine große, sondern eine kleine Umfassung gemacht wurde, so soll das auf die direkte Weisung des Führers zurückgehen, der hier u. auch an anderen Stellen Vorsicht walten lasse. Daher sei auch in der Mitte, d. h. vor Moskau, der große ‚Halt’ eingetreten (der Richard Leid tat, da alles im Rutschen gewesen sei.)“

Mitte Mai 1944 besuchte der junge Offizier seinen Vater in Rom, der mittlerweile Botschafter beim Heiligen Stuhl war. Bei dieser Gelegenheit kam er in Kontakt zu späteren Widerstandskämpfern, von denen er von den Stauffenberg-Plänen gehört haben soll. Bis heute nicht abschließend geklärt sind die Umstände der wahrscheinlichen Fahnenflucht Weizsäckers in den letzten Kriegstagen. In ihrer Weizsäcker-Biographie wählen Werner Filmer und Heribert Schwan eine neutrale Formulierung: „Kurze Zeit später demobilisierte er sich selbst und setzte sich nach Lindau an den Bodensee ab. Dort erlebte er am 8. Mai die bedingungslose Kapitulation.“

Vater vor Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal verteidigt

Das Verhältnis zu seinem Vater Ernst hat ihn einen Leben lang nicht losgelassen. Als junger Anwalt - studiert hatte er gleich nach Kriegsende in Göttingen neben Jura auch Geschichte - verteidigte er ihn vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess (benannt nach dem vormaligen Sitz des Außenministeriums). Wer möchte, kann in der Art, wie er die Verteidigung des Vaters gestaltete, schon jene Fähigkeit erkennen, sich mit den Gegebenheit zu arrangieren, die Kanzler Helmut Kohl später als Anpassertum brandmarkte.

In seiner Rede am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wollte Richard von Weizsäcker festgehalten wissen: „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.“ Diese hohen Maßstäbe hat er auf den Fall seines eigenen Vaters nicht angewendet. In seinem Fall hat er die Unkenntnis zur Rechtfertigung vorgeschoben. So äußerte er unter anderem vor dem Tribunal: „Dass er das Wort Auschwitz im Jahr 1943, als er nach Rom versetzt wurde, nicht kannte, hat er mir auf völlig glaubwürdige Weise versichert.“ Ernst von Weizsäcker hatte indessen schon 1942 Adolf Eichmann auf dessen Begehren, 6.000 Juden nach Auschwitz zu bringen, geantwortet, er erhebe „keinen Einspruch“. Auch einen weiteren Erlass zur Deportation von 90.000 Juden aus Holland, Belgien und Frankreich nach Auschwitz zeichnete er ab.

Der berufliche Aufstieg führte den aufstrebenden Juristen Weizsäcker in den 50er- und 60er-Jahren in die Rechtsabteilungen einer Bank und mehrerer Großbetriebe (Mannesmann, Boehringer). Dass das Chemieunternehmen aus Ingelheim über den US-Betrieb Dow Chemical an der Herstellung von „Agent Orange“ beteiligt gewesen war , will Weizsäcker erst später erfahren haben. Auch diese Aussage ist von Zeitzeugen angezweifelt worden.

Engagement in der Evangelischen Kirche

1954 tritt Weizsäcker in die CDU ein. Seiner politischen Karriere voraus geht ein Engagement in der Evangelischen Kirche. Weizsäcker war seit 1962 Mitglied des Präsidiums des Evangelischen Kirchentages, 1964 wurde er Präsident (bis 1970). Die hohe Funktion in der kirchlichen Laienarbeit scheint die politische Karriere zunächst zu behindern. Als der aufstrebende Helmut Kohl, damals Fraktionschef im Mainzer Landtag, nach der mäßig erfolgreichen Bundestagswahl 1965 Weizsäcker als Kandidat für einen Sitz im Bundestag vorschlägt, lehnt dieser zunächst ab mit dem Hinweis auf das Kirchenamt. 1966 gelingt es Kohl immerhin, Weizsäcker in den Bundesvorstand der CDU zu empfehlen.

Setzt sich für Abschluss des Warschauer Vertrages ein

Schon 1968 traut sich Weizsäcker das Präsidentenamt zu, jedoch unterliegt er im Wahlmänner-Gremium der CDU/CSU gegen den vormaligen Außenminister Gerhard Schröder (1910-1989) bei einem Vorentscheid um die Kandidatur zur Bundespräsidentschaft. Bei der Wahl 1969, nach der die Union durch die Bildung der sozialliberalen Koalition in die Opposition muss, wird Weizsäcker Mitglied des Bundestages. Während der Ratifizierungsdebatten über die Ostverträge hält er zwei viel beachtete Reden im Bundestag, die dazu beitragen, dass die CDU/CSU-Opposition durch Stimmenthaltung die Ratifizierung ermöglicht. Weizsäcker setzt sich vor allem für den Abschluss des Warschauer Vertrages ein. In der Frage der Verständigung mit dem Osten pflegt der Abgeordnete Weizsäcker schon jene Eigenständigkeit, die er später als Präsident mit Nachdruck für sich in Anspruch nimmt. In seiner Partei erwirbt sich Weizsäcker dabei rasch den Ruf eines unabhängigen Geistes. Man überträgt ihm 1971 die Leitung eines Gremiums, das ein neues Grundsatzprogramm der CDU erarbeiten soll.

Niederlage gegen Karl Carstens

Weizsäcker muss sich in den Zeiten der sozialliberalen Koalition zunächst mit Plätzen in der zweiten Reihe zufrieden geben. Bei der Kandidatur für den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Mai 1973 erleidet er eine Niederlage gegen Karl Carstens. Bis 1979 bleibt ihm der Posten des Stellvertreters. 1974 kandidiert er erfolglos gegen Walter Scheel (FDP) für das Amt des Bundespräsidenten. Bei den Mehrheitsverhältnissen in der Bundesversammlung war Weizsäcker von vornherein klar gewesen, dass er lediglich als Zählkandidat antreten würde.

Regierender Bürgermeister in Berlin

Aber er will in die erste Reihe. Im März 1979 tritt er bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus als Spitzenkandidat der CDU an. Obwohl die Partei 44,4 Prozent der Stimmen erhält, scheitert der Versuch, Regierender Bürgermeister zu werden am Fortbestand der Berliner sozial-liberalen Koalition. Als diese 1981 zerbricht, klappt es doch noch. Weizsäcker steht zunächst einem CDU-Minderheitssenat vor, bis nach dem Regierungswechsel in Bonn 1982 auch in Berlin die Koalition mit der FDP möglich wird. Es sind die Zeiten teils heftiger sozialer Auseinandersetzungen im damaligen Westteil der Stadt, die Hausbesetzerszene spaltet die Bevölkerung. Als Regierender Bürgermeister gelingt es Weizsäcker zwischen dem bürgerlichen und dem links-alternativen Milieu zu vermitteln und pragmatische Lösungen auszuhandeln. Chef im Schöneberger Rathaus bleibt er bis zu seinem großen Karriereschritt 1984.

Es ist ausgerechnet der bayerische Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU), der den zögernden Bundeskanzler Helmut Kohl dazu drängt, die Kandidatur Weizsäckers für das Bundespräsidentenamt bekannt zu geben. Weshalb der CDU-Vorsitzende und Kanzler sich ziert, ist für Außenstehende zu diesem Zeitpunkt schwer ersichtlich. Getrübt ist das Verhältnis der beiden gewiss schon länger. Später, als Weizsäcker schon im Amt ist, tritt die Abneigung zeitweise offen zutage. Weizsäcker, der in jüngeren Jahren ein Günstling des „Systems Helmut Kohl“ gewesen war, distanzierte sich im Präsidentenamt von seinem politischen Ziehvater, als habe er mit ihm nie etwas zu tun gehabt. Kohl nannte ihn daraufhin „einen der größten Anpasser in der Geschichte der Republik“. Bei öffentlichen Begegnungen kommt es vor, dass sich die beiden für jeden sichtbar schneiden. Bei einem Pokalendspiel im Berliner Olympiastadion in den achtziger Jahren sitzen der Kanzler und der Präsident nur wenige Plätze nebeneinander. Die Lokalzeitungen notieren tags darauf, sie hätten sich nicht per Handschlag begrüßt.

Die Mehrheitsverhältnisse in den Bundesversammlung aber sind im Mai 1984 klar auf Seiten der Union und der FDP. Als Nachfolger von Karl Carstens wird Weizsäcker der 6. Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Das erste Amtsjahr verläuft unspektakulär. Zu dieser Zeit darf sich ein Präsident in Ruhe im Amt einrichten, ohne Druck der Öffentlichkeit. Auf seinen Reisen kümmert sich Weizsäcker besonders um die Probleme der Entwicklungsländer; unter anderem ist er Schirmherr der Welthungerhilfe. Er setzt sich für eine Aussöhnung mit dem Ostblock ein, regt Gespräche mit der DDR an und plädiert von Anfang an dafür, die Reformprozesse in der von 1985 an von Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow geführten Sowjetunion ernstzunehmen. Auf Helmut Kohl, der in dieser Zeit noch fremdelt mit Gorbatschow, müssen solche Ratschläge besserwisserisch gewirkt haben.

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“

Bundespräsident Richard von Weizsäcker hält seine vielbeachtete Rede im Bonner Bundestag am 8.Mai 1985 während der Feierstunde zum Ende des 2. Weltkrieges vor 40 Jahren.

Quelle: dpa

In seiner Rede zum 40. Jahrestag der Kapitulation vom 8. Mai 1945setzt Weizsäcker ein Ausrufezeichen über den Tag hinaus. Ein Zeichen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der NS-Vergangenheit. Mit seiner Kernaussage vom „Tag der Befreiung“ geht Weizsäcker ein hohes Risiko ein. Deutschland war ja noch nicht wieder vereint, im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung der alten Bundesrepublik wurde das Ende des Zweiten Weltkrieges noch eher als Niederlage in der großen Völkerschlacht empfunden, denn als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Man gedachte in Deutschland in erster Linie des am Boden liegenden Landes der Väter und weniger des Endes einer verheerenden Barbarei. Das Staatsoberhaupt ist ein Wagnis eingegangen, als er den Deutschen ans Herz legte, diesen Tag als Tag der Befreiung zu sehen.

Die Rede findet im In- und Ausland große Beachtung und Anerkennung. Vor allem festigt sie auf Jahre hinaus Weizsäckers Ruf als kluger Analytiker der deutschen Geschichte und als berufener Mahner für die Zukunft. So wird er aufgrund seines hohen Ansehens und seiner Autorität bei der Bundespräsidentenwahl 1989 ohne einen Gegenkandidaten mit großer Mehrheit - er erhält 881 von 1022 gültigen Stimmen - wiedergewählt.

Mauerfall ist historischer Höhepunkt seiner Amtszeit

Der Fall der Mauer ist zweifelsohne der historische Höhepunkt der beiden Weizsäcker-Amtszeiten. In seinem Buch „Mein Weg zur Einheit“ erinnert er sich an den Sonntag nach dem Fall der Mauer: „ Nach dem Gottesdienst ging ich zum Potsdamer Platz in der Stadtmitte, wo soeben ein Grenzübergang eröffnet worden war. Von seiner Westseite aus überquerte ich allein die menschenleere, unbebaute große Fläche des Platzes in Richtung auf die Baracke der Grenzpolizei am Ostrand. Es war zu sehen, dass man mich durch Ferngläser beäugte. Als ich bis auf einige Meter herangekommen war, öffnete sich die Tür. Heraus trat ein Oberstleutnant, ging auf mich zu, machte eine Ehrenbezeugung, wie ich sie selbst als Potsdamer Rekrut vor dem Krieg nie korrekter gelernt hatte, und sagte: ,Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse.’ Wir gaben uns die Hand. Das war für mich ein unvorstellbarer persönlicher Vollzug der deutschen Vereinigung.“

Den Einigungsprozess begleitet Weizsäcker natürlich wohlwollend, aus der Sicht die Einheitskanzlers Kohl aber nicht zurückhaltend genug. Weizsäcker mahnt hin und wieder zur Behutsamkeit beim Zusammenwachsen von DDR und Bundesrepublik. Prompt lässt der Regierungschef durchklingen, dass Ratschläge von Seiten des Staatsoberhauptes überflüssig seien. Das „Fenster der Gelegenheit“ zur Wiedervereinigung, entgegnet Kohl, stehe nicht ewig offen. Im Mai 1990 reist Weizsäcker nach Polen, nach eigenen Aussagen die wichtigste Reise seiner Amtszeit. In einer Rede wirbt er dafür, dass „wir, Deutsche und Polen, in größeren Zeiträumen denken, die Zeichen der Zeit erkennen und sie zur Maxime unseres gemeinsamen Handelns machen“. Gegen Ende seiner Amtszeit, wohl in dem Gefühl ein Resümee seines politischen Wirkens ziehen zu müssen, schlüpft das Staatsoberhaupt mehr und mehr in die Rolle eines politischen Ombudsmannes, der die Bürger vor den Fehlern der Politiker beschützen möchte. In einer Rede vor dem Bundesverband der Deutschen Industrie räumt Weizsäcker 1992 Fehler der Politik bei der Finanzierung der deutschen Einheit ein und verlangt gleichzeitig eine Offenlegung der Kosten des Vereinigungsprozesses. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch den Zustand der Parteien und wirft der „Politikerschicht“ vor, sie erliege einer „Machtversessenheit in bezug auf Wahlkampferfolge“. Politiker aller Parteien reagieren empört auf diesen „öffentlichen Tadel“ des Bundespräsidenten. Seine Gegner werfen ihm vor, einen Spaltkeil zwischen Bürger und Politiker zu treiben, eine wohlfeile Methode zur Steigerung der eigenen Popularität. Der spätere Nachfolger Horst Köhler hat sie wiederbelebt.

Bis ins Hohe Alter gesundheitlich auf der Höhe

Am 30. Juni 1994 übergibt Weizsäcker die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger Roman Herzog. Wie es sich für Bundespräsidenten im Ruhestand anbietet, erlegt sich Weizsäcker von seinem Wohnort Berlin aus ein umfangreiches gesellschaftliches Engagement auf. Ihm kommt zugute, dass er bis ins hohe Alter gesundheitlich auf der Höhe ist. Er hält sich fit als Frühschwimmer und ist beim Deutschen Sportabzeichen jährlich dabei. Bei Stiftungen, Wohltätigkeitsorganisationen oder akademischen Preisverleihungen gehört es zum guten Ton, den Altbundespräsidenten als Dinner-Speaker zu gewinnen. Seine Lebenserinnerungen legt er schon 1997 vor, unter dem Titel „Vier Zeiten“. Ehrendoktorwürden sind 13 bekannt.

Richard von Weizsäcker hat versucht, ohne die Worte seines Nach-Nachfolgers Johannes Rau vorwegzunehmen, das Lebensprinzip „Versöhnen statt spalten“ in der Politik anzuwenden. In den aufregenden Jahren der Wiedervereinigung hat seine Unabhängigkeit gegenüber parteipolitischen Positionen zur inneren Stabilität des Landes beigetragen. Vielleicht auch weil dieses Land zu Beginn des Jahrhunderts bei der Auswahl seiner Staatsoberhäupter nicht gerade eine glückliche Hand bewiesen hat, hält sich in der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck, Richard von Weizsäcker habe das Idealbild eines Bundespräsidenten geprägt.

Von Reinhard Urschel

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