Studie zeigt:

Sterbehilfedebatte setzt Menschen unter Druck

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Hannover - Eine Mehrheit der Deutschen tritt für eine liberalisierte Sterbehilfe ein. Allerdings wächst auch die Sorge, dass die seit gut einem Jahr in der Öffentlichkeit geführte Debatte zunehmend mehr Menschen dazu bewegt, sich das Leben zu nehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie.

Nach der Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die am Dienstag in Hannover vorgestellt wurde, gaben 63 Prozent der Befragten an, eher für Beihilfen zur Selbsttötung zu sein, 31 Prozent votierten eher dagegen, 6 Prozent machten hierzu keine Angaben.

Die Studie dokumentiert auch, dass Alte und Kranke unter Druck geraten könnten, ihr Leben zu beenden. So äußerten 60,8 Prozent der Befragten die Überzeugung, dass bei einer Legalisierung der ärztlichen Hilfe zum Freitod Menschen vermehrt um todbringende Medikamente bitten würden, „weil sie sich als Belastung für Menschen oder die Gesellschaft“ fühlten. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedform-Strohm befürchtet eine schleichende Aufweichung des Tötungs-Tabus. „Ich bin kein Alarmist, aber das würde unsere Kultur schon radikal verändern.“

Die EKD hat über das Forschungsinstitut Emnid im April dieses Jahres 2052 Bundesbürger im Alter ab 18 Jahre befragt. Die Zahl der Befürworter einer liberalisierten Sterbehilfe lag dabei niedriger als bei früheren Meinungserhebungen. In einer Forsa-Umfrage vom Herbst 2014 hatten 77 Prozent der Befragten die Freigabe des ärztlich assistierten Suizids befürwortet. „Zwar spielt der Wunsch nach Selbstbestimmung bei den Befürwortern der Sterbehilfe offensichtlich eine große Rolle“, sagte Professor Gerd Wegner, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts, „aber im Hintergrund steht eine Vielzahl von Ängsten.“

So prägt die Angst vor starken Schmerzen oder einem zu langen Todesprozess die Haltung zur Sterbehilfe. Auch die Sorge, den eigenen Angehörigen zur Last zu fallen, treibt 53,8 Prozent der Menschen um. Überraschenderweise wird die Skepsis gegenüber Sterbehilfe-Angeboten immer größer, je älter die Menschen werden. Von den über 80-Jährigen gaben nur noch 2,8 Prozent in der EKD-Studie an, Beihilfen zur Selbsttötung zu begrüßen. Die meisten Anhänger liberalerer Lösungen finden sich laut EKD-Studie bei den 40- bis 49-Jährigen (21 Prozent Befürworter). „Bei den Jüngsten, die meist noch gar keine Erfahrungen mit diesem Thema haben, sind die Ängste am größten“, sagt Petra-Angela Ahrens, eine Mitverfasserin der Studie.

„Die Studie zeigt, dass die Debatte viel zu oft auf einer abstrakten Ebene geführt wird, ohne genauer hinzuschauen“, meint Bedford-Strohm. Schon jetzt gebe es durch die vor sechs Jahren eingeführten Patientenverfügungen ein hohes Recht auf Selbstbestimmung. Die Debatte um eine liberalisierte Sterbehilfe habe auch bedrückende Momente, meinte Bedford-Strohm: „Wenn sich hochrangige Menschen in Talkshows setzen und ankündigen, sie brächten sich um, weil sie nicht verblöden wollten, dann hat das Folgen – die soziale Hinrichtung einer ganzen Gruppe.“ Wichtiger sei es, die Palliativmedizin zu stärken.

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