Kampf gegen IS

Tikrit wird zur Generalprobe

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Größte Bodenoffensive gegen den IS: Schiitische Milizen unterstützen die irakische Armee beim Angriff auf Tikrit.

Washington - Iraks Militär galt bisher als wenig kampfbereit – nun will die Armee Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit vom „Islamischen Staat“ befreien. 30.000 Soldaten sind in den Kampf gezogen.

Es ist die größte Bodenoffensive gegen den „Islamischen Staat“, die Iraks Regierungstruppen je gestartet haben. 30 000 Soldaten sind in den Kampf gezogen, um die Großstadt Tikrit nördlich von Bagdad von den IS-Extremisten zu befreien. Der Angriff ist auch der erste große Test für die Kampfkraft der irakischen Armee. Die gilt eher als unbrauchbar, nachdem sie im vergangenen Sommer im Kampf panisch vor den IS-Dschihadisten davongelaufen war. Die Schlacht um Tikrit gilt gleichzeitig als Generalprobe: Ist die neue Offensive erfolgreich, öffnet sie auch den Weg die Stadt Millionen-Metropole Mossul wieder aus aus den Händen des IS zu entreißen. Das wäre ein wichtiger Sieg im Kampf um die Vorherrschaft im Irak.

US-Generalstabschef Martin Dempsey hob am Mittwoch in Washington allerdings hervor, dass sich die westlichen Alliierten an den Kämpfen um Tikrit nicht mit Luftangriffen beteiligen. Bei einer Anhörung im US-Kongress in Washington skizzierte nun der oberste US-Offizier die aktuelle Lage in den umkämpften Regionen des Zweistromlandes: Angesichts massiver Luftangriffe durch jordanische, französische und US-Kampfjets hätten die Aufständischen erhebliche Verluste erlitten. Die Kämpfe in den sunnitischen Kernregionen nördlich von Bagdad gestalteten sich schwierig. Auch weil die Grenzen zwischen Aufständischen und unbeteiligten Zivilisten nur schwer zu ziehen seien.

Die Zurückhaltung des Vier-Sterne-Generals kommt nicht von ungefähr: In der sunnitischen Heimatstadt des früheren Diktators Saddam Hussein haben viele ehemalige Soldaten die Sorge, von schiitischen Milizen angegriffen zu werden. Wie es heißt, tragen schiitische Milizen einen Großteil der Offensive der Regierungstruppen. Die wiederum haben bisher bei kleineren Offensiven gegen den IS gewütet und willkürlich Sunniten ermordet - ganz gleich, ob sie auf Seiten des IS standen oder nicht. Kritiker sehen denn auch in der Kolaboration der Regierungstruppen mit den schiitischen Milizen die Gefahr, das Land weiter zu spalten.

Tatsächlich soll zu den Kommandanten der schiitischen Kämpfer auch Ghassem Sulejmani zählen, der im Dienst der iranischen Revolutionsgraden steht. Sulejmanis Eliteeinheit „Ghuds“ sei bereits in Gefechte mit den Extremisten verwickelt. Auch wenn es keine offizielle Bestätigung für die iranische Beteiligung gibt, warnt die Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ vor möglichen Racheakten an Sunniten.

Wie es im Pentagon heißt, versuchen die irakischen Regierungstruppen zunächst, die Großstadt Tikrit einzukesseln, um die IS-Milizen von ihren Nachschublinien abzuschneiden. Mit einem schnellen Einmarsch sei daher nicht zu rechnen. Arabische Medien berichten zudem von Selbstmordattentätern und Sprengfallen, die die Offensive verzögern würden. Trotz unzähliger Hinterhalte sei aber der erste Verteidigungsring um Tikrit durchbrochen worden, heißt es. Die Truppen stünden knapp 20 Kilometer von der Metropole entfernt.

Unterdessen konzentrieren sich die Planungen der westlichen Alliierten offenbar auf die Befreiung von Mossul - die größte Stadt, die sich in den Händen der Aufständischen befindet. Allem Anschein nach soll im April oder Mai ein großes Aufgebot von irakischen und kurdischen Bodentruppen nach massiven Luftangriffen vorrücken. Entsprechende Details hatte ein Offizier des US-Führungskommando in Tampa vor wenigen Tagen - offenbar ohne Rücksprache mit seinen Vorgesetzten - bei einer Telefonkonferenz mit Journalisten erläutert.

Dem neuen Verteidigungsminister Ashton Carter war gestern die Verärgerung über diese Informationspanne deutlich anzusehen: „Das waren keine präzisen Einsatzpläne“, hob Carter vor mehreren Senatoren hervor. „Und wenn sie präzise gewesen wären, hätten sie nicht ausgeplaudert werden dürfen.“

Mossul, das vor der Besetzung fast drei Millionen Einwohner zählte, gilt der US-Führung als strategisch bedeutsames und symbolträchtiges Ziel: Die 35 000 Christen, die bis zum vergangenen Jahr in der einst blühenden Metropole am Tigris lebten, sollen fast vollständig geflüchtet sein. Ihre traditionsreiche Kirche wude gesprengt.

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