Appelle, Aufrufe, Flugblätter

Tröglitz ringt um seine Willkommenskultur

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Foto: Der zurückgetretene Ortsbürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth spricht mit Anwohnern während der Bürgerversammlung.

Tröglitz - Der Bürgermeister-Rücktritt in Tröglitz hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Nun diskutierten 500 Menschen über die Unterbringung von Flüchtlingen in dem sachsen-anhaltischen Dorf - auch ein NPD-Politiker war dabei.

Gespannte Ruhe im Saal. An den Wänden aufgereiht stehen Fernsehkameras und Fotografen. Gut drei Wochen nach dem Bürgermeister-Rücktritt in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) wegen rechter Anfeindungen haben sich rund 500 Einwohner des Ortes versammelt. Hauptthema am Dienstagabend ist die geplante Unterbringung von 40 Flüchtlingen in dem Dorf bei Zeitz. Doch auch nach zweieinhalb Stunden kontroverser Diskussion bleiben viele Fragen offen. Eingeladen hat der Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich (CDU), in das Hyzet-Kultur- und Kongresszentrum in Alttröglitz, einem früheren DDR-Klubhaus. Ulrich will vor allem Bedenken zerstreuen. Dazu präsentiert er viel Statistik - zum Anstieg der Asylbewerberzahlen in Deutschland etwa.

Für den Burgenlandkreis hat sich deren Zahl im Jahr 2014 auf 606 Personen im Vergleich zu 2013 verdoppelt. Und in diesem Jahr wird mit 650 Flüchtlingen gerechnet, vermutlich werden es noch mehr. In Tröglitz ist der Einzug der 40 Asylbewerber von Mitte Mai an vorgesehen. Vom Rang des Saales wird ein Transparent mit dem Schriftzug "Nächstenliebe verlangt Klarheit - Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus" entrollt. Der Beifall für Befürworter der Unterbringung ist deutlich stärker als das Klatschen für Bedenkenträger und Gegner. Der Landrat erläutert Details. So werde ein Sozialpädagoge zur Betreuung der Asylbewerber eingestellt.

Ironischer Beifall brandet auf, als er erklärt, dass er keine genaue Antwort auf die Frage geben könne, "wer genau kommt". Auch der Zeitpunkt der Bürgerversammlung wird kritisiert: "Zu spät!", ruft jemand aus dem Publikum. Der NPD-Kreistagsabgeordnete Steffen Thiel, offensichtlich mit weiteren Anhängern gekommen, fragt, ob es überhaupt bei den 40 Flüchtlingen bleiben werde. Ja, sagt Ulrich - "aber ich kann keine endgültige Garantie für alle Zeiten geben". Von einer Initiative um den evangelischen Pfarrer Matthias Keilholz und den ehemaligen Ortsbürgermeister Markus Nierth wird eine "Tröglitzer Erklärung" für Willkommenskultur, Integration und Weltoffenheit vorgestellt.

"Ich tue was! Miteinander- Füreinander"

Etliche Bürger setzen ihren Namenszug unter die Zeilen "Ich tue was! Miteinander- Füreinander". Die Unterbringungspläne sind bereits seit Ende 2014 bekannt. Am 9. März hatte der Kreistag formal beschlossen, Räume in dem 2.700 Einwohner zählenden Dorf anzumieten. Vorgesehen sind für die Asylbewerber Wohnungen in einem Häuserblock. Der ehrenamtliche Ortsbürgermeister Nierth war Anfang März zurückgetreten, weil eine von Rechtsextremisten mitorganisierte Demonstration gegen die Flüchtlinge vor sein Privathaus führen sollte. Die Behörden sahen zunächst keine Möglichkeit, dies zu verhindern. Inzwischen sind die Aufmärsche ausgesetzt.

Nierth sah sich später auch mit Morddrohungen konfrontiert. Seit Bekanntwerden der Pläne für ein Asylheim wirbt er in Tröglitz für eine Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen. Beigelegt scheint die Spaltung des Ortes am Ende der Versammlung nicht. Da spricht einerseits die Ehefrau des zurückgetretenen Bürgermeisters, Susanna Nierth, von einer überwältigenden Resonanz auf einen Spendenaufruf zur Schaffung von Integrationsangeboten in Tröglitz. Andere dagegen stehen am Ausgang des Kulturhauses und verteilen Flugblätter an die "Mitbürger": "Lügenpresse stoppen! Finanzierung beenden!"

dpa

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