Großbritannien vor der Wahl

Die Verwandlung des Ed Miliband

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Widerstandsfähig durch den Wahlkampf: Labour-Chef Ed Miliband will Großbritanniens neuer Premierminister werden.

London - Am Donnerstag wählt Großbritannien – und der einst so blasse Labour-Vorsitzende Ed Miliband hat überraschende Chancen, Premier David Cameron abzulösen.

Es sind die Tücken des Alltags, die mitunter das Bild eines Politikers prägen. Als Ed Miliband, Vorsitzender der britischen Labour-Partei, im vergangenen Jahr beim Essen eines Bacon-Sandwiches fotografiert wurde, machte er Schlagzeilen. Angestrengt beugte sich der adrett gekleidete Politiker über einen Teller, hielt das Brot so vorsichtig in den Händen wie andere ein Neugeborenes. Verkrampft versuchte er, möglichst unverkrampft zu kauen, doch sein leerer Blick verriet, dass er sich der Konsequenz dieses Auftrittes bereits in jenem Augenblick bewusst gewesen sein dürfte: Das Foto ging bei Twitter, Facebook & Co. um die Welt, britische Tageszeitungen warfen mehr oder weniger unverhohlen die Frage auf: Wie, um Himmels Willen, will dieser ungeschickte Mann jemals unser Land regieren?

An diesem Donnerstag entscheiden die Wähler des Vereinigten Königreichs genau darüber, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Großbritanniens nächster Premierminister Miliband heißt. Nicht so sehr, weil er bei den Wählern eindeutiger Favorit ist. Sondern vor allem, weil der konservative Amtsinhaber David Cameron mit selbstgerechten Auftritten und waghalsigen Thesen die Sympathien des politischen Establishments verspielt hat - und keiner mehr mit ihm zusammenarbeiten will.

Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet

Dies ist die Ausgangslage: Labour (33 Prozent) und Tories (34 Prozent) liegen in den letzten Umfragen gleichauf. Cameron persönlich trauen viele Wähler das Amt des Premiers eher zu als Miliband - doch dürften beide mangels eigener Mehrheit auf Koalitionspartner angewiesen sein. Die fehlen den Konservativen. Alle infrage kommenden Parteien haben im Vorfeld eine Koalition mit Cameron kategorisch ausgeschlossen. Obwohl die Tories am Ende womöglich sogar mehr Abgeordnete ins Unterhaus schicken als Labour, könnte die Anti-Cameron-Fraktion locker seine Wahl verhindern.

Eine Große Koalition ist in Großbritannien unüblich, und so wäre nach derzeitigem Stand allein ein Regierungsbündnis aus Labour, Liberaldemokraten und Schottischer Nationalpartei (SNP) denkbar. Offiziell lehnt Miliband eine Koalition mit der nach Unabhängigkeit für Schottland strebenden SNP ab; deren Parteichefin Nicola Sturgeon ließ jedoch bereits durchblicken, eine Minderheitsregierung von Labour tolerieren zu wollen und gab die Maxime aus: „Das Wichtigste ist, Cameron aus der Downing Street zu werfen.“

Auftritt Miliband und die Vollendung einer Metamorphose, wie es sie in der britischen Politik wohl noch nie gegeben hat? Der lange so blasse Labour-Vorsitzende hat sich während des Wahlkampfes überraschend zu einer echten Führungsfigur entwickelt. In einer TV-Debatte hielt der 45-Jährige kürzlich - den Rücken durchgedrückt, den Blick kämpferisch in die Kameras gerichtet - den darüber sichtlich erstaunten Premierminister auf Trab. Im BBC-Frühstücksfernsehen plauderte er derart selbstbewusst, dass selbst seine eigenen Parteianhänger erstaunt waren. Ob er sich als Premier überhaupt durchsetzen können, fragte der Moderator. „Ich bin, verdammt, hart genug“, schoss Miliband zurück - und plötzlich glauben es die Zuschauer.

Wer, bitteschön, ist Ed Miliband?

Nach der Wahlniederlage Labours im Jahr 2010 schien ausgemacht, wer das Ruder herumreißen sollte: David Miliband, Bruder des jetzigen Spitzenkandidaten Ed. David hatte vor allem als Außenminister sein Profil geschärft. Er galt als intellektuell und schlagfertig, als jemand, der ganze Stadien füllen und ein Land regieren könnte.

Allein seine Treue zum in Ungnade gefallenen Expremier Tony Blair geriet David Miliband zum Verhängnis. Am Ende wurde er in einer Kampfabstimmung denkbar knapp mit 49:51 Prozent von seinem Bruder Ed geschlagen. Dieser hatte rechtzeitig den linken, gewerkschaftsnahen Flügel der Partei auf seine Seite gebracht, ohne den bei den britischen Sozialdemokraten traditionell nichts geht. So manches Labour-Mitglied rieb sich die Augen und Politiker in aller Welt fragten sich: Wer, bitteschön, ist Ed Miliband? Jemand, der ein echtes Imageproblem hatte. Nicht nur, weil er seinen Bruder eiskalt abserviert hat.

In Reden wirkte Miliband anfangs eher wie ein schüchterner Schuljunge als ein Mann, der eine Partei aus dem Umfragetief holen könnte. Der neue, schlacksige Vorsitzende lächelte auf Fotos bemüht bis verkrampft. Wenn er vor Publikum sprach, blickte er ins Leere, erzählte mehr von seinem wenig spannenden Privatleben als von großen Visionen für die Zukunft. Und manchmal vergaß er, den wichtigsten Teil seines Manuskripts auch vorzutragen. Unter Anhängern der Konservativen gab es schnell einen Running Gag: Ihr bester Wahlkampfhelfer sei Ed Miliband - niemand käme je ernsthaft auf die Idee, ihn zu wählen.

„Er ist weit davon entfernt, zu zerbröckeln“

Heute geben selbst konservative Politiker zu: Sie haben ihn unterschätzt. „Er ist weit davon entfernt, zu zerbröckeln“, musste der frühere stellvertretende Tory-Vorsitzende Michael Ashcroft vergangene Woche einräumen. „Miliband hat in einer Reihe eher derber Angriffe ziemlich viel Widerstandsfähigkeit bewiesen.“

Das zielte vor allem in Richtung der konservativen Presse, die sich vor Wochen aus der sachlichen Debatte verabschiedete, und seither das Privatleben Milibands durchleuchtete. Nur: Es gab absolut nichts Skandalöses zu berichten. Nicht einmal wirklich Interessantes.

Hinter Milibands Erfolg steckt zu großen Teilen ein nicht unbekannter Wahlkampfmanager: David Axelrod. Er war der Zauberer, der für Barack Obama den Slogan „Yes We Can“ erfunden hat, der den ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten zu zwei Wahlsiegen verhalf. Im vergangenen Jahr engagierte ihn die britische Labour-Partei. Für seinen neuen hatte er zu anfangs die Einschätzung „ein intelligenter, ernsthafter Mann, mit gutem Wirtschaftsverstand und sozialer Verantwortung“ übrig - nicht eben ein begeistertes Zeugnis. Seither aber blieb in der Parteizentrale nichts mehr dem Zufall überlassen. Und Axelrod hat es geschafft, genau die Eigenschaften Milibands, die vor einem Jahr noch als langweilig galten, in der öffentlichen Wahrnehmung ins Positive zu verkehren.

Partei rückt nach links

Ed Miliband hat die Labour Partei nach links gerückt. Als Wahlkämpfer spricht er von Steuererhöhungen für Reiche, von der Senkung der Studiengebühren, von einem höheren Mindestlohn und davon, dass „der Kapitalismus sich seiner sozialen Verantwortung wieder bewusst werden“ müsse. Es kommt an in einem Land, in dem immer mehr Menschen wirtschaftlich in die Enge getrieben sind. Dass er selbst nicht gerade bescheidenen Verhältnissen entstammt, scheint seiner Glaubwürdigkeit nicht zu schaden. Er wuchs in Primrose Hill auf, einem eleganten Londoner Stadtteil, als Sohn eines jüdischen Marxismus-Forschers und einer Holocaust-Überlebenden; er hat einen Abschluss der Elite-Universität Oxford (Philosophie, Politik, Wirtschaft), studierte im amerikanischen Harvard und an der renommierten London School of Economics. Journalist war er kurz, dann wurde er Karrierepolitiker. Einer, der in den letzten Wochen seine Konkurrenten das Fürchten gelehrt hat.

In der vergangenen Woche versuchten die Konservativen in einer Kampfansage noch schnell, die Rolle der Schottischen Nationalpartei als potenzieller Partnerin für Miliband hochzureden. Die könnte Umfragen zufolge fast alle 59 schottischen Wahlkreise gewinnen. Die Partei werde von Labour im Gegenzug für ihre Unterstützung ein erneutes Unabhängigkeitsreferendum für Schottland erpressen, warnte der frühere Tory-Premier John Major in einem seiner seltenen Auftritte.

Doch mancher erinnerte sich schnell: War es nicht ausgerechnet der konservative Cameron, der sich im vergangenen Jahr zum ersten Schottland-Referendum hinreißen ließ? Und das wäre beinahe zugunsten der Unabhängigkeitsbefürworter ausgegangen. Für die Tories könnte es sich rächen, dass sie sich so lange auf die Abwehr von Ukip und vor allem auf das Thema EU versteift haben. Die eigentlichen Themen des Wahlkampfes vernachlässigten Cameron & Co. dadurch: eine Stärkung des Nationalen Gesundheitsdienstes NHS, mehr Arbeitsplätze, neue bezahlbare Wohnungen. Es scheint, als hätten die Oppositionsparteien alle wirklich bürgernahen Themenfelder weit vor den Konservativen belegt.

Für Labour-Chef Miliband hat sich am Ende selbst das unvorteilhafte Sandwich-Foto ausgezahlt. Beim Kurznachrichtendienst Twitter sammeln Fans seitdem unter dem Stichwort „#Milifandom“ Bilder seiner Auftritte. Mehr als 32 000 Menschen folgen der Seite inzwischen, Miliband hat dadurch vor allem unter jungen Leuten eine Art Kultstatus erlangt.

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