Nato übt den Cyberwar

Wo der virtuelle Krieg real wird

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„Ihre Sorgen sind auch unsere Sorgen“: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit Estlands Ministerpräsident Taavi Rõivas.

Tallinn - Die Nato übt den Cyberwar in Tallinn. „Die Cyberthematik wird die Zukunft bestimmen“, sagt von der Leyen beim Besuch in der estnischen Hauptstadt. Der Krieg im Netz sei „nicht weniger gefährlich als klassische militärische Bedrohungen“, betonte Kanzlerin Angela Merkel.

Hochsicherheitstrakt, Netz-Sterilität, Nerds? Von wegen. Da, wo heute die Nato mit 50 Netzexperten den Einsatz im Cyberwar probt, geht es auf den ersten Blick recht offen und unbekümmert zu. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen knipst ihr ­Lächeln an. Die Front steht: Im „Cooperative Cyber Defense Center of Excellence“ sind für die Übung 200 Rechner vernetzt.

Sicherheitshalber liegt der gesamte Angriffsspielplatz der Militärs im geschlossenen Intranet. „Zu ­gefährlich“ wäre die Einbeziehung des weltweit offenen Internets. 5933-mal schrillten allein bei der Bundeswehr die Alarmglocken wegen versuchter Cyberangriffe auf das militärische IT-Netz. 2007 hatte Estland einen Vorgeschmack auf die Gefahr aus dem Netz erhalten: Tagelang waren öffentliche Computer lahmgelegt, nachdem zuvor eine russische Bronzestatue innerhalb Tallinns verlegt worden war. Gut 50 Prozent der an dem ersten ganz großen Angriff beteiligten Rechner standen im westlichen Ausland.

Noch dienen nahezu alle Cyberangriffe „nur“ der Spionage. Die nächste Eskalationsstufe ist die Sabotage, Einfallstore sind die IT-Systeme. Der Krieg im Netz sei „nicht weniger gefährlich als klassische militärische Bedrohungen“, hat Kanzlerin Angela Merkel betont. Oberstleutnant Jens van Laak, Stabschef im Cyber-Abwehrzentrum von Tallinn, hält allein schon die Frage für eine Zumutung, ob die Nato auch Pläne für Offensivaktionen gegen die potenzielle Gefahr aus dem Netz erwäge. Es gäbe dazu „keinerlei Überlegungen“. Dabei lässt inoffiziell längst kein US-Offizier auch nur den leisesten Hauch eines Zweifels: Sollte es im Netz zu einem fundamentalen Angriff auf die USA kommen, dann würde umgehend „die kinetische Reaktion“ folgen, also ein heißer militärischer Gegenschlag.

Mit dabei in Tallinn ist von deutscher Seite auch eine Juristin aus dem Verwaltungsamt. Sie ist begeistert von der ­herausfordernden Arbeit. Denn noch immer sind die rechtlichen Einschätzungen im Zuge eines Cyberkonflikts völlig ungeklärt. Trotz eines „Tallinn Manuals“ mit 95 Ratschlägen. Ob und wann im Zweifel der Nato-Bündnisfall nach Artikel 5 des Statuts durch den Nato-Rat ausgerufen wird, ist völkerrechtlich nicht geklärt.

Von der Leyen will zusätzliche Millionen in die Abwehr eines Netzangriffs investieren. Sie weiß, die Schadenssumme kann bei zig Milliarden liegen. Der Cyberwar ist keine dunkle Zukunftsvision. In Deutschland sind rund eine Million Internetrechner Teil eines „Botnetzes“, auf das im Fall des Falles Hacker zugreifen könnten, ohne dass die Computerbesitzer davon wissen. Allein aus den ­Netzen der Bundesverwaltung werden monatlich 60 000 infizierte E-Mails herausgefischt. Täglich gibt es bis zu 20 ernsthafte Angriffe. Einmal am Tag versuchen Nachrichtendienste zuzuschlagen. Vielleicht hat der deutsche Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, doch recht, wenn er an seinem relativ abhörsicheren Nokia-Handy aus den Anfangszeiten der Mobiltelefonie festhält. Hacker können da nicht viel anrichten.

Von der Leyen sah sich bei ihrem Besuch in Tallinn noch mit einem anderen Thema konfrontiert: Angesichts der Ukraine-Krise hat Estland die dauerhafte Stationierung europäischer Streitkräfte unter deutscher Führung im Baltikum gefordert. Ministerpräsident Taavi Rõivas erklärte nach einem Gespräch mit der deutschen Ministerin: „Estland ist der Ansicht, dass es eine dauerhaftere Präsenz der europäischen Alliierten in Estland und der baltischen Region geben könnte unter Deutschlands Führung.“ Angesichts der veränderten Sicherheitslage könnten die europäischen Truppen zusätzlich zu den US-Truppen im Baltikum stationiert werden. Von der Leyen äußert sich zunächst nicht öffentlich zu der Forderung, sicherte Estland aber die Solidarität Deutschlands zu: „Ich möchte Ihnen vor allem versichern, dass wir die Sorgen und die Bedrohungswahrnehmung Estlands sehr ernst nehmen“, sagte sie. „Ihre Sorgen sind auch unsere Sorgen.“

Estland gehört neben Litauen, Lettland und Polen zu den vier direkten Nato-Nachbarn Russlands. Die Länder sind wegen der Haltung Moskaus im Ukraine-Konflikt besorgt um die eigene Sicherheit. Die Nato hat deshalb ihre Präsenz in der Region deutlich erhöht. Im Rotationsprinzip sind seit April 2014 jeweils 150 US-Soldaten in Estland, Lettland und Litauen sowie in Polen stationiert, ebenso werden mehr Militärübungen in den östlichen Nato-Staaten durchgeführt. Daran nehmen auch deutsche Soldaten teil.

Mit maßgeblicher Beteiligung Deutschlands wird zudem eine neue schnelle Eingreiftruppe der Nato aufgebaut, die zwei bis fünf Tage zur Mobilisierung benötigt. Zweifel an der Reaktionsfähigkeit der Nato bei möglichen Angriffen auf das Bündnisgebiet wies von der Leyen zurück.

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