Die Heimat des Copiloten von Flug 4U9525

Wenn alle Ordnung zerbricht

- Der Copilot des Germanwing-Fluges 4U9525 hat die Maschine anscheinend absichtlich abstürzen lassen und 149 Menschen mit in den Tod gerissen. Er stammt aus Montabaur. Was verrät der Ort über den Menschen? Eine Annäherung von Thorsten Fuchs.

Sie müssen die Ordnung lieben. Das Gezähmte, den Plan, die Beherrschung. Wenn etwas auffällt an diesem Haus, an diesem zweistöckigen weiß gefliesten Neubaugebietsdurchschnitt, dann ist es der schmale Garten davor: Wie akkurat dort jede Pflanze gestutzt ist. Wie penibel jeder Busch und jeder Strauch in Form gebracht wurde.

Kein Blatt, das aus der gerundeten Hecke vorwitzig hinausragt, kein Zweig des Rhododendrons, der nicht an seinem Platz wäre. Die Gartenzwerge stehen eng beieinander, nach Größe sortiert. Vorne die kleinen, hinten die großen. Die Familie Lubitz, so scheint es, wollte alles Unbeherrschte, alles Unkontrollierbare verbannen.Es ist ihr nicht gelungen.

Der Stadt wird lange ein Attribut anhaften

Der Junge, der hier aufgewachsen ist, der sein Zimmer im ersten Stock dieses Hauses hatte, hat 149 Menschen mit in den Tod gerissen. Andreas Lubitz war der Copilot von Flug 4U9525, der am Dienstag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf an einer Alpen-Felswand zerschellte. Längst nicht alles an diesem Unglück ist geklärt. Aber jedes Detail, das neu bekannt wird, scheint zu passen in die Geschichte jenes jungen Mannes, der bei seinem Suizid keine Rücksicht nahm auf die Menschen, die ihm anvertraut waren. Was man weiß, ist: Andreas Lubitz war krank. Er hat wohl seinen Kollegen, den Flugkapitän, aus dem Cockpit ausgesperrt. Und er saß am Steuer des Airbus, als dieser langsam, aber zielstrebig aus der Höhe Richtung Felsen sank. Was man nicht weiß, ist: Was ging in seinem Kopf vor?

Wer hier nun nach Antworten sucht, in diesem 12.500-Einwohner-Städtchen zwischen Frankfurt und Köln, der findet die Geschichte eines jungen Mannes, dem es an äußerer Ordnung anscheinend nie fehlte, dem die innere aber irgendwann abhandenkam. Und er findet die Geschichte eines Ortes, dessen Bewohner nun zwischen Hilflosigkeit, Wut und Trauer schwanken – und die nun ahnen, dass ihrer Stadt ein Attribut für lange Zeit anhaften könnte: Montabaur, die Heimat des Suizid-Piloten.

„Ich weigere mich einfach, das zu glauben“

Es ist Donnerstag, gegen 21 Uhr, der Abend, nachdem der französische Staatsanwalt Brice Robin den Namen Andreas Lubitz in einer vom Fernsehen übertragenen Pressekonferenz nannte. Wohl noch gut 150 Journalisten stehen vor Lubitz’ Elternhaus. Man hört Französisch, Dänisch, Niederländisch, Spanisch. Es nieselt. Scheinwerfer erhellen den Vorgarten, die Fassade, die akkuraten Büsche. Die Kameraleute filmen Ermittler, wie sie drei blaue Säcke und einen Computer aus dem Haus tragen. Es sind Bilder, die wenig erzählen. Man erfährt nicht, was in den Säcken ist. Aber irgendwie muss man auch Hilflosigkeit illustrieren.

Am Rand, etwas abseits, steht Johannes Rossbach und kämpft einen einsamen Kampf. Rossbach wohnt zwei Häuser weiter, er ist selbst noch ein junger Mann, und weil er eine Augenklappe trägt, kann man ihn wahrscheinlich bald in Fernsehbeiträgen in ganz Europa rasch wiedererkennen. „Ich weigere mich einfach, das zu glauben“, sagt er. „Es ist schlimm, wie die Leute über ihn herziehen, obwohl doch noch gar nichts hundertprozentig bewiesen ist.“ Johannes Rossbach wehrt sich dagegen, dass der junge Mann, der so oft an seinem Haus vorbeigejoggt ist, vorverurteilt wird.

Alle Beschreibungen ähneln sich

Es ist ein Kampf, denn Rossbach verliert. „Amok-Pilot“, schreibt „Bild“ am nächsten Tag über ein Bild des Sohnes seiner Nachbarn.

Über Andreas Lubitz sagt Rossbach nur, dass er immer nett und freundlich gewesen sei. Wie sich die Beschreibungen von ihm ja ohnehin sehr ähneln, so knapp und nichtssagend, wie sie ausfallen. Sympathisch, höflich, freundlich, das sagen sie alle. Die Kollegen im Segelsportclub, die Bedienung im Café, in dem er häufig war, Sibila Zaccarou, die „gar nicht depressiv“ hinzufügt, oder auch sein ehemaliger Chef bei Burger King im Nachbarort Heiligroth, wo er früher jobbte. „Zuverlässig, überdurchschnittlich in jeder Hinsicht“, sagt Detlef Aldolf. Wahrscheinlich erzählen all diese Beschreibungen zweierlei: dass Andreas Lubitz tatsächlich ein sehr umgänglicher, pflichtbewusster, äußerlich angepasster Mensch gewesen sein muss. Aber es liegt, zum Zweiten, immer auch ein gewisser Trotz in diesen Sätzen, ein Unterton: Glaubt doch nicht, dass jemand etwas hätte merken können. Glaubt doch nicht, dass wir etwas hätten merken können. Der Pastor der evangelischen Kirchengemeinde, in der die Mutter von Andreas Lubitz Organistin ist, steht in grauen Hausschuhen und rotem Pullover im Türrahmen des Pfarrhauses und bemüht sich nach vielen Journalistenbesuchen um Höflichkeit. „Die Stimmung in der Gemeinde ist aufgewühlt, aufruhrmäßig“, sagt er.

„Und viele sind genervt.“ Von den Medien. Von den Fragen, die sie sich vielleicht auch selbst stellen.

Das innere Chaos

Es gab sie ja, die Anzeichen, dass die äußere Beherrschtheit nur ein Teil der Wahrheit war. Er hat davon erzählt. Zum Beispiel bei Burger King. Ausgerechnet dort. Aber der Ort muss ein Stück Heimat für ihn gewesen sein. Er hat dort etwa 2008, vor seiner Pilotenausbildung, ein Jahr lang gearbeitet, auf 400-Euro-Basis, sagt sein früherer Chef, Detlef Aldolf. Er hat dort auch seine Freundin kennengelernt, die ebenfalls dort arbeitete. Er kam auch danach häufig dorthin, als er nicht mehr ständig in Montabaur lebte. Als er seine Pilotenausbildung unterbrach, sagte er zu Freunden bei Burger King: „Zu viel Stress. Ich muss mal ‘ne Pause machen.

Die Pause währte mehrere Monate. Aber mehr an innerem Chaos wollte er anderen vielleicht nicht eingestehen, und vielleicht auch nicht sich selbst.

Wenn es stimmt, was die Ermittler nun vermuten, dann hat die Trennung von seiner Freundin Andreas Lubitz in eine erneute tiefe Krise gestürzt. Im Café gegenüber dem Rathaus, in der fachwerkgesäumten Einkaufsstraße, ist Lubitz oft mit ihr gewesen. Sibila Zaccarou, die Bedienung, kann sich gut an beide erinnern. Sie aßen Eis, tranken Cappuccino, „immer am Wochenende“. Sibila Zaccarou hat sie als fröhliches Paar in Erinnerung.

Ein Detail, das alles in sich fügt

Das letzte Mal, sagt sie, kam Andreas Lubitz Mitte Februar. Mit seiner Mutter. Er trank nur Kaffee.

Andreas Lubitz war, seit er seine Pilotenausbildung begonnen hatte, nicht mehr ständig in Montabaur. Er hatte eine Wohnung in Düsseldorf. Dort haben die Ermittler Krankschreibungen gefunden. Andreas Lubitz hat sie nicht abgegeben. Er hat sie zerknüllt, zerrissen. An dem Tag, an dem er mit Flug 4U9525 gegen die Felswand flog, war er arbeitsunfähig.

Das ist kein Beweis. Aber ein Detail, das sich in alles fügt, was man bislang weiß.

Während die Ermittler dies am Freitagmittag erklären, stehen noch immer Dutzende Kamerateams vor Andreas Lubitz’ Elternhaus. Es ist zum Symbol geworden für diesen Widerspruch zwischen bürgerlicher heiler Welt und diesem Unglück, das vielleicht nicht nur eine Tragödie war, sondern auch ein Verbrechen.

Das Haus ist leer. Am Abend, fast unbemerkt, hatten die Polizisten, verborgen unter einer Wolldecke, einen älteren Mann hinausgeführt, offenbar den Vater. Vor der Haustür liegt nun ein Blumenstrauß. Grußlos, noch eingehüllt in Folie, ohne Karte. Im Vorgarten, zwischen den Büschen, brennt eine Kerze, ein Trauerlicht. Im Plan war sie nicht vorgesehen. Sie hätte dort nie stehen sollen.

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