Gedenken an 8. Mai 1945

Zwei Botschaften an Putins Adresse

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„Ich verneige mich vor Ihrem Leid“: Gauck mit russischem Kriegsveteran.

Lebus/Berlin - Zum Gedenken an das Kriegsende vor 70 Jahren dankt Bundespräsident Joachim Gauck der Roten Armee – und der Festredner im Bundestag greift die aktuelle Moskauer Außenpolitik an.

Ganz viele verschiedene Schauplätze hat dieser 8. Mai. Ob in Paris, im Deutschen Bundestag in Berlin, auf der Westerplatte bei Danzig, in Washington oder im brandenburgischen Lebus, dem zentralen sowjetischen Soldatenfriedhof mit mehr als 4800 Gräbern: Überall wird an das offizielle Kriegsende vor 70 Jahren erinnert. Das geschieht mal feierlich mit Pomp, Soldaten und Uniformen, mal nachdenklich.

Es ist ein Tag der Symbole, und so hat Bundespräsident Joachim Gauck seinen Ort an diesem Tag, den russischen Soldatenfriedhof, ganz bewusst gewählt: Er ehrt die russischen Toten. Rund 57 Millionen Menschen sind im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen, bei weitem die meisten Opfer hatte die Sowjetunion zu beklagen: 27 Millionen, mehr als die Hälfte davon waren Zivilisten. Wenn die Russen heute mit einer großen Militärparade, die auf dem Roten Platz startet, an den „Sieg über Hitler-Deutschland“ erinnert, so steht Gaucks demutsvolle Geste wohl im Kontrast zu dieser militärischen Machtdemonstration. Dass Kanzlerin Angela Merkel heute dort fehlt, soll nicht als diplomatischer Affront verstanden werden. Immerhin wird die Kanzlerin einen Tag später in Moskau sein und am Grab des unbekannten Soldaten in Stille verharren.

Gedenkfeiern zu historischen Anlässen haben immer einen Bezug zur politischen Gegenwart. Und so gibt es an diesem 8. Mai in Deutschland beides - den Respekt vor den russischen Soldaten, die vor 70 Jahren als Befreier gekommen waren, und die Kritik an der aktuellen Politik der Russen. Zunächst zu den Befreiern: Gauck sagt einen Satz, der in russischen Ohren wohl klingt, weil er der Roten Armee Anerkennung zollt: „Ich verneige mich vor ihrem Leid und dem Leid und der Leistung derer, die gegen Hitler-Deutschland gekämpft und Deutschland befreit haben.“ Als nächster tritt Bundestagspräsident Norbert Lammert auf mit einer kurzen Ansprache beim Festakt im Parlament. Er erinnert an den deutschen Widerstand gegen Hitler, an die Tatsache, dass mutige Menschen gegen die Diktatur der Nazis aufbegehrt hatten. Doch Respekt gelte an diesem 8. Mai vor allem denen, „die unter unvorstellbaren Verlusten die nationalsozialistische Terrorherrschaft beendet haben“, fügt Lammert hinzu. Es habe eben keine „Selbstbefreiung“ Deutschlands gegeben, sondern eine Befreiung.

Doch bei diesen respektvollen Worten an die russische Adresse allein bleibt es nicht, kann es nicht bleiben. Nicht den hohen Staatsvertretern aber kommt an diesem Freitag die Rolle zu, die Kritik an den Russen vorzutragen. Diese Aufgabe wird im Bundestag beim Festakt dem Festredner überlassen. Der parteiübergreifend anerkannte Historiker Heinrich August Winkler ermahnt zunächst die Deutschen, die eigene Schuld des Holocaust nicht als Vorwand zu nutzen, sich in aktuelle Konflikte einzumischen - oder sich herauszuhalten. Im Gegenteil, sagt Winkler. Die NS-Verbrechen verpflichteten dazu, sich immer und überall für die Menschenwürde und für das Selbstbestimmungsrecht der Völker einzusetzen.

Besondere Verpflichtung zur Solidarität

Ausdrücklich erinnert Winkler an die „Charta von Paris“ von 1990 - die Vereinbarung der europäischen Staaten nach den Revolutionen in Osteuropa. Zur Demokratie und gegenseitigen Achtung der Souveränität hätten sich die Länder verpflichtet, auch die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Indem Russland im vergangenen Jahr die Krim annektierte, sei diese Charta infrage gestellt worden - „und mit ihr die europäische Friedensordnung“. Deutschland müsse nun Verantwortung übernehmen. Eine besondere Verpflichtung zur Solidarität gebe es gegenüber den Ländern, die erst vor 25 Jahren ihr Recht auf Selbstbestimmung wiedererlangt hätten: „Nie wieder dürfen unsere ostmitteleuropäischen Nachbarn, die 1939 und 1940 Opfer der deutsch-sowjetischen Doppelaggression im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wurden, den Eindruck gewinnen, als werde zwischen Berlin und Moskau irgendetwas über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten entschieden.“ Winkler ist an diesem Tag derjenige, der sich vor allem an die Polen, Balten und anderen Osteuropäer richtet, die diesen 8. Mai mit ganz anderen, gemischten Gefühlen begehen - in der Angst vor einem unberechenbaren großen Nachbarn Russland und vor zu viel deutschem Verständnis für die Politiker in Moskau.

Putin selbst gratulierte den Staatschefs der früheren Sowjetrepubliken zum „Großen Sieg“ über Deutschland. Adressat dieser Botschaft war auch der Präsident der Ukraine. In seinen Ohren wird das merkwürdig klingen.

Von Marion van der Kraats und Klaus Wallbaum

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