100 Bestattungen im Ruheforst pro Jahr

Abschied unter Baumkronen

Bad Arolsen-Helsen - Die Zahl der Bestattungen im Ruheforst bei Helsen nimmt zu. Noch vor Jahren gab es größere Vorbehalte.

Es ist Mittag. Die Sonne scheint über den Bäumen im Waldgebiet Kroneiche. Licht und Schatten malen Muster auf die sorgfältig angelegten Wege. Langsam füllt sich der große Parkplatz vor dem Ruheforst in Kohlgrund. Eine Trauergemeinde findet sich zusammen, um einen Angehörigen auf dem letzten Weg zu begleiten. Schnell sind alle von der Ruhe und Harmonie, die dieser Ort ausstrahlt, ergriffen. „So nimm denn meine Hände“ erklingt es dann zu Beginn der Trauerfeier vor dem großen Kreuz unter den Eichen, und zur Begleitung zwitschern die Vögel. Langsam geht ein Mann vorbei, er möchte seine Frau besuchen. „Seit vier Jahren liegt sie hier, wir haben die Entscheidung für den Ruheforst gemeinsam getroffen“, erzählt er. „Ich komme oft hierher, es ist so ein schöner Ort. So ruhig, so friedlich. Nicht nur bei schönem Wetter wie heute. Selbst wenn es regnet oder kalt ist, fühle ich mich hier meiner Frau und der Natur sehr nah. Auch ich werde eines Tages unter unserem Baum liegen.“ „Ruhebiotope“ werden die Bäume genannt, die im Wald als Grabstätte ausgewählt werden können. Einige tragen als Kennzeichnung nur Nummern und sind kaum zu erkennen. Andere haben Namensschilder, kleine Blumensträuße oder Blüten zeigen, dass vor Kurzem Besuch hier war. Eine besondere Form der Grabpflege gibt es nicht, denn alles ist ein Teil der Natur. Die Beisetzung in einem Ruhebiotop ist frei von Zwängen und richtet sich nach dem Willen des Verstorbenen oder dessen Angehörigen. Auch Trauerzeremonien unterliegen keiner Vorschrift. Wer will, kann auch ganz darauf verzichten. Selbst der Wald darf sich für mindestens 100 Jahre links und rechts der Wege weitgehend ungestört wieder zu einem Urwald entwickeln. Es sind gerade dieses Gefühl der Freiheit und der Einklang mit der Natur, die mehr und mehr Menschen veranlassen, sich für diese alternative Form der Bestattung zu entscheiden. Rund 100 Menschen finden inzwischen jedes Jahr im Ruheforst in Bad Arolsen ihre letzte Ruhe und die Tendenz ist steigend. „Das war nicht immer so“, erinnert sich Achim Frese, Betriebsleiter der Fürstlich Wal­deckschen Hauptverwaltung. „Bevor wir im Jahr 2006 eröffnen konnten, hatten wir einige Widerstände zu überwinden. Gerade die Vertreter der Kirchen aller Konfessionen hatten große Bedenken. Sie fürchteten vor allem, dass die christliche Form der Bestattungskultur Schaden nehmen könnte, wenn man ihr den althergebrachten Rahmen nimmt. Doch im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass gerade diese Umgebung die Nähe zum Glauben stärken kann, und so wird der Ruheforst heute von allen anerkannt.“ Auch für Pfarrer Roland Kupski aus Großenritte, der heute die Trauernden begleitet, ist klar: „Der Trost des Evangeliums kann überall stattfinden, dazu braucht man keine Mauern, auch wenn die manchmal vor Regen oder Schnee besseren Schutz bieten können. Die Kirche muss dort sein, wo sie gebraucht wird.“ Kurz vor den Sommerferien war „Leben, Tod und Auferstehung“ auch ein Thema für die Klasse 9 des Christian-Rauch- Gymnasiums. Auch hier wiederholen sich die Argumente, spiegelt sich der Trend zum Ruheforst wider. Fast die Hälfte der Schüler würde sich schon jetzt eine Beisetzung im Wald wünschen. Jenny meint, der herkömmliche Friedhof sei zu sehr geregelt und damit zu unpersönlich. Im Freiraum der Natur seien die Erinnerung und der Rückblick an den Angehörigen persönlicher. Sven glaubt, auch vor dem Tod könnten die Verbundenheit zur Natur und die Ruhe des Waldes ein tröstliches Gefühl sein. Britt fühlt den christliche Glauben bestärkt, denn der natürliche Kreislauf der Natur zeige, anders als die künstlich angelegten Gräber auf einem herkömmlichen Friedhof, dass es immer weitergeht, dass mit den Jahreszeiten manches stirbt und auch wieder Neues entsteht. Es werden in der Klasse aber auch Ängste deutlich: Wenn es keine Begrenzung durch Steine gibt, wird man vielleicht nicht gefunden und dann auch vergessen. Vielleicht wird den Angehörigen auch der Weg zu beschwerlich oder es käme tatsächlich auch der kirchlich- christliche Gedanke zu kurz. Genau diese Gegensätze sind es, die immer wieder zu Diskussionen führen. Doch die Bestattungskultur unterliegt, genau wie die Gesellschaft, dem Wandel. Familienbande sind nicht mehr so eng wie noch vor einigen Jahren. Das stellt, auch im ländlichen Raum, die Frage – wer soll noch an meinem Grab trauern; wer kümmert sich um die Grabpflege und nicht zuletzt spielen auch die Kosten eine Rolle.Achim Frese weiß um die Emotionen, die dieser Teil seiner Arbeit auslöst, und hat doch den sachlichen Blick auf den Ruheforst in Kohlgrund: „Wir sorgen dafür, dass es eine klare Abgrenzung gibt zum Rest des Waldes, wir bauen Wege, die auch für ältere Menschen begehbar sind. Mit Bänken und dem Platz für eine Trauerfeier bieten wir Möglichkeiten der Ruhe und des Gedenkens. Wir bieten allen, die sich interessieren, ausführliche Informationen zu unserem Konzept und den Angehörigen jede Unterstützung in der Vorbereitung einer Trauerfeier. Doch zum Ende muss jeder seine eigene Entscheidung treffen und dem letzten Willen gehört jeder Respekt.“

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