Displaced Persons: Überlebende ohne Heimat · WLZ-FZ-Serie über den Internationalen Suchdienst (Folge 7)

„Als wären wir Teil der Geschichte“

- Bad Arolsen. „Wie würde ich reagieren? Was hätte ich empfunden? Mit welchen Gedanken haben sich diese Menschen damals beim Zubettgehen gequält?“ Wenn Abiturienten sich solche Fragen stellen, dann hat der Geschichtsunterricht gut funktioniert.

Hendrik Fox erforschte Ende vergangenen Jahres mit 16 Mitschülern das Schicksal von „Displaced Persons“ in Nordhessen. Mit diesem Begriff bezeichneten die Westalliierten nach Kriegsende Menschen, die nicht an dem Ort beheimatet waren, an dem sie sich aufhielten. Unter diese Definition fielen etwa Zwangsarbeiter, die während des Krieges in deutschen Betrieben 
arbeiten mussten, Kriegsgefangene, ehemalige KZ-Häftlinge 
und Osteuropäer. Nicht ge-meint waren die vielen Millionen deutschen Flüchtlinge, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Jüdische Überlebende bildeten eine vergleichsweise kleine Gruppe der DPs.

„Die Recherche im Archiv des Internationalen Suchdienstes verlief eher nüchtern“, berichtet Fox. Scheinbar endlose Namenslisten sichtete die Projektgruppe aus dem Geschichtskurs von Andreas Neuwöhner, Lehrer an der Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen. Unterstützt wurden die Gymnasiasten durch das Team von ITS-Historikerin Dr. Susanne Urban. Doch je mehr Spuren sie fanden, je genauer sich die Lebenswege anhand von Karteikarten, Krankenpapieren oder Fragebögen abzeichneten, desto geringer wurde die Distanz, desto intensiver stellte sich ein Gefühl der Beklemmung ein. „Diese Erinnerung wird auf 
jeden Fall bleiben“, sagt Fox: „Wir fühlten uns fast, als wären wir ein Teil der Geschichte.“

Es sind Schicksale wie das von Anna Naumova, die den 20-jährigen Ehringer dazu gebracht haben, über den eigenen Heimatbegriff nachzudenken. Ein Blick in ihre Unterlagen verdeutlicht es: Geboren 1898 in Pskov in Russland, wird sie aus Sarajevo nach Österreich verschleppt, muss in Wien in der Kantine einer Baufirma arbeiten. Das Kriegsende erlebt die Zwangsarbeiterin in Niedersachswerfen bei Nordhausen in Thüringen. Das nahegelegene Arbeits- und spätere Konzentrationslager Mittelbau-Dora wird am 11. April 1945 von der US-Armee befreit. Anna Naumovas Traum von Freiheit heißt Kanada. Bei ihrer Registrierung im DP-Camp in Mönchehof im heutigen Landkreis Hofgeismar gibt sie dies in der Rubrik „Desired Destination“ an – gewünschtes Ziel. Mit einem Schiff erreicht sie 1951 die Vereinigten Staaten.

Bei Kriegsende befanden sich in Westdeutschland, Berlin und Österreich acht bis neun Millionen Displaced Persons. Untergebracht waren sie in etwa 2500 Lagern. Eines befand sich auch in Korbach auf dem Werksgelände des Continental-Werks an der Limmerstraße, ein weiteres etwa im Stadtteil Wolfs-
anger-Hasenhecke im nahezu völlig zerstörten Kassel.

Angesichts der katastrophalen Wohnraumsituation griffen die Westalliierten hauptsächlich auf bestehende Ka-
sernen, ehemalige Kriegsge-fangenen- und Konzentrationslager sowie Unterkünfte für Zwangsarbeiter zurück und richteten dort DP-Camps ein. Die Militärverwaltungen in den drei westlichen Besatzungszonen betrauten die Flüchtlings-Hilfsorganisation der Vereinten Nationen (UNRRA) mit der Betreuung. In jedem Lager gab es ein Leitungsteam, das sich aus acht Verantwortlichen für unterschiedliche Bereiche der Lagerverwaltung und sechs Funktionsträgern (Koch, Krankenpfleger, Fahrer, Schreibkraft) zusammensetzte.

„Das Entsetzen alliierter Soldaten angesichts der befreiten Konzentrationslager oder der aus dem System der Zwangsarbeit entlassenen Menschen mündete oft in spontane Fürsorge, Empathie und Hilfe“, erläutert ITS-Historikerin Dr. Susanne Urban. Insbesondere die westlichen Alliierten halfen den Überlebenden, sich in DP-Camps zu organisieren. Außer „Obdach, Nahrung und Kleidung“ boten sie den DPs auch „die Möglichkeit, über eine freie Presse, freie Wahlen der Lagervertretung, Theater, Kinos und Bibliotheken die Meinungsfreiheit wieder zu erlangen“. Ab Dezember 1951 kamen die DP-Lager der amerikanischen und britischen Besatzungszonen unter deutsche Verwaltung.

Bereits in der Erklärung von Jalta hatten sich die Alliierten die Rückholung (Repatriierung) der Kriegsflüchtlinge zum Ziel gesetzt. Bis Ende 1946 kehrten knapp sechs Millionen DPs in ihre Heimatländer zurück. Rund 1,5 Millionen Heimatlose wanderten aus, vor allem nach 
Australien, Israel, Kanada und in die Vereinigten Staaten.

Für ungefähr eine Million Menschen kam jedoch eine Rückkehr in ihre Heimat nicht in Frage. Darunter fielen befreite Zwangsarbeiter, die nicht in ihre von der Sowjetarmee besetzten Heimatländer wie Polen oder die Ukraine zurückkehren wollten, jüdische Überlebende des Holocaust, die ihre gesamte Existenz verloren hatten, aber auch Osteuropäer und Balten, die freiwillig für die Deutschen gearbeitet hatten und nun Repressalien in ihren Heimatländern fürchteten. Dr. Urban: „Jene aus der Sowjetunion stammenden Zwangsarbeiter, die nicht selten auch zwangsrepatriiert wurden, erlitten jedoch, im Vergleich zu anderen Opfergruppen, ein weiteres Verfolgungsschicksal. Weil es eine Art Generalverdacht der Kollaboration mit Nazi-Deutschland gab, wurden sie erneut zur Zwangsarbeit – nun zum Wiederaufbau der Sowjetunion – eingesetzt.“

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