Wie ein Archiv mit 26 Kilometer Akten digitalisiert wird · WLZ-FZ-Serie über die Arbeit des Internationalen Suchdienstes (Folge 15)

Blatt für Blatt, Schicksal für Schicksal

- Die Originaldokumente zu schonen und den 
Datenbestand möglichst vielen Forschern möglichst einfach zugänglich zu 
machen: Diese Ziele verfolgt der Internationale Suchdienst mit der Digitalisierung seines Archivs.

Bad Arolsen. „Dancing Auschwitz“: Das Video, in dem der 89-jährige Auschwitz-Überle-bende Adam Kohn mit seinen Enkelinnen und Enkeln vor dem 
Tor des Vernichtingslagers zu Gloria Gaynors Hit „I will survive“ tanzt, haben inzwischen Millionen von Menschen im 
Internet gesehen. Befremdlich, verwirrend, begeisternd, anrührend, authentisch: Die Meinungen über diese Art der Auseinandersetzung mit dem Holocaust gehen weit auseinander.

Die weltweite Aufmerksamkeit führte auch zu Anfragen beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen. Dort finden sich mehrere Dokumente, unter anderem ein Ausweis mit Foto aus dem Jahr 1948, den Kohn als Displaced Person erhielt. Er kam 1921 im polnischen Plaszka zur Welt. Beim Einmarsch der Deutschen war er noch in der Ausbildung. Er wurde ins Ghetto Lodz und ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt. Am 8. September 1944 erscheint Kohn auf einer Transportliste von 300 Juden 
ins Außenlager Friedland (Niederschlesien) des KZ Groß-
Rosen – das erste Dokument 
zu seiner Verfolgung im Archiv des ITS. Das Außenlager wurde erst mit diesem Transport 
eröffnet. Die Häftlinge mussten vorwiegend in der Rüstungsproduktion für die Vereinigten Deutschen Metallwerke arbeiten. Kohn wurde als „Mechaniker“ in der Liste der Berufe geführt. Mit dem Einrücken der Roten Armee am 9. Mai 1945 kam für Kohn die Befreiung.

Am 20. November 1948 stieg Kohn zusammen mit seiner Frau Maria und seiner 1947 
geborenen Tochter Celina an Bord des Schiffes „Eridan“ und wanderte in Richtung Australien aus, wo er und seine Familie bis heute leben. Der ITS hat Kohn Kopien von seinen Dokumenten zugesandt.

Der schnelle Zugriff auf den riesigen Datenbestand, der rund 26 000 laufende Meter an vorhandenem Material umfasst, ist vor allem durch die weitgehende Digitalisierung der Dokumente möglich. Mit Digitalkameras werden die Dokumente Blatt für Blatt, Zettel für Zettel abgelichtet. Bis zum vergangenen Januar dauerte dieser Prozess für die Gruppe der Displaced Persons (DP). Deren Akten geben Aufschluss über das Schicksal von Menschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges aus Konzentrationslagern, Zwangsarbeit und teilweise aus Kriegsgefangenschaft befreit wurden.

Im Wesentlichen sind die DP-Dokumente zwischen 1947 und 1952 entstanden. Es handelte sich dabei um insgesamt 350 000 Umschläge mit Unterlagen aus DP-Lagern in Deutschland, Österreich, Italien und England sowie um Schiffs- und Emigrationslisten. In den Umschlägen befinden sich die so genannten CM1-Fragebögen (Care and Maintenance/Fürsorge und Unterhalt), in denen rund 800 000 Displaced Persons ihre Erlebnisse während des Krieges wiedergeben und ihren Wunsch nach Auswanderung begründen. Daneben erzählen Fotos, Krankenunterlagen, Heirats- und Geburtsurkunden, Briefe und teilweise auch Arbeitsproben aus dem Leben in den DP-Lagern der Nachkriegszeit.

Bereits zuvor waren die 
Bestände mit Dokumenten zur Inhaftierung in Konzentrationslagern und Gefängnissen (zirka 18 Millionen Abbildungen) und der Zentralen Namenkartei des ITS (rund 42 Millionen Abbildungen) auf diese Weise eingelesen worden. Wegen der 
unterschiedlichen Formate der Unterlagen – vom Passfoto bis zum Fragebogen im amerikanischen Tabloid-Format (ähnlich DIN A 3) – kamen dafür Standardgeräte nicht in Frage. Außerdem handelt es sich meist um so empfindliche Original-dokumente, dass nur speziell für den ITS angefertigte Scan-Stationen eingesetzt werden konnten. An der Finanzierung der Geräte beteiligte sich das 
US Holocaust Memorial Museum in Washington.

An zurzeit elf Scan-Stationen werden die Dokumente fotografiert. Zwei spezielle Hochfrequenzlampen sorgen für eine konstante Beleuchtung der einzelnen Stationen. Eine Ansaugvorrichtung unter der schwarzen, gelochten Auflagefläche glättet das Papier. „Jede einzelne Station ist mit einem Drei-
Personen-Team für die Vorbe-reitung, den Scan-Vorgang und die Nachbereitung besetzt“, erklärt Alexander Lommel, Abteilungsleiter Digitalisierung.

Mit Hilfe eines für den Suchdienst entwickelten Programms können die Mitarbeiter am PC jederzeit in einer Live-Vorschau die Aufnahmen verfolgen. Zugleich sorgt das Programm dafür, dass die Aufnahmen automatisch nummeriert und nachbearbeitet werden. Nach der Qualitätsprüfung erfolgt abschließend eine Indizierung nach Namen und Geburtsdaten. „Sie können sich das Ganze wie eine Pipeline vorstellen“, erläutert Lommel: „Aus Hunderten Metern Akten werden Millionen recherchierbare Datensätze.“

Auf dem Sprung ins digitale Zeitalter befinden sich aktuell die rund drei Millionen Korrespondenzfälle des Suchdienstes. Seit Anfang des Jahres laufen 
die Akten durch die Scan-Stationen. Das gesamte Projekt der Digitalisierung der Fallkorrespondenz wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Die Unterlagen enthalten 
Anfragen, Briefe und Zeitzeugenberichte von Menschen, die selbst Opfer der nationalso-
zialistischen Verfolgung geworden sind, oder von deren Familienangehörigen. „In Kombination mit den Originaldokumenten aus der NS-Zeit bieten die Korrespondenzfälle eine umfassende Darstellung vom Schicksal des Einzelnen“, so der ITS-Archivleiter Udo Jost. „Sie fügen die häufig nur noch fragmen-
tarisch vorhandenen Puzzleteile aus den Dokumenten zu einem Gesamtbild zusammen.“

Die Menschen wandten sich an den Suchdienst, um Auskunft über die vorhandenen Dokumente zu erhalten oder noch lebende Familienangehörige zu suchen. In vielen Fällen benötigten sie auch Nachweise für Entschädigungs- oder Rentenanträge. „Im Laufe von über sechs Jahrzehnten haben sich so rund drei Millionen Fälle angesammelt. Im Schnitt umfasst die Korrespondenz jeweils 20 Seiten Papier“, erläutert Alexander Lommel, Leiter der Abteilung Digitalisierung.

Insgesamt hat der ITS bisher rund 87 Millionen Abbildungen und circa sieben Terabyte 
(7000 Gigabyte) an Daten digitalisiert. Zum Vergleich: Ein handelsüblicher DVD-Rohling 
besitzt eine Speicherkapazität 
von 4,7 Gigabyte.

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